Buchbesprechung:
Varujan Vosganian, Buch des Flüsterns

von Felix Palent

Vermächtnis der Besiegten

Buch des FlüsternsVarujan Vosganian erzählt eine Geschichte der Armenier im 20. Jahrhundert

Geflüsterte Worte sind Worte der Vorsicht, der schwelenden Angst vor einer mit der Aussprache verbundenen, drohenden Gefahr. Geflüsterte Geschichten sind verhaltene, fast verschwiegene Geschichten, die nur zaghaft weitergegeben werden.

Varujan Vosganians Buch des Flüsterns ist ein solches zaghaftes, vorsichtiges Buch. Es erzählt zunächst Familiengeschichten, versammelt nostalgische Erinnerungen, die von Blicken in Foto- und Briefmarkenalben getragen werden. Weil jedes Foto für sich „eine gestempelte Geschichte“ ist, bieten die Alben Einblick in eine zusammengefügte Geschichte der Familie Vosganian. Deren Zentrum kreist um die beiden Großväter des Erzählers, Garabet und Setrak, und ist im kleinen rumänischen Städtchen Focșani verortet. Das Buch des Flüsterns ist jedoch nicht nur die Überlieferung einer Familie, sondern erzählt die sich ähnelnden, verdichteten Geschichten vieler Familien. Je weiter sich der erzählte Stammbaum verzweigt, je mehr überlieferte Familiengeschichten aus der „Welt des Flüsterns“ preisgegeben werden, desto deutlicher wird, wie paradigmatisch diese Familiengeschichten für eine Geschichte des armenischen Volkes im 20. Jahrhundert stehen. In der Genealogie der Familie Vosganian spiegeln sich die Genealogien aller armenischen Familien, auch die ausgelöschten der Ermordeten. Aus den verschiedenen Erinnerungen entsteht das historische Tableau einer armenischen Geschichte. Dieses Tableau ist von den flüsternden Erzählungen der Großväter grundiert und durch die vielfältigen Eindrücke des Erzählers beim Durchblättern der Familienalben strukturiert: „Wie lächerlich, auf der Stelle tretend und unwahr wäre es, stellte man sich die Zeit nur durch den Augenblick vor, den man erlebt.“ Der Erzähler erzählt verschiedene Zeiten und Orte simultan und vielstimmig: Wir befinden uns 1965 im rumänischen Focșani, 1895 in Trapezunt und 1915 im zerstörten anatolischen Dörfchen Ghiușana, dem Vorort zum letzten Kreis auf dem „Weg zur Initiation in den Tod“, dem Zentrum des Genozids, dem heute syrischen Deir-ez-Zor.

Das Buch des Flüsterns ist nicht nur ein Familienroman über Tradition, Vertreibung und geheimnisvolle Rachelisten, sondern es ist das Geschichtsbuch eines Volkes. Es enthält keine Auflistung der Toten, wie man angesichts des Genozids 1915/-16 sowie der darauf folgenden Umsiedlungen und Vertreibungen vermuten könnte. Das Buch des Flüsterns erzählt vielmehr vom Leben mit Vertreibung, Verwandlung und (Völker)Mord, es erzählt von einem Leben in der ständigen Gegenwart des Todes, ist „eine Sammlung von Psalmen, denn es erzählt von den Besiegten.“ Allein die Existenz dieses Buches macht es selbst zu einem Zeugnis des Überlebens.

„Dieses Buch ist gelebt worden, bevor es geschrieben (…) wurde.“ Es ist ein Buch, dass im Flüsterton dieses 20. „Jahrhundert der Verwund(er)ungen und Verirrungen“ bezeugt und poetisch dokumentiert. Und zwar nicht in einer lautstark anklagenden, nach Mitgefühl heischenden Haltung, sondern in einem Sprachgestus des Unbegreifbaren: „Großvater Setrak, der in wenigen Jahren durch so viele verschiedene Zustände gegangen war, der (der) Reihe nach einmal reich und dann arm war, geohrfeigt, zum Juden gemacht, ins Lager gesteckt, einberufen und entlassen, wieder geohrfeigt, verbürgerlicht und entbürgerlicht worden war“, hielt selbst diese Welt nicht nur für „vollends unverständlich“, sondern wird gleichsam als Figur dieses Buches zum Symbol für die Unbegreiflichkeit der Welt. Das zögernde, zärtliche wie auch verschwörerische Flüstern ist vielleicht die einzige Möglichkeit, die Unbegreiflichkeit dieses 20. Jahrhunderts zu erzählen, ohne es zu verharmlosen oder seinen Absurditäten einen logischen Weltlauf einzuschreiben.

Arujan Vosganian Varujan Vosganian, der heute nicht nur Präsident der Vereinigung der Armenier ist, sondern auch rumänischer Finanz- und Wirtschaftsminister, setzt mit diesem Buch nicht nur seinen, sondern auch allen anderen armenischen Vorfahren ein Denkmal. In seiner besonders behutsamen wie sorgfältigen Sprache, seinem Gespür für die ambivalente Wachsamkeit und Skepsis des Flüsterns, erzählt er von einer Welt der aufgezwungenen Stille: „Die Armenier, durch Massaker gegangen und Vertreibungen, das Zeichen der Heimatlosen tragend und eher gewohnt, sich unbemerkt durchzumogeln, im Flüsterton zu sprechen und bescheiden zu leben, hatten sich das laute Sprechen abgewöhnt. (…) Auf dieser Welt war der Platz für sie zu eng geworden. Sie hatten gelernt, verhalten zu leben.“

 Varujan Vosganian: Buch des Flüsterns, 512 S., Paul Zsolnay Verlag Wien 2013, 26€.

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