Der tägliche Fritz (47)

Raddatz-Banner„Nun ist (11. Dezember – wohl schon am 9. Dezember) Schoenberner gestorben. (…) Meine Seele ist verhornt. Ich bin traurig, gewiß, aber mehr im Sinne von ’schade‘, nicht im tiefsten, existentiellen Sinn erschüttert wie noch bei Wunderlichs Tod.
So bin ich eigentlich kein Mensch mehr, sondern ein Menschen-Darsteller. Ich müßte über mich empört sein – bin jedoch nicht mal das.Stattdessen lese ich, mir selber applaudierend, fast behaglich-genüßlich Massen alter Publikationen von mir (für den Rowohlt-Essayband), finde das meiste ‚gut‘. (…)
Die Welt schweigt.
Oder stirbt.

Finis Tagebuch“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

Der tägliche Fritz (46)

Raddatz-BannerGran Hotel, Bahia del Duque Resort, Teneriffa, den 30. Novemver 2012
„Seit eh+je finde ich, daß dieser Rainald Goetz gar kein Schriftsteller ist. Er ist ein Digital-Konditor, der aus den unsichtbaren Fäden der sogen. ’sozialen Netzwerke‘ rosa Marzipan-Schwein’chen zusammenklebt. Der von Klischees strotzende Roman ‚Johan Holtrop‘ – ist bestes Beispiel für sein zusammengeharktes Leckermaul-Material; so erfährt man, daß Manager große Autos fahren und nicht ’nett‘ sind. (…)
Diese Tagebucheintragung zeigt aber nur eines: Das Tagebuch ist überflüssig geworden. Ich kommentiere Zeitungskram: lächerlich.
Das ist ein Nörgelbuch geworden. Also muß es enden.“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

 

Der tägliche Fritz (45)

Raddatz-BannerKampen, Sylt, den 10. Juni 2012
„Aus dem Gebälk der Welt gefallen. Ich kann die Textur dieser Zeit, dieser Gesellschaft nicht mehr lesen, nicht politisch, nicht ästhetisch, nicht mal grammatikalisch. (…)
Weniger & weniger verstehe ich die Lobpreisungen meiner Kritikerkollegen, fast alle Bücher, die ich nach deren Empfehlung (…) las, haben mich enttäuscht, sind manchmal mehr, meist weniger ‚ordentlich‘ geschrieben, but nothing to write home about. (…) Eine Freundin schreibt, ‚wir‘ (WIR!) hatten doch das Glück, unseren (UNSEREN!) Beruf als ‚Hobby‘ zu haben: von Michelangelo über Thomas Mann bis, ja, bis hinunter zu mir: Beruf, Kunst, Literatur = Hobby! Es verschlägt einem die Sprache.“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

 

Der tägliche Fritz (44)

Raddatz-BannerPfingsmontag 2012
„Ich darf mir nach einem Leben voll Arbeit, ja, auch Ehrgeiz (wie kommt eigentlich der Geiz in die Ehre?) und Eitelkeit nicht vormachen, als ‚bliebe‘ da etwas. Ich war / bin ein sogen. ‚bunter Hund‘ (…), ein zwar nicht berühmter, aber doch bekannter Mann / Autor / Kritiker, un homme connu, wie man so sagt: mehr aber nicht. Und das vergeht wie der Rauch. Geblieben ist – manchmal – ein WERK, Michelangelo, Thomas Mann, Mozart usw., auch ein Werk-Gerücht – Proust, Joyce, ungelesen, aber zum obligaten Kanon zählend. Schon bei den Zeitgenossen (denen ich viel zu viel meines Lebens gewidmet habe) Grass, Walser, Christa Wolf, Uwe Johnson et tutti quanti ist es fraglich, bei Kollegen wie Joachim Kaiser oder Ranicki ganz klar – oft sind sie schon zu Lebzeiten nur mehr Gerücht, Legende.“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

 

Der tägliche Fritz (43)

Raddatz-BannerGründonnerstag 2012
„‚Warum machen Sie nicht, was alle machen?‘ – nämlich in einer vorgegebenen Bahn schwimmen; so eine aggressive junge Schwimmerin bei meinem morning swim: Schönes Motto über meinem Leben.“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

 

Der tägliche Fritz (42)

Raddatz-Banner2. März 2011
„Das sind die täglichen Vergiftungen, man müßte 1x im Monat in eine REHA-Gehirn-Reinigungs-Anstalt: Der bestenfalls kesse kleine Maxim Biller wird allen Ernstes zum ‚Surrealisten‘ erhoben, während man dem Ballett-Neumeier zu seiner Choreographie von SARTRES (!!!) ‚Die Stühle‘ in der WELT gratuliert – ICH dachte immer, das Stück sein von Ionesco (aber nie eine Berichtigung).“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

 

Der tägliche Fritz (40)

Raddatz-Banner27. Juli 2011

Ich bin sehr alt, und mit mir zusammen werden die nie ausgesprochenen Worte verschwinden
In denen längst verstorbene Menschen ein Zuhause hätten finden können.

Selbst die Verzagtheit läßt einen Literaten noch zitieren: Dies Gedicht ‚Personen‘ von Czeslaw Milosz definiert ziemlich genau meinen Geistes-, also auch Seelenzustand. Ich bin aus der Welt gefallen. Ganze, offenbar WESENTLICHE und den heutigen Alltag prägende Worte, Begriffe, Satzteile kann ich nicht mehr verstehen, es gibt lange Passagen in Zeitungen, auch in Werbeplakaten (an Litfaßsäulen z.B.), die mir absolut nichts sagen.“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

 

Zum Tod lachen. Der epochale Erzähler David Albahari macht Geschichten erfahrbar

Ein Essay über den Roman Kontrollpunkt, von Felix Palent

Überbordende Fülle oder wohlproportionierte Verharmlosung, Ziselierung oder verstörender Schock – die Ästhetik von Buchcovern ringt um Ausdruck, Tiefenschärfe und spontane Willensäußerung des Käufers gleichermaßen. Allein mit der Atmosphäre des Textes haben sie meist wenig gemein. Das Bild zu dem Roman Kontrollpunkt von David Albahari leistet beides: es ist Einladung wie auch Abbildung, es hält einem nachträglichen Blick stand, ja ist gar Bild gewordener Text. Bereits nach kurzer Lektüre gewinnen die Details an Schärfe, schält sich die Prägnanz der Bildwahl in Bezug auf die Romankonstruktion heraus. Immer wieder ist man verführt die Lektüre zu unterbrechen, das Buch zuzuschlagen und das Bild genauer zu betrachten, das die Situation am titelgebenden Kontrollpunkt verdichtet:

Eine Albahari_Kontrollpunkt_2_FBKompanie Soldaten wird auf eine Hügelkuppe verlegt, an die Schranke eines Kontrollpunkts. Die Situation für die Soldaten ist unübersichtlich, sie wissen nicht, ob sie sich in einer Friedensmission befinden oder ob sie gegen Separatisten zu kämpfen haben, ob sie einer eindeutigen nationalen Konfliktlage gegenüber stehen oder etwa als neutrale Ordnungshüter in einem Bürgerkrieg fungieren. „Sie wissen nicht, wo sie sich befinden, man hat ihnen nicht eröffnet, was ihre Hauptaufgabe ist, jemand beabsichtigt, sie alle nacheinander zu töten, kein Mittel der Kommunikation funktioniert, die Essensvorräte schmelzen dahin“. Trotz dieser viskosen Befehlssituation versucht die Kompanie ihr militärisches Pflichtbewusstsein zu bewahren. Vielleicht besteht sogar darin die eigentliche Anforderung an die Soldaten: Einen Balanceakt zwischen unklaren Anforderungen und angemessenen Reaktionsweisen zu meistern. Eben so, wie die vier Männer auf dem Buchcover geschickt auf einem Ast – oder ist es die Schranke des Kontrollpunkts? – balancieren. Weiterlesen

Der tägliche Fritz (39)

Raddatz-Banner26. April 2011
„Man nehme einen großen, gut durchgewalkten Fladen Balzac-Teig, füge leicht parfümierte Proust-Aromen hinzu, dann etwas Bittermandel-Raspeln von Strindberg – – – dann hat man die Rudolf-Augstein-Story.“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€