J.M. Coetzee’s neuer Roman „Die Kindheit Jesu“


von Carsten Wist

Der Südafrikaner J.M. Coetzee hat mit der neuen Nobelpreisträgerin Alice Munro nicht nur die literarische Ehrung der Nobelpreisjury gemein. Ebenso wie bei Munro gab es auch vor 10 Jahren einhelliges Lob für die Entscheidung. Und die Bücher von beiden werden in Deutschland vom S.Fischer Verlag herausgebracht. Einen kleinen Unterschied gibt es aktuell jedoch: der neue Erzählband von Alice Munro wird vorgezogen am 5.Dezember erscheinen, der neue Coetzee ist bereits da. Er heißt Die Kindheit Jesu. Der Mann und das Kind hätte auch ein Titel sein können, denn ein Mann und ein Junge gehen durch diese 350 Seiten, sie kommen aus einem Lager an einen Ort, übers Wasser sind sie gefahren, erhalten von Amts wegen nicht nur die Namen Simon und David, sondern auch Unterkunft und Arbeit. Der Junge hat bei der Überfahrt seinen Brief verloren, der seine Herkunft beschrieb. Der Mann kümmert sich jetzt um ihn, ist eine Art Pate, Ersatzvater oder Onkel. Zusammen wollen sie die Mutter finden, das hat er dem Jungen, der  auf 5 Jahre geschätzt wird, versprochen. Abgeschnitten von den Erinnerungen suchen sie ein neues Leben. Er, Simon, fängt im Hafen als Transportarbeiter an, dem Jungen gefällt die spanische Sprache nicht sonderlich, doch er richtet sich schnell ein. Auffällig ist seine besondere Art zu reden, zu denken, die Welt zu betrachten.

In Coetzees Roman geht es um das Elementare: Arbeit, Essen, Liebe. Der Autor lässt seine Protagonisten diesbezüglich eine neue Welt betreten. Hier sind zwar alle irgendwie versorgt, keiner muss direkt leiden. Es ist ein neues Lebenskoordinatensystem. Und dennoch fehlt etwas, schnöde gesagt: die Würze des Lebens fehlt. So auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen, in denen Leidenschaft etwas eher Gestriges zu sein scheint. Da gibt es vom Autor keine Bewertungen, die legt er in des Lesers Hand. Als Simon für den Jungen mit Ines tatsächlich eine Mutter, die auch seine, also Davids Mutter sein will, gefunden hat, scheint sein Auftrag, sein Versprechen erfüllt. Doch so einfach ist es eben nicht. Dieses besondere Kind eckt an, passt nicht in die Norm. Er hat schon etwas von Jesus,  der die Menschen ein anderes Denken und Schauen lehren will. Dieser kleine Erlöserjunge mit außerordentlichen Fähigkeiten ist bei weitem nicht nur ein sogenanntes liebes Kind, er kann nerven, er kann egomanisch sein, selbstherrlich – doch er gibt allen, die mit ihm zu tun haben, einen neuen Blick auf den Sinn des Lebens.

Coetzee hat mit Die Kindheit Jesu einen einfach verschlungenen, hart sensiblen und dunkel leuchtenden Roman geschrieben, angerichtet als frugales Mahl. Es ist ein Roman ohne Schnörkel über das Elementare des Lebens. Ein Buch voller Wunder. Angesiedelt zwischen Märchen und Schöpfungsgeschichte, Existenz- und Erziehungsroman. Coetzee hat eine literarische Spielanordnung geschaffen, in der sich der Leser erst einmal mit seinem Leben zurechtfinden muss.

J.M. Coetzee : Die Kindheit Jesu, S.Fischer Vlg, 351 S., 21,99€.

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