Buchempfehlung: Szczepan Twardoch „MORPHIN“

„Das Leben ist ein Traum. Aber dies ist keiner.“
Szczepan Twardochs kraftvoller Erzählrausch Morphin

von Felix Palent

Wollte man dieses Buch als Bild malen, wäre es von starken Kontrasten und satten Farben ebenso wie von feinen Schattierungen geprägt. Obwohl Anfang und Ende des Romans in ein „stickiges, schweres Schwarz“ gefärbt sind, wäre es kein monochromes Bild. Denn das Schluss-Schwarz ist kein depressives, ohnmächtiges eines betäubenden Rausches mehr, sondern ein lichtes, dynamisch pulsierendes Schwarz eines geglückten Entzugs. Die Geschehnisse, die zu diesem Entzug führen, erzählt Szczepan Twardoch in seinem jüngst auf deutsch erschienenen Roman Morphin. Der Prozess dieser farblichen Wandlung soll an dieser Stelle nicht nacherzählt werden, weil eine solche Wiederholung der Geschichte eines ihrer beeindruckendsten Elemente zerstören würde: die vollständige Unvorhersehbarkeit der Ereignisse.

Die Handlung des Buches setzt 1939 in Warschau ein, kurze Zeit nach dem blitzartigen Überfall Deutschlands auf Polen. Die Stadt ist „vergewaltigt“, der polnische Stolz hat vor der Besatzungsmacht kapituliert. Die Hauptfigur, um die das Buch zentriert ist, ist ein vielfältig hin und her gerissener Mann: „Wer bin ich? Ich möchte sagen: Ich bin Kostek Willemann, Gentleman, Verschwender, Hurenbock und Morphinsüchtiger. (…) Ich treibe mich gern mit Künstlern und Schriftstellern herum. Trieb mich. Ich (…) habe ein bisschen Polonistik studiert, um zu vergessen, dass ich deutscher Abstammung bin. Ich (…) tanze mit Frauen, die ich abends kennenlerne und morgens verabschiede. (…) Die Körper langweilen mich. (…) Ich liebe sie nicht. Ich liebe sie. Liebte. Nein. Ich weiß nicht. (…) Ich bin Konstanty Willemann, und meine Mutter ist kein Mensch. Ich bin der Sohn des Teufels, mein Vater hat einen Teufel gezeugt, aus Teufelsschoß bin ich geboren, und mein Vater hat sein Glied verloren, damit er keinen mehr zeugen kann.“

Der deutsche Einmarsch hat nicht nur eine „vergewaltigte“ Stadt hinterlassen, sondern auch Konstantys innere Gefasstheit gesprengt: Ist er noch der „zauberhafte Bonvivant“ der Vorkriegszeit oder doch ein von militärischer Strenge geprägter Reservekavallerist? Ist er besiegter Pole oder siegreicher Deutscher? Will er treuer Familienvater sein oder sich lieber den „rammligen Drogenherzchen“ ergeben? Flieht er in die kollaborative Betäubung des Morphin oder in den aktiven konspirativen Widerstand? Konstanty ist hin und her gerissen, er wird zum Sinnsucher in dieser „Welt aus Befehlen und Pflichten“, der eine Ordnung begehrt, die ihn erkennen lässt und sein Leben erfüllt, die ihm Entscheidungen erleichtert.

Szczepan Twardoch bildet in dieser Figur nicht nur den Krieg zweier Nationen ab, sondern darüber hinaus den weit komplexeren inneren Krieg des Seins. Das bei seiner Hure Salomé stets verfügbare Morphin bietet Konstanty kurzzeitige Entspannung von der inneren Zerrissenheit, vom Leben zwischen den Fronten, von der äußerlichen wie innerlichen Kraftlosigkeit. Das Schmerzbetäubungsmittel für verwundete Soldaten wird für ihn zur Essenz, die die Seele betäubt. Drogenrausch als einzig ertragbarer Zustand in der „Schwerkraft der Situation“.

Doch viel mehr als von Drogen, Betäubung und Rausch zeugt Morphin von Entzug, von der langsamen, schmerzhaften Bewusstwerdung und der dafür notwendigen Grenzüberschreitung: Konstanty muss den Gesichtsverlust des Vaters nivellieren, um ein eigenes Gesicht zu erlangen; er muss demütigen, um in Einigkeit leben zu können; er muss das Land seines Herzens verraten, um der Besatzung vom Land seines Blutes zu widerstehen; ja letztlich muss er sich dem Dämonischen hingeben, um das Harmonische zu erreichen.

Diese Kämpfe von Kostek Willemann verfolgt Szczepan Twardoch mit einer derben, vor Spannung fast berstenden Sprache. Er schreibt konzentriert kraftvoll, grell und heftig, spürt mit akribischer Präzision der Entfremdung Kosteks nach: „Wer ist das, der auf deiner anderen Seite geht? (…) Dass ich nur nicht vergesse, wer ich wirklich bin, ich spüre, dass mir das leicht passieren könnte.“

Twardochs überbordender, intensiver Erzählrausch Morphin strotzt von triebhaften Körpern, von Durst, Verlangen und Blut, von Zärtlichkeit und gleichzeitiger Grausamkeit, von Vereinigungen und Verstümmelungen. Er schafft Szenen und Konstellationen, deren Gewaltigkeit man nur ungläubig, atemlos bestaunen und genießen kann. Wild und exzentrisch, gleichzeitig unendlich sensibel. Twardochs Buch ist ein Traum, ein Leserausch, mit dessen Entzugserscheinungen sich der Leser nach der Lektüre ernsthaft plagen muss.

Szczepan Twardoch: Morphin, Rowohlt Berlin Verlag 2014, 22,95€

 

 

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