Buchempfehlung: Saša Stanišić „Vor dem Fest“

von Carsten Wist

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Saša Stanišić, 1978 In Višegrad in Bosnien-Herzegowina geboren, seit über zwanzig Jahren in Deutschland lebend, debütierte mit seinem Roman „Wie der Soldat das Grammophon repariert“. Was war das damals für ein packender erzählerischer Einstand. Fulminant. Von einer neuen, unverwechselbaren Stimme, einem jungen Erzählschwergewicht war die Rede. Acht Jahre sind seitdem vergangen und nun ist Stanišić‘ zweiter Roman erschienen und soeben mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden. Stanišić umgeht geschickt die Gefahr der Eigenkopie und bleibt sich in Beobachtungs- und Erzählgestus treu. “Vor dem Fest“ ist ein Roman über die Uckermark, ja sogar ein Roman, der historisch genannt werden kann, umfasst die Spielzeit doch ein halbes Jahrtausend. Irgendwie scheint aber die Zeit in Fürstenfelde, ein Ort, den der Autor sich aus Fürstenwerder, Prenzlau und Fürstenwalde zusammengebaut hat, stillzustehen. Die blühenden Landschaften schafften es nicht bis hierher.

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Vor dem Fest“ beginnt poetisch, beginnt sentimental, beginnt traurig: Der Fährmann ist nämlich tot, einer, der mit seiner Fähre nicht nur die beiden Seen miteinander verband, sondern auch einer, der viel zu erzählen hatte, einer mit Deutungshoheit. Dazu gibt es hier auch keine Tankstelle mehr. Dafür einen Bäcker und einen gelegentlich sogar funktionierenden Zigarettenautomaten. Im Dorfzentrum steht das Haus der Heimat, hier gibt’s Erinnerungen in Stücken, hier wird von Frau Schwermuth die Chronik gehütet. Stanišić hat überhaupt eine bizarre Personage. Da ist Herr Schramm, früher stramm bei der NVA, jetzt Rentner und des Lebens müde. Da ist die alte Malerin, fast blind, eine skurrile Überlebenskünstlerin. Da ist Johann, der Glöckner-Lehrling, dem auf einmal die Glocken abhanden kommen. Da sind die beiden Nazis, die als Spätaufsteher fast alles verschlafen. Und da ist Ditzsche, einst der Briefträger, der, der die Briefe, die er austragen sollte, auch las, und nun, obzwar unbewiesen, als vermeintlicher Stasispitzel ausgegrenzt wird. Nun kümmert sich Ditzsche hingebungsvoll um seine Hühnerzucht. Ja, die Tiere nicht vergessen. Und davon gibt es viele, in Sonderheit eine eierversessene Füchsin.

Saša Stanišić hat einen Bilderbogen entworfen für diese gedehnte, fast menschenleere Landschaft Uckermark. Was hier lebt, sind die Erinnerungen. Eigentlich sind es nur zwei Tage, die der begnadete Erzähler beschreibt, zwei Tage der Vorbereitung auf das jährliche Annenfest. Doch das genügt, um die uckermärkische Welt zu vermessen. „Vor dem Fest“ kommt etwas ruhiger daher als der Vorgänger, etwas stiller. Doch es wirkt und wirkt nach. Hier schwingt etwas, hier hat einer den Ton getroffen. Es ist bei aller Handlung ein meditativ-kontemplativer Roman. Stanišić ist ein wunderbarer Geschichtenerzähler, der souverän die Fallhöhe eines zweiten Romans meistert. Letzte Ausfahrt Uckermark führt zu einem singulären Romanereignis.

Saša Stanišić: Vor dem Fest, Luchterhand-Verlag, 320 S. 19,99€

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