Haruki Murakami: „Die Pilgerreise des farblosen Herrn Tazaki“

Haruki Murakami

Haruki Murakami

von Carsten Wist

Es waren einmal fünf Freunde, die besuchten die gleiche Schule in der Stadt Nagoya. Was sie verband war nicht nur eine normale Freundschaft am Ende ihrer Schulzeit, sondern die fünf bildeten eine vollkommen harmonische Gemeinschaft. Die Mädchen Shiro und Kuro, und die Jungen Aka, Ao und eben Tsukuru Tazaki, die Titelfigur des neuen Romans des unter chronischem Nobelpreisverdacht stehenden Japaners Haruki MurakamiEs ist etwas passiert, was der Leser gleich am Anfang erfährt: die Freundesidylle gibt es nicht mehr, schon 16 Jahre nicht. 36 Jahre ist Tazaki heute alt, vor 16 Jahren ging er als einziger nach Tokio zum Studium. Bahnhöfe hatten es ihm angetan, er wurde so etwas wie ein Bahnhofsarchitekt respektive Bahnhofsingenieur. Und als er damals wieder einmal in seine Heimatstadt kam, um seine Freunde zu besuchen, zeigten ihm alle die kalte Schulter. Sie wollten nicht mehr von ihm angerufen werden, sie wollten überhaupt keinen Kontakt mit ihm. Gründe wurden nicht benannt. Unvermittelt und erbarmungslos schlossen sie Tazaki aus ihrer Gemeinschaft aus. Tsukuru Tazaki wollte daraufhin nur noch sterben, doch irgendwie ging das Leben weiter. Erst nach anderthalb Jahrzehnten redet er mit seiner neuen Freundin Sara über die damalige Verbannung aus dem Freundeskreis. Tazaki hält sich selbst für farblos, was viel mehr meint, kaum auffällig, nicht des wahrgenommen Werdens wert, er sei lediglich ein Gefäß ohne Inhalt. Doch Sara animiert ihn, ja, sie macht es sogar zur Bedingung ihres Zusammenseins, dass Tazaki den Kontakt zu seinen früheren Freunden wieder aufnehmen soll, um endlich herauszufinden, was der Grund für die damalige plötzliche Totalablehnung war. Tazaki, getrieben von Träumen und den unterbewußten Ängsten, macht sich auf einePilgerreise in seine Vergangenheit.

Die ehemaligen Freunde verkaufen heute Autos oder geben Motivationsseminare, eines der Mädchen lebt mit ihrer Familie in Finnland und töpfert, die andere, die einst so gut Klavier spielen konnte, ist nicht mehr am Leben. Was Tazaki erfährt, ist schockierend, aber es zerstört ihn nicht. Vielleicht ist er nach diesen Reisen an das Ende einer großen Harmonie fähig und bereit, sein ganz eigenes Leben nicht nur zu vollziehen sondern zu gestalten. Doch das wäre wohl schon ein anderes Buch.

“Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ ist ein ruhiger, entspannt-realistischer Roman Murakamis, wohl abgeschmeckt, gut dosiert, unaufgeregt, höflich. Für Murakami-Verhältnisse nahezu reduziert. Die stilvolle Verbeugung vor diesem Autor impliziert Dankeschön und großes Lob.

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