Der Literaturladen in der Literatur:
Christa Wolf
Ein Tag im Jahr 1960 – 2000

1988 Ich finde es normal ein Buch zu lesenChrista Wolf notiert am Montag, 27. September 1993:

„Das ehemalige Hans-Marchwitza-Haus, das natürlich nicht mehr so heißt, ist abgeschlossen, von einem Seiteneingang her kommen wir in den „Bacchus-Keller“, zugleich mit Hermann Vinke, mit dem wir verabredet sind, der aus Bremen gekommen ist, wir setzen uns in eine Nische und fangen an, den Ablaufplan für den Abend noch einmal durchzugehen, ein junger kesser Kellner kommt, um uns ein Pilzgericht vorzuschlagen, in den märkischen Wäldern, hören wir, könne man diesen Herbst die Pfifferlinge mit der Sense mähen, wir essen also Steak mit Pfifferlingen, dazu die unvermeidlichen Kartoffelbällchen, trinken Schorle, da kommen die beiden Buchhändler, die den Abend veranstalten, W & R,

sie sind noch jünger, als ich sie mir vorgestellt hatte, der eine hat einen kahlen Schädel, eine runde Nickelbrille und einen schmalen schwarzen Schal um den Hals geknotet, der andere, sein Freund und Kompagnon, trägt eine Lockenmähne, natürlich pflegen beide den Jeans-und Lederjackenstil und sind sehr bereit, uns ihre Geschichte als Buchhändler zu erzählen, während sie genussvoll ihr Bier trinken. Also:  W. habe in der DDR zweimal ein Studium begonnen, sei zweimal geext oder hinauskomplimentiert worden, habe sich dann mit Jobs durchgeschlagen, bis ein alter Potsdamer Archivar, der seine Bücherbesessenheit erkannte, ihn als Gehilfen einstellte: das sei seine Lehre gewesen. R. hatte das Land verlassen, kam nach der Wende zurück, sie kauften beide Bücher auf, die für Pfennige zu haben waren, oder auch für gar nichts, da sie auf die Halde kommen sollten. Am Tag der Währungsunion standen sie mit einem Tapeziertisch voller Bücher auf dem Markt, sogar an diesem Tag wollen sie 10 Bücher verkauft haben, und das Jahr 1990, von dem andere Buchhändler mit blankem Entsetzen sprechen, wurde für sie ein Traumjahr. Als die August-Bebel-Buchhandlung von der Treuhand zum

1990 Brandenburger Str.

Verkauf ausgeschrieben war, bewarben sie sich und bekamen, nachdem ein unseriöser Spekulant entlarvt und abgewiesen war, tatsächlich den Zuschlag und einen Bankkredit, dann bot man ihnen das Haus, in dem die Buchhandlung ist, zum Kauf an, eine immense Summe, da gingen wir natürlich in die Knie, sagt W., was wussten wir schon von Geld, aber sie kriegten den Bankkredit, vermieteten nach der Renovierung des Hauses Räume an eine Weinhandlung und an Rechtsanwälte und zahlen nun von den Mieten die Kredite ab. Doch, der Laden geht, wo vorher sieben Leute arbeiteten, sind jetzt dreieinhalb, sie eingeschlossen, wir würden ja selber sehen. Zwei Hänse im Glück.“

(Christa Wolf berichtet jetzt von einer Lesung mit anschließender Diskussion in der Staudenhofgalerie)

1990-1991 Bassinplatz

„In der Buchhandlung von W & R, die wir gut gekannt haben, als sie noch „August-Bebel-Buchhandlung“ hieß. Überrascht über die geglückte Sanierung des Hauses und der Räume der Buchhandlung, die großzügiger, offener, moderner wirkt als früher, besonders durch den Ausblick in den romantischen Innenhof. Die beiden Buchhändler erläutern ihre durchdachte und geschickte Methode, die Bücher zu präsentieren, die Kunden müssten ja nicht gleich beim Eintritt über das allerseichteste Lesefutter stolpern; bei ihnen halte die Nachfrage nach ehemaligen DDR-Autoren unvermindert an, daher könnten sie mit den westlichen Bestsellerlisten wenig anfangen. Gerade sei eine Pressenotiz erschien, wonach in den neuen Bundesländern immer noch wesentlich mehr gelesen werde als im Westen. Es geht die steile Wendeltreppe hinauf zum Obergeschoß, Käsehäppchen sind vorbereitet, es gibt Wein, wir sind zu sechst: ein Westdeutscher, eine Westberlinerin, ein junger Mann, der die DDR verlassen hat und zurückgekommen ist, drei ehemalige DDR-Bürger, alle besessen von der Literatur und mit dem Schreiben, Herstellen, Propagieren oder Verbreiten von Büchern beschäftigt: es ist eine gute Mischung, finden wir wohl alle, reden, lachen, erzählen Witze und Anekdoten.

1991 Juli Eröffnung2

Um Mitternacht auf der menschenleeren „Fußgängerzone“ im Zentrum von Potsdam, geisterhaft beleuchtet durch Peitschenlampen. Für Sekunden habe ich ein intensives Dejá-vu-Erlebnis: aber das hatte ich doch schon einmal, hier habe ich doch schon einmal gestanden, in dem gleichen Licht, die gleichen Abschiedsworte habe ich gehört, die gleichen Umarmungen habe ich schon einmal ausgetauscht … Aber das ist unmöglich, ich bin einfach müde, schlafe meist auf der Rückfahrt, Gerd ist auch müde, hält sich aber durchs Autofahren wach.

[…]

C.W. Ein Tag im Jahr

Vor dem Einschlafen lese ich in einem Aufsatz von Erwin Chargaff: „Zweierlei Trauer“, der mit dem Satz beginnt: „Eine stumme Trauer hat sich auf die Welt gesenkt.“ Das ist wahr, denke ich, traurig, und findet dann ein Tagebuchzitat von Kierkegaard aus dem Jahr 1849: „Ein einzelner Mensch kann einer Zeit nicht helfen oder sie retten, er kann nur ausdrücken, dass sie untergeht.“

(Aus: Christa Wolf, Ein Tag im Jahr, 1960-2000, Suhrkamp-Verlag Frankfurt am Main 2008, S. 552 ff)

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