Der Literaturladen in der Literatur:
Julia Schoch
Erste Sätze von Romanen

Schoch Buch2

Literaturladen Wist Potsdam

Einmal hatte ich in dem kleinen  getäfelten Raum über dem Literaturladen Wist eine Lesung, bei der mich ein Trompeter begleitete. Man muss sich das so vorstellen: Während die Potsdamer Einkaufsstraße abends abstirbt, leer und finster wird, war aus einem einzigen Haus, genauer: aus dem Obergeschoss des zweistöckigen Barockhauses, die Stimme einer Vorlesenden zu hören. Dazu die Trompete. Und später die Stimme von Carsten Wist, dem Buchhändler, der über seinem Geschäft – als einziger, letzter in dieser Stadt, wie mir scheint – eben jenen Salon betreibt. Die Fenster standen weit offen zur Nacht hin, eine Insel aus Tönen und Licht inmitten der Dunkelheit.

Aber auch tagsüber ist dieser Buchladen eine Aufatmungs-Oase zwischen den Allerweltsfirmen und den üblichen Zumutungen der Kaufhauswelt

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Ich weiß nicht, wann ich den Literaturladen Wist zum ersten Mal betrat. Ich erinnere mich, dass es früher im Winter oft zu kalt war, um lange zu stöbern, was den Buchhändler jedoch, der am eisigen Kachelöfen lehnte, nicht zu stören schien. Damals jedenfalls – war es Anfang, Mitte der Neunzigerjahre? – ging das Geschäft noch über die ganze Breite des Eckhauses. Heute ist der Buchladen geschrumpft auf ein inzwischen gut geheiztes überschaubares Lädchen, indem aber trotzdem noch genügend Platz ist für eine Nische mit Kinder-und Bilderbüchern, ein Regal mit Literaturzeitschriften, Philosophie oder Lyrik. Diese Enge kommt mir, da ich darüber nachdenke, fast notwendig vor, klassisch für ein solches privat geführtes Buchgeschäft. Immer muss Wist einen Bücherkarton, einen Bildband oder einen Haufen Zeitschriften wegräumen, um ein wenig Platz zu schaffen für meinen Kaffee, mit dem er mich zuweilen empfängt, und der dann auf der ebenfalls engen Wendeltreppe kalt wird, weil ich so starken Espresso eigentlich gar nicht trinke.

Wenn ich dort bin, tauschen wir eher geschäftig als gemächlich Neuigkeiten aus, der Buchhändler kommentiert Nachrichten aus der Bücherwelt, er wettert ein bisschen oder scherzt, während er das heraus sucht, wonach ich suche, nebenbei die stetig hereinschneienden Kunden berät, die allesamt eines Kaffees würdig wären, einem draußen vorbeigehenden Bekannten durch die Schaufenster zuwinkt, eine Bestellung in den Computer tippt, das Telefon halb am Ohr, halb an der Schulter, eine Quittung am Stehpult schreibt und nebenher die ersten Sätze von Romanen auswendig lernt. Dies alles: lässig und gekonnt.

Gibt es so was noch? Zuweilen sehe ich ihn sogar lesend durch Potsdam laufen: den Schal um den Hals gelegt, einen Hut auf dem Kopf, läuft er und liest! Erstaunlicherweise kommt er mir ein paar Tage später – diesmal in der Kluft eines Radrennfahrers – irgendwo in der Landschaft auf einem dieser schmalreifigen Fahrräder entgegen …

Schoch Die bese Buchhandlung der Welt

Übrigens bittet Wist jeden Autor, der einmal in seinem Salon liest, sein Buch zu signieren mit: Für Leo, Albert und Heinrich. Das sind seine drei Söhne, die dereinst, wie es im Märchen heißt, den Laden erben werden. Dann wird draußen an der Ladentüre stehen: Wist & Co. … Könnte Leidenschaft auch vererbt werden!

(in: Holger Heimann, Die beste Buchhandlung der Welt. Wo Schriftsteller ihre Bücher kaufen, Berlin, 212, S. 73ff)

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