Peter Kurzeck ist im Alter von 70 Jahren gestorben

„Wie soll man die Zeit erzählen? Und wie erzählt man sich selbst?“

Die Nachricht des Todes von Peter Kurzeck ist vor allem eine Nachricht, die Lesehoffnungen platzen lässt. Die Hoffnung auf weitere Bände aus seiner autobiographisch-poetischen Chronik „Das alte Jahrhundert“; die Hoffnung auf Befriedigung der Kurzeck-Sound-Sucht; die Hoffnung auf einfach mehr aus dieser originären Sprach-Welt.

Peter Kurzeck war ein Dichter von Proust’schem Ehrgeiz. Nicht nur was den schieren Umfang seines Romanprojekts anbelangt – „Das alte Jahrhundert“ war auf 12 Bände angelegt, von denen bisher 5 erschienen sind –, der Ehrgeiz betrifft auch die exzessive Hingabe an das Erinnern und Aufschreiben einer vergangenen Welt. Vor allem die Bände aus dem Romanzyklus widmen sich dem alltäglichen Leben der 1980er Jahre mit all seinen Belanglosigkeiten, Enttäuschungen, Freuden und (Sehn)Süchten. Kurzeck war ein Aufzeichner des Alltags, und daher ist der Proust’sche Madeleine-Moment bei ihm zwar ebenso stark, jedoch bei weitem nicht so erhaben: Der intensive Erinnerungsauslöser ist u.a. der Kauf einer Seife in einer Frankfurter Schlecker-Filiale.

Ganz gleich eigentlich, was er beschrieb, entscheidender Faktor der Leseliebe war immer das wie. Ob er über Igel, Espressi oder den Kinderladen seiner Tochter schreibt, seine Penetranz versucht jedes Detail einer Situation zu umfassen – und zwar im Plan kumuliert auf das ganze „alte Jahrhundert“.

Die in den Texten offenbar werdende Besessenheit Kurzecks, sein Faible für Süchte aller Art, überträgt sich auf den mit(er)lebenden Leser. Kurzecks Texte sind Lektüren mit erhöhtem Suchtpotential, die aufzeigen, in welcher Intensität das Leben stattfinden kann.

Diese Sucht nach Sprache, Literatur und Leben hat nun ein Ende gefunden. Uns Lesern bleibt nur der schmerzhafte, kalte Entzug. Und mindestens ein doppelter Espresso in Gedenken an diesen großen Erzähler, bis uns die Herzen flattern und wir wieder von vorn beginnen mit all seinen wunderbaren Texten.

Adieu Peter Kurzeck, deine Besessenheit sei unser Maß.

von Felix Palent

 

 

 

 

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