Buchempfehlung:
David Markson, Wittgensteins Mätresse

Eine Künstlerin in Bedrängnis

von Mathias Iven

Wittgensteins MaitresseEs hat 25 Jahre gedauert. Doch jetzt endlich liegt David Marksons (1927–2010) aphoristisch anmutendes und von Anspielungen durchsetztes Sprachspielspätwerk Wittgensteins Mätresse in einer kongenialen deutschen Übersetzung vor. Auch in diesem monologischen Roman geht es um die existentiellen Nöte eines Künstlers.

Eine Schreibmaschine, ein Haus am Meer – eine für die Hauptperson notwendige Szenerie, denn: „Beim Alleinleben neigt man dazu, den Blick aufs Wasser zu bevorzugen.“ Ihr Blick schweift in die Ferne. Zahllose Rückbesinnungen an Gelesenes und Geschautes bestimmen ihr Nach-Denken. Doch sind es wirklich nur Erinnerungen? Und ist sie – wie es den Anschein hat – tatsächlich der letzte Mensch auf Erden? Kate – oder heißt sie doch Helen? –, die Malerin aus New York, die sich nicht mehr für Staffelei und Pinsel interessiert, durchwandert in ihrer Erinnerung die Welt, nächtigt in Museen, hört Musik, die nicht gespielt wird, zitiert aus Büchern, die sie nicht gelesen hat … Maler und Musiker bestimmen Kates Überlegungen – und ihr Schreiben. Die Namen von Vermeer oder de Kooning tauchen auf, die Musik von Richard Strauss oder Antonio Vivaldi klingt ihr in den Ohren. Über van Gogh wird eine Verbindung zu Heidegger hergestellt, über den Kate lediglich zu sagen weiß, „dass er bestimmt eine Schwäche für das Wort Dasein hatte“. Und die Rückbesinnung auf eine Brahms-Biographie erlaubt es ihr schließlich, sich wieder und wieder Wittgensteins Leben und Denken zu nähern. – „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Unvermittelt begegnet man dem ersten Satz von Wittgensteins Tractatus. Kate steht dieser Aussage ratlos gegenüber: „Ich habe keine Ahnung, was ich mit dem Satz meine“. Anders Elfriede Jelinek, die in ihrem Nachwort einen Deutungsversuch unternimmt: „Es muß alles hingenommen werden, was noch geblieben ist.“ – – –

David Markson

David Markson

Doch keine Angst: Man muss Wittgenstein nicht gelesen haben, um dieses Buch zu verstehen. Vielleicht wird manch Leser jedoch späterhin zum Tractatus greifen oder in die Philosophischen Untersuchungen schauen. Allerdings sucht man das dem Buch vorangestellte Zitat sowie manch andere, Wittgenstein von Kate (bzw. Markson) zugeschriebene Bemerkung dort vergebens … Man fühlt sich beim Lesen dieser Gedankensprungprosa unweigerlich an Canettis Blendung erinnert, sieht die Gestalten von Virginia Woolfs Wellen vor sich und spürt zugleich die Endzeitstimmung von Cormac McCarthys Straße. In ihrem Nachwort betont Jelinek die Ortlosigkeit von Kates Schreiben, die ihr das Abschweifen in Raum und Zeit überhaupt erst möglich macht. Vielleicht sollte man so oder so die für das Verständnis des Textes sprachphilosophisch fundierte Analyse von David Foster Wallace zuerst lesen. Mit seiner Frage „Was wäre, wenn irgendwer wirklich in einer Tractatusisierten Welt leben müsste?“ verweist er auf den Ursprung von Kates bzw. Marksons Schreiben. Und so ist denn das Hinauslaufen der Handlung auf den letzten Satz des Tractatus eine mögliche Lesart für dieses Buch: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ – Was als Imperativ daherkommt, ist keineswegs als bloße Aufforderung zu verstehen, sich mit seinem Dasein, so wie es ist, abzufinden. Denn schließlich geht es doch immer nur um das, was nicht gesagt wird: um ein aus dem Schweigen erwachsendes Handeln.

David Markson: Wittgensteins Mätresse. Mit Texten zum Roman von Elfriede Jelinek und David Foster Wallace. Berlin Verlag, München 2013, 336 S., 22,99 €

Ein Gedanke zu “Buchempfehlung:
David Markson, Wittgensteins Mätresse

  1. Ich hab‘ mich amüsiert mit WITTGENSTEINS MäTRESSE

    Eine wunderbare Empfehlung. Mal wieder.
    Zunächst mündlich im Literaturladen: der Titel war der Auslöser. Nach den ersten Seiten, noch schwankend, ob Kate doch nur schwadroniert oder ich mit der falschen Brille lese? habe ich die Empfehlung meines literaturladens aus 2013! gefunden: und klebte fortan an Kate’s Zeilen. Dieser „aphoristisch anmutende und von Anspielungen durchsetzte Sprachspiel“-Parforceritt fasziniert mich. Immer wieder halte ich an und schmunzle über so viel Pfiff und „Ausschau“ (mit Kate). Und ganz nebenbei serviert mir Markson/Kate erkenntnistheoretische Brocken als canapé.
    Dann wieder amüsante Arbeit: so räsoniert Kate gegen Ende, ob Markson aus Ihren Gedanken einen Roman machen könnte, weil das nicht ihr Geschäft sei. Dazwischen die kleinen running gags, Haltestellen: Das „nachgestellte“ Adjektiv, z.B. „offensichtlich“ oder „selbstverständlich“ oder … Elfriede Jelinek spielt damit in ihren anerkennenden Zeilen zu WITTGENSTEINS MäTRESSE. Gedankensprung -nix gegen Kate- zu Adorno: a) seine Fans gaben sich durch Gebrauch seines nachgestellten hier:Reflexivpronomens zu erkennen; und b): Adorno hat Wittgenstein, obwohl Positivist -ieh bah- verehrt 😉
    Bei Kates nachgestelltem Adjektiv „tatsächlich“ habe ich angehalten und „ausgeschaut“ (wie Kate) zum Tractatus: „1.2 Die Welt zerfällt in Tatsachen“.
    Kate: „Man neigt dazu, Derartiges zu tun. Im Wesentlichen.“ Wow.

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