Der tägliche Fritz (24)

Raddatz-BannerKempinski Hotel Bristol, Berlin, den 9. Mai 2006
„Waren die Berge früher höher? Die Bäume grüner? Die Flüsse reißender? Der Flieder lilaner?
Mir scheint, die Passiv-Potenz läßt nach, die Kraft zur Freude, Begeisterung gar. Nun habe ich mir – leichtsinnig, wie stets bei Kunst – einen nachweisbar jahrzehntelangen Traum erfüllt: den Brecht-Kopf von Gustav Seitz (…). Nach einigem – übrigens lustigen – Feilschen ist das Sehnsuchtsobjekt nun da, ‚erwartete‘ mich (…) – und dann: ein Glas Champagner, ein kleines Selbstgespräch, die Lenya-Brecht-Weill-Platte aufgelegt. War ich glücklich? Gibt es überhaupt noch Glück mit 75 Jahren?“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

 

Der tägliche Fritz (23)

Raddatz-BannerRenaissance Hotel, Leipzig, den 19. März 2006
„Gestern Mittag (…) in einem ungeheizten Funk-Wohnwagen Interview mit so profunden Fragen wie ‚Sind Sie ein Dandy?‘ – weil ich Manschettenknöpfe und ein farbiges Einstecktuch trage (dabei biedere ich mich bereits per Cord-Anzug an, um mit Maßanzügen niemanden zu erschrecken). Wer keinen Rucksack trägt, keinen ausgefransten Pullover zu Fetzenjeans, sondern nur normal angezogen ist, ist eben ein Dandy.“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

 

Der tägliche Fritz (22)

Raddatz-BannerHotel Lutetia, Paris, den 1. Oktober 2005
„Die Begegnung ferner Sterne resp. Nicht-Begegnung: der 30-jährige Glencheck-(trägt man das wieder?)Journalist Stuckrad-Barre, der mich hier im Auftrag einer Zeitschrift porträtieren soll, läßt mich den 1. Abend (…) 40 Minuten in der Hotelhalle warten, heute morgen 1 volle Stunde im Deux Magots; als ich um 11 Uhr anrief, schlief der Herr noch, während der 45 Jahre Ältere pünktlich um 10 Uhr dort gesessen hatte.
So sinnlos ist das Ganze. All meine Pläne (…) fielen ins Brackwasser des Desinteresses. (…)
Er war das 1. Mal in seinem Leben in Paris – und sieht nichts, schmeckt nichts, schläft und fragt nach gar nichts.
Oder hat diese Generation ein so ganz anderes Aufnahmevermögen, sind widerlich-schwer Bewaffnete in den Tuilerien interessanter als die Skulpturen, von denen er nicht eine ansah, nie je fragte ‚Von wem ist das?‘
Der Mann ißt gerne Austern. Aber er ist eine Auster ohne Perle.“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

 

Der tägliche Fritz (21)

Raddatz-BannerHaus Kampen, Kampen / Sylt, den 9. September
„Einen Abend den sympathischen und, wie ich finde, sehr begabten Kurt Drawert hier zum Tee, der (…) hier bei einer Mineralwassermillionärin ein 2-monatiges Stipendium verzehrt. (…) Das einzig Verblüffende ist, mit welcher Selbstverständlichkeit er Mietzuschüsse, Stipendien, Geldzuwendungen, Preise und allerlei Drauflegen der öffentlichen (und auch privaten) Hand voraussetzt und annimmt. Als wäre die Öffentlichkeit VERPFLICHTET, Schriftsteller zu unterhalten – so dachten nicht Kafka nich Benn. Vielleicht WÄRE sie es sogar; und ein Düsenkampfflugzeug weniger (…) – und vielen Literaten wäre geholfen. Ein weites Feld. Doch dies Anspruchsdenken ist irgendwie schräg.“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

 

Der tägliche Fritz (20)

Raddatz-BannerThe Golden Park, Nizza, den 5. Mai 2005
„Ein schwarzer Blitz hat zerrissen, was als faule, sonnige, verdöste Tage ohne Termin im Genick und ohne andere Nöte geplant war … Meine Schwester, die Schnecke, die geliebte Verrückte und liederlich Liebende, ist tot. Gleich am Tag nach meiner Ankunft kam der Anruf (…): die Totenfeier in einem buddhistischen Tempel in Bangkok. Von Tempelhof zum Tempel in Thailand – was für ein Lebensbogen, wieviel Wirrnis, wieviel Jagd nach dem Glück, wieviel Ungeduld und wieviel verschlampte Unbürgerlichkeit prägte(n) dieses Leben. (…) Aber ich habe sie geliebt -, und ganz ins Grab geht sie erst, wenn ich in das meine muß; denn bis dahin wird sie in mir vorhanden sein.“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

 

Der tägliche Fritz (19)

Raddatz-Banner30. Dezember 2004
„Es wird still um mich, in manchen Städten kenne ich niemanden mehr, und dieses Ausmerzen von Adressen zeigt nicht nur, wie meine Welt versinkt: Es ist auch ein Stück eigenes Sterben.
Schöner Abschied vom Jahr.“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

 

Der tägliche Fritz (18)

Raddatz-Banner30. November 2004
„Warum nur schaffe ich’s nicht, mich von dem ausgeleerten Karussel abzuschwingen, noch mal den FAUSTUS oder MADAME BOVARY oder KRIEG UND FRIEDEN in Frieden und in Ruhe zu lesen? Ist es wirklich, wie der freundlich-liebenswürdige Kersten mir gestern Abend sagte, weil ‚Sie eben noch sehr viel kreative Energie in sich haben‘ – oder ist es doch die verdammte applaussüchtige Eitelkeit, mit der ich dann irgendein Blatt aufschlage, weil, na was schon, ein Artikelchen von mir drinsteht (…). Unlösbar – Hemingway hat sich erschossen, als er schriftstellerisch am Ende war, Walter Benjamin die ominöse Aktentasche über die Pyrenäen geschleppt, sie war ihm wichtiger als sein Leben. Die Beispiele sind zahllos und illuminieren diesen Zustand, auch wenn man kein Hemingway und wohl nicht mal ein W. Benjamin ist.“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

 

Der tägliche Fritz (17)

Raddatz-Banner20. November 2004
„Zwangspause wg. Katarakt-Operation am rechten Auge, dessen Sehkraft auf 30% abgesunken war. (…) Mal abgesehen davon, daß ich summa cum laude in Hypochondrie promoviert habe, generell eine extrem niedrige Schmerzgrenze habe UND leider Phantasie (nur wer keine Phantasie hat, hat auch keine Angst): Der Moment, in dem (…) sich die solchermaßen riesig aussehende Schere dem Auge nähert, und wenn der Chirurg dann nach wenigen Minuten sagt ‚So, die Linse ist jetzt raus‘ – also, ich weiß andere Dinge im Leben, die ein Vergnügen sind.“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

 

Der tägliche Fritz (16)

Raddatz-Banner10. August 2004
„‚Melden Sie sich doch auch mal nur so‘, sagte kürzlich am Telefon Kempowski. Als ich’s gestern tat, war er recht hoheitsvoll, fragte nur, ob ich das Buch über ihn gelesen hätte. (…) Kurzum: Sinnloses Gespräch, ein Monolog mit verteilten Rollen. Wenn ich doch lernte, daß niemand an niemandem interessiert ist und daß im Alter die Neugier auf andere Menschen gegen NULL sinkt.“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€