Ein Brief an Jon Fosse

Wist – Der Literaturladen
Dortustraße 17
14467 Potsdam

An
Jon Fosse

Potsdam, den 20. Juni 2016

Lieber Jon Fosse,

wir haben das Paket mit Ihrem neuen Buch Trilogie ausgepackt und unverzüglich den Spagat versucht: so schnell und gleichzeitig so intensiv wie möglich diese neuen Texte nicht nur zu lesen, sie auch zu genießen. Im Ergebnis steht nun Ihr neues Buch ganz vorn in unserem Literaturladen. Einem Ort, an dem sich Leser und Autoren begegnen, an dem ein neues Buch von Ihnen als eines der großen Ereignisse gefeiert wird! Wir sind zwei Literaturenthusiasten, die aus Überzeugung und Leselust die Lebendigkeit der Literatur pflegen.

Und Fosse lesen gehört für uns zum Gepflegtesten, was sich der lesende Menschen gönnen kann. Eine solche schlichte Eleganz spricht aus Ihren Texten, die im Grunde nur mit der einfachen Schönheit der Natur zu vergleichen ist. So tröstlich und beruhigend wie ein Blick in eine Landschaft, so ist es auch Ihre Literatur zu lesen. Sie strahlt eine so starke Ruhe aus, die uns Leser mit dem verbindet, was gemeinhin „Leben“ genannt wird.

Lieber Herr Fosse, obwohl wir um Ihre Zurückgezogenheit wissen, möchten wir es doch nicht versäumen, Sie einzuladen. Allein um Sie wissen zu lassen, dass wir Sie lesen, dass hier in Potsdam ein Literaturladen existiert, dem das Erscheinen eines neuen Buches von Jon Fosse ein Fest ist.

Zum 4. Oktober haben wir Ihren Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel eingeladen. Mit ihm gemeinsam möchten wir einen Jon Fosse-Abend feiern, über ihre Prosa, Stücke und Gedichte sprechen und sie lesen. Es wird eine Feier der konzentrierten Literatur, ein Fest der Worte, der rhythmisierten Stille.

Bitte betrachten Sie dies sowohl als eine ständige Einladung in den Literaturladen, als auch als Lesebekenntnis: Wir lesen Fosse!

Mit freundlichen literarischen Grüßen,

Carsten Wist & Felix Palent

 

Buchempfehlung: Eckart Kröplins Wagner-Chronik

Richard Wagner in Potsdam

von Mathias Iven

Ja, er war tatsächlich in unserer Stadt. Auch wenn man fairerweise sagen muss, dass sein Besuch nicht den von ihm erhofften Erfolg hatte. Doch der Reihe nach.

Die Villa Tieck in der Schopenhauerstraße

Ludwig Tieck, ein extrem produktiver Autor, der in seinem 50. Lebensjahr bereits auf eine 28-bändige Ausgabe seiner Werke verweisen konnte, kam 1842 auf Einladung von Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin. Nach mehr als zwei Jahrzehnten in Dresden bezog der „König der Romantik“, wie er respektvoll genannt wurde, in seiner Geburtsstadt repräsentative Räume in der Friedrichstraße und wurde vom preußischen König mit einem großzügigen Gehalt ausgestattet. Für die Sommermonate stellte man ihm die nach Entwürfen von Ludwig Persius 1845/46 umgestaltete Villa in der heutigen Schopenhauerstraße 24 in Potsdam zur Verfügung. Einzige Bedingung: Tieck hatte zur Unterhaltung des Königs im Theater des Neuen Palais den einen oder anderen Schauspielklassiker zu inszenieren.

Auch Richard Wagner konnte sich der Anziehungskraft der preußischen Hauptstadt nicht verschließen. Im Herbst 1847 blickte er auf eine fünfjährige, von Spannungen begleitete Tätigkeit als Königlich-Sächsischer Kapellmeister am Dresdener Hof zurück. Er suchte nach einer neuen Herausforderung und hoffte, sein zukünftiges Tätigkeitsfeld in Berlin zu finden. Die dort geplante Aufführung seines „Rienzi“ sollte die Eintrittskarte sein, schließlich hatte ihm diese Oper 1842 zum musikalischen Durchbruch verholfen. Doch der ansonsten so kunstsinnige Friedrich Wilhelm IV. schien an Wagner und dessen Musik keinerlei Interesse zu haben. Weiterlesen

Stewart O’Nan war im Waschhaus zu Gast

Gemeinsam mit der Moderatorin Sigrid Löffler und der deutschen Stimme K.Dieter Klebsch stellte Stewart O’Nan seinen neuen Roman „Westlich des Sunset“ im Waschhaus vor.

Fotos: Michael Lüder

Roland Schimmelpfennig – Theater und Roman

Noch ein Nachschlag: Der erfolgreichste zeitgenössische deutsche Theaterautor, Roland Schimmelpfennig, stellte am 4. April, einem „deutlichen, frühlingswarmen Aprilabend“  seinen ersten Roman „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ vor. Impressionen eines sehr enspannten Theater- und Literaturabends

Michael Eberth, Schwierige Einheit

Einheit ist eine schwierige, eine delikate Agenda, zumal auf dem Boden des Theaters. Der Dramaturg Michael Eberth hat seine Theatertagebücher 1991 – 1996 unter dem Titel „Einheit“ veröffentlicht. Die Schocks des Encounters des „Westdramaturgen“ mit dem Ensemble des Deutschen Theaters unter Thomas Langhoff sind auch 20 Jahre im Disput Michael Eberths mit der Schauspielerin Jutta Wachowiak spürbar. Ein denkwürdiger „Theaterabend“ am 18. April in Wist – Der Literaturladen.

P.S. Dass dieser „Nachschlag“ so lange auf sich warten ließ, verdankt sich meinem Upgrade von meinem alten Mac zu einem neuen. Meine schöne Routine bei Imovie funktionierte nicht mehr angesichts der vielen „Verbesserungen“ der Software mit neuen und anderen Benutzeroberflächen. Der Widerstand ist weniger mentaler Natur als psychologischer. Ich wäre liebend gerne bei dem geblieben, was sich so schön bewährt hatte. In ein paar Monaten wird es eine neue schöne Routine geben.

Buchempfehlung: Efrat Gal-Ed über Itzik Manger

Wie Schlangen laufen Schienen in die Welt hinaus …“

von Mathias Iven

so heißt es gleich zu Beginn von Itzik Mangers „Ballade meiner Kindheit“. Eine revidierte und erweiterte Neuausgabe seiner Gedichte ist soeben erschienen und lädt dazu ein, einen der größten jiddischen Dichter zu entdecken …

Gal-Ed, NiemandsspracheManger, Dunkelgold

Mehr als ein Jahrzehnt hat die als Malerin und Autorin in Köln lebende und an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf lehrende Efrat Gal-Ed an einem Buch über ihn gearbeitet. Zwar spricht Gal-Ed bescheiden von einem „ersten Versuch einer kritischen Biographie“, doch die vor allem auf zahlreichen bisher unzugänglichen Dokumenten beruhende, mit fast 800 Seiten monumental zu nennende Darstellung wird wohl lange Zeit als Standardwerk zu gelten haben. Weiterlesen

Roland Schimmelpfennig war im Literaturladen zu Gast

An einem deutlichen, frühlingswarmen Aprilabend zu Beginn des 21. Jahrhunderts…

Fotos: Michael Lüder

Erzähl, Dramatiker! – Teil 3: Nis-Momme Stockmann

Teil 3: Nis-Momme Stockmann „Der Fuchs“
Die unendlich unwahrscheinliche Geschichte vom Fuchs, der sich verlaufen hat

von Felix Palent

Stockmann hat Mut. Hier tritt ein Autor mit geballter Faust und lauter Stimme auf, ein selbstbewusster Mann, der sich alles zutraut. Schon der Prolog hebt mit großer Geste und viel Eigensinn an. Im nordfriesischen Dorf Thule ist eine Sturmflut ausgebrochen, die Bewohner sitzen auf den Dächern und hoffen auf Rettung aus dem unendlich angewachsenen Meer. So auch Finn Schliemann mit ein paar Freunden. Und weil es so langweilig ist auf etwas so unwahrscheinliches wie Hilfe zu warten, erinnert sich Finn müde wegdämmernd an seine Jugendzeit. Besonders an die im Dorf gefürchteten halbstarken „Baschis“, mit denen es immer wieder handfeste Probleme gibt, und an das mysteriöse Mädchen Katja.

Sowohl Stockmann wie auch dieses Mädchen Stockmann, Fuchs Coversind jugendlich verspielt und von Ideen berauscht. Katja fixiert sich auf ein immer wieder auftauchendes Symbol – zwei konzentrische Kreise mit einem senkrechten Strich durch die untere Hälfte -, und dessen mögliche Verbindung mit zahlreichen nie gefundenen Leichenteilen von Toten des Dorfes. Irgendwann finden Finn und seine Gang einen alten Arm und schon beginnt die verzehrende innere Mechanik von Verschwörungstheorien die Oberhand zu gewinnen. Warum liegt ein abgetrennter Arm einfach so am Dorfteich? Was vorher noch als harmlose Jugendgeschichte erzählt wurde, wird plötzlich sehr mysteriös. Nicht nur die Handlung beginnt sich vielsagend aufzufächern, auch der Roman wird mit Schreibweisen und Formspielen bis zum Bersten aufgeladen. Schließlich verliert sich nicht nur Katja im Gewusel der Zeichen und bedeutungsschwangeren Symbole, sondern leider auch der Text. Stockmann vermischt Pop mit Agentenkrimi, Coming-of-age mit Science-Fiction, eine traumartige Verwunschenheit mit philosophischen Reflektionen. Je intensiver diese verschiedenen Arten des Schreibens ausgestellt werden, desto mehr drängt sich der Eindruck auf, dass sich hier ein Autor am eigenen Talent ergötzt. Weiterlesen

Joanna Bator war im Literaturladen zu Gast

Zehn Jahre nachdem Andrzej Stasiuk im Literaturladen war, ist es dank des Brandenburgischen Literaturbüros gelungen, die große polnische Autorin Joanna Bator und ihre Übersetzerin Lisa Palmes nach Potsdam zu locken.

 

Fotos: Michael Lüder

Buchempfehlung: Juli Zeh „Unterleuten“

Intrigieren, Koalieren, Antichambrieren, Reanimieren, Kokettieren, Stimulieren, Anschmieren

von Carsten Wist

Da zog es sie einst mit Lust aufs Land, auf der Suche nach der idyllischen Alternative zum hektisch-urbanen Großstadtleben. Gerhard, der habilitierte Soziologe, nun der engagierte Vogelbeschützer und seine 20 Jahre jüngere Sophie. Doch nun ist der Sommer nicht nur verdammt heiß, sie werden auch noch von schwarzen, stinkenden Rauchschwaden, die vom Grundstück des dicken Autoschraubers Schaller rüberwehen, eingeräuchert. So beginnt der neue Roman von Juli Zeh.“Unterleuten“ heißt er. Unterleuten ist das fiktive Dorf irgendwo in Brandenburg, in dem die Autorin ihren Roman angesiedelt hat, der so eine Art Versuchsanordnung zum Thema „Leben auf dem Land“ ist. Weiterlesen