Buchempfehlung:
David Markson, Wittgensteins Mätresse

Eine Künstlerin in Bedrängnis

von Mathias Iven

Wittgensteins MaitresseEs hat 25 Jahre gedauert. Doch jetzt endlich liegt David Marksons (1927–2010) aphoristisch anmutendes und von Anspielungen durchsetztes Sprachspielspätwerk Wittgensteins Mätresse in einer kongenialen deutschen Übersetzung vor. Auch in diesem monologischen Roman geht es um die existentiellen Nöte eines Künstlers.

Eine Schreibmaschine, ein Haus am Meer – eine für die Hauptperson notwendige Szenerie, denn: „Beim Alleinleben neigt man dazu, den Blick aufs Wasser zu bevorzugen.“ Ihr Blick schweift in die Ferne. Zahllose Rückbesinnungen an Gelesenes und Geschautes bestimmen ihr Nach-Denken. Doch sind es wirklich nur Erinnerungen? Und ist sie – wie es den Anschein hat – tatsächlich der letzte Mensch auf Erden? Kate – oder heißt sie doch Helen? –, die Malerin aus New York, die sich nicht mehr für Staffelei und Pinsel interessiert, durchwandert in ihrer Erinnerung die Welt, nächtigt in Museen, hört Musik, die nicht gespielt wird, zitiert aus Büchern, die sie nicht gelesen hat … Maler und Musiker bestimmen Kates Überlegungen – und ihr Schreiben. Weiterlesen

Buchbesprechung:
Varujan Vosganian, Buch des Flüsterns

von Felix Palent

Vermächtnis der Besiegten

Buch des FlüsternsVarujan Vosganian erzählt eine Geschichte der Armenier im 20. Jahrhundert

Geflüsterte Worte sind Worte der Vorsicht, der schwelenden Angst vor einer mit der Aussprache verbundenen, drohenden Gefahr. Geflüsterte Geschichten sind verhaltene, fast verschwiegene Geschichten, die nur zaghaft weitergegeben werden.

Varujan Vosganians Buch des Flüsterns ist ein solches zaghaftes, vorsichtiges Buch. Es erzählt zunächst Familiengeschichten, versammelt nostalgische Erinnerungen, die von Blicken in Foto- und Briefmarkenalben getragen werden. Weil jedes Foto für sich „eine gestempelte Geschichte“ ist, bieten die Alben Einblick in eine zusammengefügte Geschichte der Familie Vosganian. Deren Zentrum kreist um die beiden Großväter des Erzählers, Garabet und Setrak, und ist im kleinen rumänischen Städtchen Focșani verortet. Das Buch des Flüsterns ist jedoch nicht nur die Überlieferung einer Familie, sondern erzählt die sich ähnelnden, verdichteten Geschichten vieler Familien. Je weiter sich der erzählte Stammbaum verzweigt, je mehr überlieferte Familiengeschichten aus der „Welt des Flüsterns“ preisgegeben werden, desto deutlicher wird, wie paradigmatisch diese Familiengeschichten für eine Geschichte des armenischen Volkes im 20. Jahrhundert stehen. Weiterlesen

Messefrühstück

Zum zweiten Male hat jetzt Wist – Der Literaturladen zu einem Messefrühstück eingeladen und will eine Tradition begründen, zweimal im Jahr am Samstag nach der Leipziger und der Frankfurter Buchmesse werden Leib und Seele von beiden Seiten, mit dem lebendigen Wort und mit einem außerordentlichen Champagnerfrühstück – es wurde ein wunderbarer Champagne Drappier ausgeschenkt, es gab ein Frühstücksbüffet mit den einzigartigen Brötchen von Bäcker Braune, Brötchen, wie sie in den Bäckerstuben in den schönen alten duftenden Zeiten gebacken wurden – zusammengehalten. Carsten Wist und Felix Palent stellten u.a. Varujan Vosganians „Buch des Flüstern“ („Unser Preisträger bei der Frankfurter Buchmesse“), Imre Kertész „Letzte Einkehr“, J.M. Coetzees „Die Kindheit Jesu“, António Lobo Antunes´ „Welche Pferde sind das, die da werfen ihren Schatten aufs Meer“, Éduard Levé´s „Autoportrait“ vor, der Schauspieler René Schwittay las aus Jérôme Ferraris neuem Buch „Balco Atlantico“, Daniel Kehlmanns „F“, Thomas Glavinics „Das größere Wunder“ und Ben Lerners „Abschied von Atocha“. Hier Eindrücke

Christoph Ransmayr, Schnupfen, Husten, Heiterkeit

Der verschnupfte Christoph Ransmayr ist vergnüglich unprätentiös und nüchtern. Eine Geschichte, trägt er vor, müsse sich, ihren Erzähler und die Menschen, die zuhören, so tragen, dass es überhaupt kein Problem sei, wenn dabei der Lärm eines Marktes oder anderer Lärm wie Husten, Bellen, Schneuzen, Räuspern, Handyklingeln zu hören sei. Nichts, so Ransmayr, sei unsinniger als eine feierliche Haltung, wenn die Lesung wie eine Messe oder eine Oper zelebriert werde. Mehr in diesem Video. „Ich sah …“ beginnen die Geschichten, die Ransmayr in „Atlas eines ängstlichen Mannes“ erzählt, diese können Sie lesen; hier können Sie Ransmayrs Prolog und Epilog in einer besondern Lesung am 17. Oktober in Potsdam sehen.

 

Fotos: Michael Lüder, Potsdam, Website

Leserempfehlung:
Henryk M. Broder, Die letzten Tage Europas

Zum Thema Europa schien ja schon alles gesagt, nur noch nicht von allen, u.a. von dem nach Selbsteinschätzung größten Polemiker deutscher Zunge. Dem hat Henryk M. Broder mit einem ultimativen Werk, 222 Seiten lang, 337 g schwer, mit den Maßen:  206 x 135 x 22 mm, abgeholfen. Für Broder-Fans (die Welt teilt sich in Broder-Fans und Broder-Todfeinden „Israel als Corpus delicti oder meine Existenz sind Erinnerer an den Holocaust … das europäische schlechte Gewissen wäre enorm erleichtet, wenn jemand anders den „Job“ des Holocaust II übernehmen würde …“) ist dieses Kompendium ein must read. Sie werden nicht enttäuscht. Broder liefert zuverlässig, was man von ihm erwartet. Der geneigte Leser darf sich darauf verlassen, dass es ihm bei der Lektüre nicht nur in seinem Bauch rumpelt und pumpelt, als ob er sieben Geislein und darauf noch Wackersteine geschluckt hätte, sondern auch in seinem Oberstübchen. Wie kann das anders sein bei einem Autoren, der so in das Thema einführt? Kostprobe: Weiterlesen

„Dichterliebe Invention“

CICERO Foyergespräch, Martin Walser, Peter SloterdijkDa sage einer, dass wir Deutschen keinen Sinn für Humor hätten. CICERO hat Martin Walser und Peter Sloterdijk zu einem Foyergespräch eingeladen, um Walsers These „Mehr als schön ist nichts“ zu diskutieren. Der mit fortschreitendem Alter immer kühner werdende, um nicht zu sagen: tollkühne („ich zittere vor Kühnheit“), Martin Walser postuliert

1. „Die einzige Erlösung ist Schönheit“. Weiterlesen