Reisen durch den neuen Roman von Zadie Smith „London NW“

eine Zitatsammlung von Felix Palent

Die pralle Sonne trödelt bei den Telefonmasten.

 

Im Radio: Ich allein verfasse das Lexikon, das mich definiert. Guter Spruch – gleich aufschreiben, hinten auf die Zeitschrift. (…)

Ich allein                             Ich allein verfasse

Bleistift schreibt nicht auf Zeitschriftenpapier. Irgendwo hatte sie gelesen, man kriegt Krebs von dem Hochglanzzeug.

 

Der Spinat kommt direkt vom Bauernhof. Einen Moment lang sind alle vereint in der Klage über die Gefahren der Technik, was für eine Katastrophe, vor allem für die Jugend, aber gleichzeitig haben die meisten ihr Handy neben dem Teller liegen. Möhren in Butter durchreichen.

Jeder sagt das Gleiche auf gleiche Weise.

 

Die Wohnung füllt sich jetzt rasch. Ständig geht die Klingel. Es wäre einfacher, die Tür gleich offen zu lassen, aber der Gastgeber legt Wert darauf, jeden Gast erst durch die Türspionkamera zu mustern, ehe er eingelassen wird. Menschen strömen auf die Party wie Soldaten zur Triage. (…)

– Und, was ist das Geheimnis?

– Wie bitte?

– EURES GLÜCKS, FRANCESCO.

– ICH HÖR DICH SO SCHLECHT, BIST DU BETRUNKEN?

 

Irgendwie macht gerade diese Kürze alles so verworren – die viel zu wenigen Sekunden, in denen sie gesehen und erkannt hat, was Sache war. Das Mädchen. Ihre Fotos. Mein Umschlag. Es war so. Wie ein Rätsel in einem Traum.

 

Wie soll man Glück verbergen?

 

»Du bist so ’n richtiger alter Linker, Barnesy, ein richtiger Kommunist.« Wieder Gelächter, er krümmte sich vor Lachen, stützte die Hände auf die Knie. Als er wieder hochkam, sah Felix Tränen in seinen Augen.

 

»Aber kann ich dich mal was fragen? Stört’s dich, wenn ich mich hierhersetze? Grace? Kann ich mit dir reden? Wir warten doch beide auf denselben Bus, oder?«

»Felix – heißt du so, ja? Du störst mich kein bisschen, Felix. Um mich zu stören, müsstest du ja was bedeuten, kapierst du? So sieht’s nämlich aus.« (…)

Mit fünf unschuldig an dieser Bushaltestelle. Mit vierzehn besoffen. Mit sechsundzwanzig stoned. Mit neunundzwanzig komplett zu, voll von der Rolle vor lauter Koks und Ketamin.

 

 

Das war die Rede, die er vorbereitet hatte. Jetzt, wo sie ausgesprochen war, kam sie ihm gar nicht mehr so hintergründig und tiefsinnig vor, wie er sie sich vorgestellt hatte (…).

»Felix, Schatz, es ist wirklich schön, dass du herkommst, um dieses ‚ernsthafte Gespräch‘ zu führen und mir deine Gedanken über Gott mitzuteilen, aber ich bin dieses ganze Gerede langsam leid, und persönlich möchte ich eigentlich vor allem wissen: Vögeln wir heute noch irgendwann oder nicht?«“

 

 

»GELD. HANDY. LOS.« (…) »Passt auf, ihr kriegt nichts von mir. NULL!«

Er fand sich auf dem Boden wieder. (…) Und statt Angst überkam ihn ein Gefühl von Mitleid; er wusste noch, wie es war, als nichts anderes gezählt hatte, als der große Macker zu sein.

 

»War aber echt schön, dich zu sehen«, sagte Leah. »Du bist die Einzige, mit der ich so richtig ich selbst sein kann.« Diese Bemerkung brachte Natalie zum Weinen, weniger aus Rührung als wegen der erschreckenden Gewissheit, dass diese Aussage umgekehrt jede Bedeutung verlieren würde, weil Ms Blake ja gar kein Selbst besaß, das sie hätte sein können, weder mit Leah noch mit sonst irgendwem. (…)

Prosaischer gesprochen war Natalie Blake wie verrückt damit beschäftigt, sich selbst neu zu erfinden. Sie streifte Gott so reibungs- und schmerzlos ab, dass sie sich fragen musste, was sie eigentlich bisher mit diesem Wort gemeint hatte.

 

Natalie Blakes Mann packte sie sehr fest am Handgelenk.

»Wer bist du?«

Natalie Blake versuchte ihr Handgelenk zu befreien.

»Du hast da unten zwei Kinder. Sei verdammt noch mal erwachsen. Wer bist du? Ist das echt? Wer zum Teufel ist wildinwembley? Was ist das alles da auf deinem Rechner?«

»Was machst du denn an meinem Rechner?«,

fragte Natalie Blake mit schwacher Stimme, lächerlicher Stimme.

 

Sie drehte sich um und ging zurück Richtung Caldwell. Gehen war jetzt ihre Aufgabe, Gehen ihr ganzes Sein. Sie war nicht mehr und nicht weniger als das Gehen an sich. Sie hatte keinen Namen mehr, keine Geschichte, keine Eigenschaften. Das alles hatte sich ins Paradoxe geflüchtet.

 

Klarheit. Hell, blendend, bar jeder Wertung, unmöglich länger zu ertragen als einen Augenblick und schon wieder auf dem Weg, sich in etwas anderes zu verwandeln. Und doch, für einen Augenblick war sie da.

 

Zadie Smith: London NW, Kiepenheuer & Witsch, 22,99€

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