Martin Mosebachs neuer Roman „Das Blutbuchenfest“ ist ein gefährlich aufregendes Abenteuer

von Felix Palent

© Bild: Carl Hanser Verlag

Der neue Roman von Martin Mosebach gehört in die Kategorie der gefährlichen Bücher. Nicht etwa, weil er streitbar radikal-konservative Thesen vertritt oder etwa innovativste, schwer nachzu-vollziehende Quantensprünge der Handlungskonstruktion vornimmt. Nein, dieser Roman ist gefährlich, weil hier ein Dichter allein mit Sprache einen Sog des unbedingten Weiterlesens, -blätterns und -genießens erzeugt. Es ist sekundär, was Martin Mosebach schreibt, viel wichtiger ist wie er es schreibt. Mosebachs Sprachduktus ist nicht nur außerordentlich reich an eigenwilligen Schreibweisen (ein Sofa mit ph), diese Klangwelt kennt auch die vielseitigsten Tonalitäten: ironisches Lächeln, souveräne Gelassenheit und respektvolle Annäherung an die Verschroben-heiten der Figuren ebenso wie die harte, handlungsoptimierte Sprache der klaren Benennung.

Mit diesem reich ausgestatteten Werkzeugkoffer breitet Mosebach zunächst das Bild einer illustren Frankfurter Gesellschaft aus, in der sich die Figuren mitunter gut, mitunter gar nicht oder noch nicht kennen: da ist die Werbeagentin Markies, die Raumpflegerin Ivana, der Pleiteprahler Rotzoff, der Immobilienmakler Breegen, die Berufsgeliebte Maruscha oder etwa der Ich-Erzähler, der „seine besten Jahre mit einer elenden, niemanden bewegenden Promotion“ totschlägt. In diese Figuren und in diese Welt dringt Mosebach vor. Er wagt einen Blick in die Leben der hinter großen Villenzäunen oder kleinen Biergläsern versteckten Figuren. „Eine andere Welt hatte sich aufgetan. Ein Blick hinter die Kulissen war gelungen, und damit waren die Kulissen in ihrer Kulissenhaftigkeit erst wahrhaft erkannt.“ Trotz der Erschütterung der scheinbar so sicheren Lebensfundamente behält Mosebach eine liebevolle Nähe zu den Figuren bei. Der Gestus der Erzählung schlägt mit zunehmender Entlarvung nicht in Häme oder Schamlosigkeit um, vielmehr wird er zu einer immer weiter währenden Suche nach dem „dünnen Film der Wirklichkeit“, nach den „philosophischen Augenblicken“ der Figuren: „Ich nenne solche Vorkommnisse, die den geplanten Ablauf schmerzhaft unterbrechen, manchmal auch beenden, »philosophische Augenblicke«. Jäh werden wir aus der Bahn unserer Phantasie auf den steinigen Boden der Wirklichkeit gestoßen, so heftig, daß das Denken, dies Verweilen in den Illusionen der Ordnung, aufhört und ein Fühlen an seine Stelle tritt, das im Schmerz jeder Täuschung ein Ende bereitet.“

Die verschiedenartigen Erzählfäden laufen alle auf das titelgebende Blutbuchenfest zu und werden zusätzlich in der Person der bosnischen Putzfrau Ivana zusammengehalten. Sie bildet das versteckte Zentrum der Erzählung. Sie ist die Einheit in der gesellschaftlichen wie geographischen Vielheit. Sie ist der Kontrapunkt dieses kompakten und gleichzeitig ausufernden Romans, der viel enthält und trotzdem süffig erzählt und stechend genau formuliert ist.

Die Entdeckung, wie prächtig und gleichzeitig schaudernd diese Vielfalt leuchtet, wie lebensfroh und auch traurig das Blutbuchenfest letztlich vonstatten geht, sei jedem Leser selbst überlassen. Ein Abenteuer ist der neue Roman von Martin Mosebach jedenfalls, eines mit erhöhter Suchtgefahr.

Martin Mosebach: Das Blutbuchenfest, Hanser Verlag 2014, 445 S., 24,90€

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