Wiederentdeckt: Ein Totengespräch mit dem Schweizer Schriftsteller Ludwig Hohl

Es gilt, den 1980 in Genf verstorbenen Schweizer Schriftsteller Ludwig Hohl neu zu entdecken. Dazu laden fünf, soeben im Berliner Suhrkamp Verlag wiedererschienene Bände ein. Einer davon sind die erstmals zwischen 1939 und 1942 veröffentlichten „Nuancen und Details“.


Ein Totengespräch
mit Ludwig Hohl
über Zeiten hinweg, geführt und aufgezeichnet von Mathias Iven

Der erste Teil Ihrer zwischen 1934 und 1936 im holländischen Exil entstandenen, und vor wenigen Tagen in einer neuen Ausgabe bei Suhrkamp erschienenen Notizen ist überschrieben mit „Vom Arbeiten“. In welche Kurzformel würden Sie den Begriff „Arbeit“ fassen?

Arbeit: nicht ein Gespenst, wie jene meinen, die nicht arbeiten. Sondern ein Freund, ein Tröster, mit hartem Äußeren, das abschreckt.“

In den Notizen heißt es: „Ob man arbeitet oder nicht, weiß man selber ganz genau.“ Was meinen Sie damit?

 „Wie viele Male schon – und, wie mir scheint, auf wie viel verschiedenen Wegen auch – habe ich wiederfinden müssen, daß jeder etwas leisten muß, durchaus nicht nur aus sozialen Gründen, sondern vor allem auch seiner selber wegen.“

Nun kann man ja – vertieft in seine Arbeit – leicht das rechte Maß verlieren …

 „Man nimmt gewöhnlich an, daß Arbeiten, das über eine durch die Natur bestimmte Linie hinaus gesteigert werde, zur Überanstrengung führe; so kann diese zwar zustande kommen, aber sie kann ebenfalls entstehen, ohne daß der von ihr Betroffene zu viel, oder auch nur genügend, oder auch nur in bescheidenem Maße gearbeitet, ohne daß er überhaupt je richtig arbeiten gelernt hat. Es ist leicht, sich zu überanstrengen; arbeiten ist schwerer.“

Ein anderes großes Themenfeld Ihrer Überlegungen befasst sich mit unserem Erkenntnisvermögen. In den Notizen sprechen sie von der Sinnlosigkeit eines Erkennens auf Zuruf.

 „Das Brennendste: ,Geistige Ereignisse‘: Nicht Resultate, sondern Weg! Wer würde es der Jugend sagen können, daß das Lernen – und das lernen Lernen! – alles ist, nicht das Gelernte?“

Lernen also als ein ewiger Prozess?

 „Eine der größten Freuden für den denkenden Menschen dürfte dieses sein: daß es ein Fortschreiten des wissenschaftlichen Erkennens gibt; daß in der Geschichte der Menschheit nicht immer und immer dieselben Fragen sich gegenüberstehen, sondern daß im Laufe der Zeiten einmal diese und dann eine andere vollständig, endgültig gelöst wird.“

Kommen wir noch einmal zurück zur Arbeit, zu Ihrer Arbeit als Schriftsteller …

 „Man hat den Dichtern freilich oft gesagt, sie seien unpraktisch, daß einige es geglaubt haben (indessen vielleicht nicht so fest geglaubt, wie du annimmst, Praktischer des Alltags …; bei dir den Glauben erwecken, daß sie’s glauben, diente vielleicht ihrem Zwecke, war sehr praktisch …). Sie haben anderes zu tun, das ist das Geheimnis! Und dieses andere, übermächtig, beschlagnahmt ihre Kräfte.“

Und dieses „Andere“ ist dann Arbeit, die zur Kunst wird?

 „Kunst wird ebensowenig erarbeitet wie das Kind oder wie das Leben. Aber ebensosehr, wie die Dispositionen erarbeitet werden, in denen das Kind, oder das Leben, gedeihe, werden die Dispositionen erarbeitet für die Kunst. Die Gewaltsamkeit gilt den Vorbereitungen, nicht der Kunst.“

Sie haben immer sehr zurückgezogen gelebt, ganz auf Ihr Werk konzentriert, das über Jahre hinweg nicht beachtet wurde. Und doch waren Sie kein „misanthropischer Einzelgänger“, wie Peter Handke 1980 in seiner Laudatio anlässlich der Verleihung des Petrarca-Preises an Sie betonte.

 „Erst war mein Verhältnis zu den andern immer so, daß ich sie dominierte (oder, was hier auf dasselbe hinausläuft, zu dominieren suchte). Durch verschiedene Dinge von innen und von außen wurde ich bei einer Zeitwende darauf aufmerksam gemacht, daß dieses Dominierenwollen ein Irrtum sei. Ich ließ es, aber nur, um in einen noch größeren Irrtum zu fallen: Ich wollte geliebt werden (demütig, für meine innersten Werte); ich erwartete also, völlig passiv, mich hütend, in irgendeiner Richtung zu wirken, die Zuneigung der andern. Da nun mußte ich die allerschwersten Erfahrungen machen, bis ich entdeckte, daß wir, auch in höchsten und geistigsten Verhältnissen, vieles imponieren müssen (in einem gewissen Grade, welchen die Seele sehr genau zu treffen lernt) und daß der erste Zustand, der des Dominierenwollens, lange nicht so viel übertrieb, wie ich gemeint hatte, und weniger weit entfernt war von dem dazwischenliegenden Richtigen, als der zweite, der des Glaubens, daß die andern selber handelten (in unserer Angelegenheit), alles gerecht überlegte und das Verborgene sähen.“

Sie sprechen den „Glauben“ an …

 „Nur das, woran du Glauben hast, rettet dich. Das, woran du nicht ganzen Glauben, sondern manchmal Zweifel hast, rettet dich nicht. – Dieser rettende Glaube ist nichts anderes als Wissen im höchsten Begriff, innerstes Wissen.“

Zum Abschluss noch eine Frage nach den sich verändernden Lebensbedingungen – und Arbeitsbedingungen – in der heutigen Zeit: Was halten Sie von dem überstrapazierten Begriff der „Entschleunigung“?

 „Der Geistige geht nicht schnell ohne Grund, ohne Grund – den er nennen kann. Und doch sehe ich immer wieder welche auf der Straße, die eilen ohne Grund – es hat keine Nötigung, es dient niemandem. Kannst du dir Goethe oder Sokrates in dieser Weise rennend vorstellen? Ich aber auch nicht irgendeinen von den denkenden Heutigen: nicht alles ändert sich.“

Und das heißt?

 „Das Leben will Verwandlung und wird das Beharren der wichtigsten Dinge erreichen. Der Tod will die Beharrung und wird die Verwesung erreichen.“

Ludwig Hohl: Nuancen und Details, Suhrkamp 2014, 15,95€
Ludwig Hohl: Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung, Suhrkamp 2014, 24,95€
Ludwig Hohl: Bergfahrt, Suhrkamp 2014, 14,95€
Ludwig Hohl: Nächtlicher Weg, Suhrkamp 2014, 14,95€

http://www.ludwighohl.ch/index.html

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