Buchempfehlung: Rückblick auf das Jahr 1517

Luther, die Reformation und was sonst noch geschah …

von Mathias Iven

Wenn wir auf das Jahr 2017 zurückblicken, so wird es vielen als das Jahr Martin Luthers in Erinnerung bleiben. Bücher, Artikel, Fernsehsendungen, Ausstellungen – der Wittenberger Reformator war präsent wie nie zuvor. Zu Recht! Als Luther am 31. Oktober 1517 dem Erzbischof von Mainz seine lediglich als Diskussionsgrundlage gedachten 95 Thesen »zur Klärung der Kraft der Ablässe« übersandte konnte er nicht ahnen, dass das für die Kirche der Beginn einer neuen Zeitrechnung werden würde – doch so geschah es. Als »annus mirabilis«, als Wunderjahr ging das Jahr 1517 in die protestantische Geschichtsdeutung ein.

Doch was ereignete sich damals sonst noch? Wie sah die Welt vor 500 Jahren außerhalb Wittenbergs, außerhalb Europas aus? Heinz Schilling, dessen Biographie »Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs« mittlerweile zum Standardwerk geworden ist, schreibt in der Einleitung zu seinem schlicht »1517« betitelten Buch: „Die Grundlagen unseres Geschichtsbildes haben sich radikal verändert […] An die Stelle des europäischen Neuzeit-Monopols tritt zunehmend die Erkenntnis, dass auch in anderen Teilen der Welt Impulse zum Aufstieg neuer, neuzeitlicher Lebensbedingungen gesetzt wurden.“ Weiterlesen

Lesung eXtra: Jan-Philipp Sendker „Das Geheimnis des alten Mönches – Märchen und Fabeln aus Burma“

Lesung eXtra
Jan-Philipp Sendker liest „Märchen und Fabeln aus Burma“
Montag, 18. Dezember, 20 Uhr
Ort: Wist – Der Literaturladen

»Ich habe Burma seit 1995 mehrere Dutzend Male bereist, und bei den Recherchen für meine Romane Das Herzenhören und Herzenstimmen wurden mir immer wieder Märchen und Fabeln erzählt. Zum einen waren das bewegende Geschichten, die von dem mythologischen Reichtum der verschiedenen Völker Burmas erzählten, von der Spiritualität der Menschen und wie tief buddhistisches Denken die Gesellschaft über Jahrhunderte geprägt hat. Andere waren so fremd und skurril und kamen ohne eine sich mir erschließende Moral aus, sodass ich sie gar nicht einordnen konnte. Wieder andere erinnerten mich an die Märchen meiner Kindheit, nur dass hier Affen, Tiger, Elefanten und Krokodile die Fantasiewelt bevölkerten statt Igeln, Eseln oder Gänsen. Die Lehren, die sie vermitteln wollten, ähneln denen der Brüder Grimm oder Hans Christian Andersens und ich verstand, wie sehr sich alle Kulturen in ihren Mythen aus dem universellen Fundus menschlicher Weisheit bedienen.« Jan-Philipp Sendker

 

Buchempfehlung: Karl Ove Knausgard „Im Winter“

Der literarische Espresso
       oder
           Die tägliche Dosis Knausgard

von Felix Palent

Obwohl er am Ende von Kämpfen den Gedanken genießt, dass er nun „kein Schriftsteller mehr ist“, hat Karl Ove Knausgard weiter geschrieben. Nach dem raumgreifenden Erzählen in „Min Kamp“ legt Karl Ove Knausgard nun einen Kurzstrecken-Zyklus vor, das „Jahreszeiten-Projekt“. Mit „Im Herbst“ und „Im Winter“ sind inzwischen zwei von vier „Jahreszeiten-Bänden“ erschienen. Knausgard ist sehr früh aufgestanden und hat sich bis zum Erwachen der Familie einge Stunden Schreibzeit genommen, um seinem damals noch ungeborenen vierten Kind am Schreibtisch die Welt zu zeigen. Gleichzeitig versucht aber auch der Vater, diese Welt nocheinmal anders zu betrachten, nicht mit den abgeklärten Augen des Erwachsenen, sondern den staunenden, unvoreingenommenen Blick des Kindes auf die Welt zu richten. Weiterlesen

Simon Strauß hat den den Kleinen Hei 2017 entgegengenommen

 

Fotos: Michael Lüder

Buchempfehlung: Frans Eemil Sillanpää „Jung entschlafen“

Jung entschlafen, intensiv gelebt

von Felix Palent

Der Literaturnobelpreis ist eine Lichtmaschine. Plötzlich erhellt er das Werk eben noch unbekannter Autoren. Diesem Schein folgen Ruhm und Anerkennung. 1939 jedoch konnte der Literaturnobelpreis in Deutschland kein Lichtchen mehr entfachen. Der Preisträger Frans Eemil Sillanpää war als Autor nicht mehr existent. Er richtete 1938 einen offenen Weihnachtsbrief an die drei diktatorischen Heerscher Hitler, Mussolini und Stalin: „Eure Macht reicht nicht weiter als bis zum irdischen Staub.“ Ein politischer Affront, der in Deutschland ein künstlerisches Todesurteil nach sich zog. Der Insel Verlag stampfte die bereits gedruckte Nachauflage des Romans „Silja, die Magd“ ein. 5000 Exemplare waren das, aufgewogen gegen einen Weihnachtsbrief.

Nach 85 Jahren erscheint dieser populärste Roman des bis heute einzigen finnischen Literaturnobelpreisträgers in einer Neuübersetzung im Guggolz Verlag. Man könnte es getrost auch Erstübersetzung nennen. Denn was damals ideologisch gefärbt noch „Silja, die Magd“ hieß, heißt heute originalgetreu und ungekürzt „Jung entschlafen. Eines alten Stammbaums letzter Trieb“. Weiterlesen

Buchempfehlung: Unterwegs auf den Spuren von Dichtern und Schriftstellern in Brandenburg und Berlin

»Die märkische Erde nahm uns an …«

von Mathias Iven

und so erging es nicht nur Gerhart Hauptmann. Immer wieder zog und zieht es Schriftsteller in die Mark. Mittlerweile gibt es eine stattliche Anzahl von Veröffentlichungen zu dieser Thematik. Hervorzuheben sind hier besonders die beiden Bücher »Dichterland Brandenburg. Literarische Streifzüge zwischen Havel und Oder« von Werner Liersch sowie der von Peter Walther herausgegebene Band »Märkische Dichterlandschaft. Ein illustrierter Literaturführer durch die Mark Brandenburg«.

Auch der in Schöneiche bei Berlin lebende Rolf Schneider verfolgt seit Jahren die Spuren, die seine Berufskollegen in der Mark hinterlassen haben. Einiges dazu fand sich bereits 2010 in der Begleitpublikation zur gleichnamigen Reihe des rbb »20x Brandenburg Menschen, Orte, Geschichten«. Weit umfassender widmet er sich diesem interessanten Thema in seinem neuen, unlängst im be.bra verlag erschienenen Buch »Literatouren durch Brandenburg«.

Gemeinsam mit seiner Tochter, die die Photographien für den Band beigesteuert hat, ist Schneider kreuz und quer durch Brandenburg gereist. Insgesamt 17 Touren führen den Leser vom Norden, wo man das Tucholsky-Literaturmuseum im Rheinsberger Schloss oder Fontanes Geburtsstadt Neuruppin besuchen sollte, in den Süden, so nach Schloss Wiepersdorf zu den Arnims oder nach Bohsdorf, dem Handlungsort von Strittmatters Romantrilogie »Der Laden«. Es geht in den Osten nach Frankfurt/Oder, Bad Freienwalde oder Buckow zu Heinrich von Kleist, Walther Rathenau oder Bertolt Brecht. Und schließlich kann man sich im Westen in Loriots Heimatstadt Brandenburg umschauen oder die dem Malerpoeten Roger Loewig gewidmete Gedenkstätte in Bad Belzig aufsuchen. Doch das ist längst nicht alles … Weiterlesen

Mit Ingo Schulze und „Peter Holtz“ in der Bibliothek

Fotos: Harald Hirsch

 

Der literarische Leseherbst 2017

Die Lesungen im Herbst 2017

Montag, 11.September | 19 Uhr
Lesung eXtra
Michael Schindhelm „Letzter Vorhang“

Donnerstag, 21.September | 19 Uhr
Lesung eXtra
Roland Schimmelpfennig „Die Sprache des Regens“

Montag, 9.Oktober | 19 Uhr
Blauer Salon | SCHWERGEWICHTE
Ein Abend zu Richard Fords  „Bascombe“ -Trilogie

Montag 16.Oktober | 19 Uhr | Stadt- und Landesbibliothek
Literaturladen on Tour
Ingo Schulze „Peter Holtz“

Montag, 23.Oktober | 19 Uhr 
Blauer Salon | PAPIERFRIEDHOF
Ein Abend zur Frankfurter Buchmesse

Mittwoch, 1.November | 19 Uhr
Blauer Salon
Tour de France littéraire – Ein Abend zur Französischen Literatur
mit den Übersetzern Hinrich Schmidt-Henkel und Frank Heibert

Montag, 6.November | 19 Uhr
Blauer Salon 
Vom Traum zum Terror – 100 Jahre Oktoberrevolution
Ein Abend mit Mathias Iven

Freitag, 10.November | 19 Uhr
Blauer Salon
Zum Erscheinen des neuen Romans von Peter Handke
Schauspieler, Autoren, Verleger, Leser und Fans lesen „Die Obstdiebin – oder – Einfache Fahrt ins Landesinnere“

Montag, 13.November | 19 Uhr
Blauer Salon
Buchsaiten – Der Sound von Virginie Despentes‘ „Vernon Subutex“
Ein Abend mit Freddie Dreamer

Montag, 20.November | 19 Uhr
Blauer Salon 
„Guten Morgen, du Schöne“ –
Ein Abend für Maxie Wander mit Jutta Wachowiak

Mittwoch, 22.November | 19 Uhr | Waschhaus Potsdam
Literaturladen on Tour
Jana Hensel „Keinland“

Mittwoch, 29.November | 19 Uhr
Lesung und Preisverleihung Der Kleine Hei 2017
Simon Strauss „Sieben Nächte“

              Die Lesungen beginnen um 19 Uhr.
     Wist  –  Der  Literaturladen  |  Dortustr.  17  |  Tel.
     2800452  |  www. / info@wist-derliteraturladen.de

Das war der Theaterseptember im Literaturladen

Michael Schindhelm ist am 11. September mit seinem Roman „Letzter Vorhang“ im Literaturladen zu Gast gewesen. Und Deutschlands meistgespielter Dramatiker Roland Schimmelpfennig hat am 21. September seinen zweiten Roman „Die Sprache des Regens“ vorgestellt.

Fotos: Michael Lüder

Buchempfehlung: Adolf Muschg „Der weisse Freitag“

Anlässlich von Goethes 268. Geburtstag am 28. August 2017

eine Rezension von Mathias Iven

Auf der Suche nach einem gelingenden Leben

Drei Mal reiste Goethe in die Schweiz. Im Sommer 1775 wollte er nicht nur den gesellschaftlichen Zwängen seines bisherigen Lebens in Frankfurt entfliehen, er war vor allem auf der »Suche nach einem Land, wo zwangloser zu leben war und der Adel der Seele mehr galt als derjenige der Geburt«. Zugleich stellte er sich aber auch die Frage »Wer bin ich?«. Die zweite Reise, vier Jahre darauf, war gleichfalls eine von Zweifeln überschattete Flucht: »Was soll ich in Weimar, was habe ich in der Welt verloren?« Goethes Weg zu einem selbstbestimmten Leben, zu einer tragfähigen Identität schien in eine Sackgasse geraten zu sein. Ganz anders 1797. Der fast Fünfzigjährige reiste jetzt als Staatsmann und arrivierter Künstler. Geleitet wurde er ausschließlich von dem »Bedürfnis nach Vergewisserung seiner selbst«.

Adolf Muschg, ausgewiesener Kenner von Goethes Werk, hat sich bereits vor über einem Jahrzehnt mit dessen Schweizer Reisen beschäftigt. In seinem jüngst erschienenen Buch »Der weiße Freitag« ist er noch einmal darauf zurückgekommen. Doch dieses Mal geht es nicht mehr allein um Goethe, sondern vor allem um Muschg selbst. Eine neuerliche Krebs-Diagnose, ein Treppensturz, ein Krankenhausaufenthalt – all dies war innerhalb weniger Monate zusammengekommen. Im Spital gibt ihm der elfte Band der 1808 bei Cotta erschienenen Goethe-Ausgabe, enthaltend die »Briefe aus der Schweiz«, das Gefühl, »in einer klinischen Umgebung auf vertrautem Boden zu stehen«. Weiterlesen