Biographie eines Möbelstücks

„Am Schreibtisch. Thomas Mann und seine Welt“ –                                                           Inge Jens’ neues Buch, empfohlen von Mathias Iven

Das Genre der Biographie hat in den vergangenen Jahren eine neue Dimension erreicht. Da geht es schon lange nicht mehr nur um Lebensbeschreibungen berühmter und weniger berühmter Persönlichkeiten. Mittlerweile gibt es Biographien von Orten und Flüssen, Epochen und Jahren, und, und, und … – und nun also die Biographie eines Schreibtisches.

Es ist ein interessanter Versuch, anhand eines Möbelstückes Familien- und Zeitgeschichte zu rekonstruieren. Inge Jens, ausgewiesene Kennerin des Werkes von Thomas Mann und Herausgeberin seiner Tagebücher, hat sich mit ihrem jüngsten Buch ohne Scheu – wenn auch von manch Rezensenten belächelt – auf ein derartiges „Nebengleis“ der Forschung begeben. Bis heute ist zwar unklar, wann und unter welchen Umständen der Schreibtisch erworben wurde, um so interessanter ist die Odyssee dieses für einen Schriftsteller so unverzichtbaren, sagen wir, „Zubehörs“.

Als Thomas Mann im Februar 1933 zu einer Vortragsreise nach Brüssel und Paris aufbricht, ahnt er wohl kaum, dass er über zwei Jahrzehnte hinweg unterwegs sein wird – unterwegs im Exil. Und er ahnt sicherlich auch noch nicht, wie wichtig ihm sein Schreibtisch werden soll, der, wie Jens es ausdrückt, für ihn „Garant einer neuen Beheimatung, eines Lebens-Stetigkeit verbürgenden Mittelpunktes [war] – gleichgültig, unter welchem Himmel er gerade stand“.

Im südfranzösischen Sanary-sur-Mer, der ersten Station von Manns Exil, muss im Sommer 1933 noch ein „grün ausgeschlagener Spieltisch“ als Provisorium herhalten. Erst in Zürich, der zweiten Station, kehrt wieder „Normalität“ ein. Am 25. November 1933 heißt es im Tagebuch: „die gewohnten Einzelheiten des Schreibtisches sind wie vordem geordnet. Der Abreiß-Kalender war dick – er war am 11ten Februar [dem Tag der Abreise aus München] stehen geblieben.“ Von der Schweiz aus geht es nach Amerika. Ab Oktober 1938 wohnt die Familie Mann zunächst in Princeton, im April 1941 übersiedelt sie nach Pacific Palisades, wo sie schließlich im Februar 1942 das eigens für sie erbaute Haus bezieht. Der „Zauberer“, der einzig und allein für sein Werk lebt, sitzt an seinem Schreibtisch und verkündet: „so bin ich entschlossen, mein Leben und Treiben mit größter Beharrlichkeit fortzusetzen wie eh und je, unalteriert von Ereignissen, die mich schädigen, aber nicht beirren und demütigen können“. Doch es ist nicht mehr nur die literarische Produktion, die Manns Schaffen zu diesem Zeitpunkt ausmacht. Es gilt, sich am politischen Kampf gegen Nazi-Deutschland zu beteiligen: Er verfasst Reden und Aufrufe, und der Schreibtisch wird gleichfalls zum Entstehungsort ungezählter bürokratisch-administrativer Schriftstücke zur Rettung von Menschen in Not.

Noch zwei Mal wechselt der Schreibtisch seinen Standort. Nach dem Krieg geht es zurück nach Europa. Im Januar 1953 erhält er einen Platz im Haus der Manns in Erlenbach am Zürichsee und ab April 1954 steht er in Kilchberg, Alte Landstraße 39, für Thomas Mann die, wie er im Tagebuch vermerkt, „definitiv letzte Adresse“. Seine Energie lässt mehr und mehr nach. Der Schreibtisch – von dem in den Tagebüchern jetzt kaum noch die Rede ist – wird nunmehr, so Jens, zum „Sinnbild verlorener Schaffenskraft“.

Die Geschichte, die von Inge Jens meisterlich und routiniert erzählt wird, ist insofern einzigartig, als dass es wohl außer Thomas Mann keinen Emigranten gab, dem es gelang, den eigenen Schreibtisch mit ins Exil zu nehmen, geschweige denn auf andere Kontinente hinüberzuretten. – Warum sollte man also darüber kein Buch schreiben?

Inge Jens: Am Schreibtisch. Thomas Mann und seine Welt. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2013, 207 S., 19,95 €

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