Also spricht Wist:
Helga Schütz, Sepia

Helga Schütz: Sepia, Aufbau-Verlag, 393 S., 21,99 €

Die 1937 in Falkenhain/Schlesien geborene Helga Schütz ist eine stille Autorin. Nicht die Pauke, nicht die Trompete sind ihre Instrumente.Viel mehr die Geige, nicht die erste.Man muß genau und sensibel hinhören, um den feinen , den unaufgeregten Strich der seit über 5 Jahrzehnten in Potsdam lebenden Helga Schütz zu vernehmen.Ob es Julia, Anna oder Jette waren – mit ihren Romanfiguren hat sie sich einen festen Platz in den Köpfen ihrer Leser erschrieben. In ihrem soeben erschienenen neuen Roman“Sepia“ steht wieder eine junge Frau im Mittelpunkt. Eli ist erst 17, sie kommt aus Dresden, war in der Bombennacht verschüttet, lebt bei ihrem Großvater Anton und will in die große weite Welt hinaus. Was bei Eli Potsdam-Babelsberg meint, weil da, so hat sie gehört bekommt man eine Unterkunft, ein eigenes Bett und sogar 180 Mark Stipendium und kann studieren, an der Filmschule am Griebnitzsee, Kinematographie. Die gelernte Gärtnerin Eli stellt sich darunter so etwas wie Filmvorführer vor.Filmrollen, Zahnräder, Öl, das Flimmern der Bilder, ja, das mag sie. Also auf nach Babelsberg, sie wird tatsächlich angenommen, 25 Prozent Arbeiterklasse werden allein durch sie verkörpert – man kann ja ´mal sehen. 1958. Eli ist keine Berufene, sie fühlt sich nicht als Künstlerin. Weiß nicht, was angesagt ist.  Lederjacke, kurze Haare, meist schwarz tragen – wie Brecht aussehen, reden und womöglich auch denken. Und die vielen neuen Filme, die neuen Regisseure von Bunuel bis Bergmann. Eli ist begierig, das alles aufzusaugen, sie liest viel, ist gelegentlich überfordert, sie geht mit großen staunenden Augen durch diese für sie neue Welt. Sie verliebt sich, doch ihre Lieben verlassen bald das Land, in dem nun eine Mauer steht, die unmittelbar hinter ihren Wohn- und Studierräumen verläuft. Davon wird Elis Sicht auf die Welt nicht wesentlich getrübt. Sie macht sich schon ihre Gedanken, will mehr begreifen, hinter die Dinge sehen. Davon erfahren wir in den liebevollen Briefen an ihren Dresdener Großvater Anton. Und wie sie sich in ihre Abschlußarbeit über die Skulptur der Laokoon-Gruppe vertieft, da Neues zu erdenken und weiter zu forschen, ist für Eli der intellektuelle Urknall. Am Anfang des Romans mit dem doppeldeutigen Titel „Sepia“, übrigens eine Farbe, die nicht nur das Alter zeigt, sondern auch verklärt, ganz zu Beginn ist Eli im Botanischen Garten in Dresden und gärtnert, am Ende ist sie in Sanssouci und gärtnert. Die Kinematographie an der Babelsberger Filmschule war jedoch mehr als nur eine Filmepisode. Helga Schütz hat ein fast 400seitiges liebevolles Porträt einer jungen Frau in den schwierigen Zeiten der Endfünfziger und Anfangssechziger als Nicht-Künstlerin geschrieben. Ein Erinnerungsbuch voller Details. Was mit „Knietief im Paradies“ begann, nun mit „Sepia“ fortschreitet wird hoffentlich von Helga Schütz weiter geschrieben, denn sie ist eine großartige, eben eine stille und unaufgeregte, literarische Chronistin.

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