Zum Tod lachen. Der epochale Erzähler David Albahari macht Geschichten erfahrbar

Ein Essay über den Roman Kontrollpunkt, von Felix Palent

Überbordende Fülle oder wohlproportionierte Verharmlosung, Ziselierung oder verstörender Schock – die Ästhetik von Buchcovern ringt um Ausdruck, Tiefenschärfe und spontane Willensäußerung des Käufers gleichermaßen. Allein mit der Atmosphäre des Textes haben sie meist wenig gemein. Das Bild zu dem Roman Kontrollpunkt von David Albahari leistet beides: es ist Einladung wie auch Abbildung, es hält einem nachträglichen Blick stand, ja ist gar Bild gewordener Text. Bereits nach kurzer Lektüre gewinnen die Details an Schärfe, schält sich die Prägnanz der Bildwahl in Bezug auf die Romankonstruktion heraus. Immer wieder ist man verführt die Lektüre zu unterbrechen, das Buch zuzuschlagen und das Bild genauer zu betrachten, das die Situation am titelgebenden Kontrollpunkt verdichtet:

Eine Albahari_Kontrollpunkt_2_FBKompanie Soldaten wird auf eine Hügelkuppe verlegt, an die Schranke eines Kontrollpunkts. Die Situation für die Soldaten ist unübersichtlich, sie wissen nicht, ob sie sich in einer Friedensmission befinden oder ob sie gegen Separatisten zu kämpfen haben, ob sie einer eindeutigen nationalen Konfliktlage gegenüber stehen oder etwa als neutrale Ordnungshüter in einem Bürgerkrieg fungieren. „Sie wissen nicht, wo sie sich befinden, man hat ihnen nicht eröffnet, was ihre Hauptaufgabe ist, jemand beabsichtigt, sie alle nacheinander zu töten, kein Mittel der Kommunikation funktioniert, die Essensvorräte schmelzen dahin“. Trotz dieser viskosen Befehlssituation versucht die Kompanie ihr militärisches Pflichtbewusstsein zu bewahren. Vielleicht besteht sogar darin die eigentliche Anforderung an die Soldaten: Einen Balanceakt zwischen unklaren Anforderungen und angemessenen Reaktionsweisen zu meistern. Eben so, wie die vier Männer auf dem Buchcover geschickt auf einem Ast – oder ist es die Schranke des Kontrollpunkts? – balancieren.

Der Kommandant fragte sich, (…) ob dieser Krieg als eine eigenartige Verwirrkomödie in die Annalen eingehen würde.“

Albahari spiegelt das undeutliche Anforderungsprofil der Mission in seinem sprachlichen Stil. Er verwendet unterschiedliche Ausdrucksweisen und meistert ihre Unvereinbarkeit gekonnt, im Gegensatz zum Balanceakt der Soldaten. Sein Stil changiert geschickt zwischen geheimnisvoll-existentiellem Kriegsbericht und sarkastischer Parodie. Kontrollpunkt ist ein gewagter und gelungener Tanz auf dem Grat zwischen dem gewalt(tät)igen Ernst brutaler Militärprosa und der albernen Verballhornung männlicher Truppenromantik. Die Vielseitigkeit der Schreibweisen wird vor allem von einem komplexen Verständnis von Humor getragen: es findet sich nicht nur das kurzzeitige Vergnügen eines milden Witzes, sondern neben zynischem Galgenhumor auch eine alle Geschehnisse mit Zweifel unterziehende Ironie. Gerade im Zusammenhang mit der wie auch immer gelagerten Militäroperation birgt der Einsatz des Humorvollen jedoch das Risiko der respektlosen Verhöhnung der Opfer sowie der sprachlichen Beliebigkeit. Die Fallhöhe des ironischen Schreibens ist beachtlich, doch wenn es gelingt, trägt es enorme Effekte.
Im Sprichwörtlichen heißt es, dass das Lachen gefriert. Und gerade dieser Einbruch des Humoresken in konventionellerweise ernst oder einfühlsam Geschildertes macht das Unbändige und ambivalent Aufrührende dieses Buches aus. Verstörend und unbequem ist nicht nur der Sarkasmus, sondern vor allem das eigene Lachen über die Geschehnisse fern jeder politisch korrekten Konvention.

Die gemeinschaftliche Gleichgewichtsübung, die auf dem Buchcover zu sehen ist, korrespondiert also mit einer doppelten Entsprechung im Text: Während der erste Balancierende noch lächelt, der zweite gar lacht, sind die Gesichtsausdrücke der beiden hinteren von Ernst und strenger Konzentration geprägt. Albahari DetailArbeitDie Gesichtszüge bilden sowohl das vielseitige Spektrum ab, in welchem der Sprachduktus Albaharis sich bewegt, als auch, mit Hilfe der Bild gewordenen Geste der Balancierenden, die uneindeutige Befehlssituation. Über diese doppelte Korrespondenz hinaus verweist das Bild auf die Konstitution der Soldaten: Die Männer auf dem Bild tragen zwar keine militärische, doch aber eine locker legere Uniform. Dem entspricht ihre Motivation. Die im Roman beschriebene moderne Kriegsführung ist nicht nur von Konflikten ohne Profil und Schüssen ohne Täter geprägt, sondern auch von einer desinteressierten Motivationslage der Soldaten. Die Kompanie besteht aus einer Ansammlung von „Amateursoldaten, die von überallher zusammengetrommelt (wurden) und im Grunde an Kriegshandlungen nicht interessiert sind“. Ein Gemeinschaftsgefühl und Motivationsmoment erwächst nicht aus der Situation an sich, sondern muss implementiert werden, zum Beispiel durch eine die Gruppendynamik stärkende Übung des gemeinsamen Balancierens.

Das sich verlierende Zentrum der Kompanie – und des Romans – bildet der Kommandant, der ob seiner Funktion ein Mann der Zuverlässigkeit, der Ordnung und Übersicht ist. Mit Hilfe von zahlreichen Listen, Expeditionsaufträgen in die Umgebung und durch gedankliche Planspiele versucht er die Welt um den Kontrollpunkt herum zu ordnen. Alle Übersichtsversuche und Ordnungsbefehle des Kommandanten laufen jedoch ins Leere. Die Verortung scheitert an einem fehlenden Bezugspunkt, weil ihm als einzige Orientierungsmöglichkeit der zu befehlende Kontrollpunkt bleibt. Doch auch dessen Bedeutung weiß er nicht zu lesen: Was trennt die Schranke voneinander ab? Wodurch rechtfertigt sie sich? Welche Autorität liegt der Barriere Kontrollpunkt inne?

Jegliche Versuche des Kommandanten, seine, nennen wir es ruhig Seins-Situation, aufzuklären, münden in eine Vielheit von Möglichkeiten:
Wenn es zum Zerfall des vereinten Europa und in einigen Staaten zu Auseinandersetzungen und folglich zu Aufspaltungen in proeuropäische und antieuropäische Kräfte gekommen war, dann durfte man annehmen, dass es Dutzende von möglichen und tatsächlichen Gegnern gab. (…)
Der Krieg mochte schon zu Ende gegangen sein, aber genauso gut konnte er sich gerade jetzt ausweiten, was leicht zu neuen Bündnissen führen würde, mit der Folge, dass die Gegner von gestern jetzt engste Freunde wären. Mit anderen Worten, vielleicht brauchten wir gar nicht mehr das zu tun, was wir taten, vielleicht konnte der Schlagbaum abmontiert und der Weg für alle frei gemacht werden, aber es konnte ebenso gut sein, dass er nie mehr hochgehoben, sondern von Efeu und anderen Kletterpflanzen überwuchert würde. Ein Klugscheißer würde jetzt sagen, dass die echten Hindernisse und Schranken in uns selbst stecken und die äußeren, wie diese am Kontrollpunkt, eigentlich überflüssig sind.“

© Matthew Cusick

Wer ist überhaupt wer in diesem Chaos?, fragte sich der Kommandant, aber da kullerte eine offensichtlich gezündete Handgranate auf ihn zu.“

Der Handlungsverlauf des Romans ist bestimmt von plötzlich explodierender Munition. Aus der Umgebung tauchen immer wieder geheimnisvolle Scharfschützen und Flüchtlinge auf, die Kompanie wird stark dezimiert, einzig die Schranke des Kontrollpunkts dient den Soldaten wie dem Roman als zuverlässiges Zentrum: „Die so plötzlich begonnene Schießerei hörte genauso plötzlich auf, und die Soldaten bewegten sich langsam, tänzelnd auf die Schranke des Kontrollpunkts zu, die in dem ganzen Durcheinander unbeschädigt geblieben war.“

Während für die Soldaten Schüsse und Explosionen das Moment der Unordnungsstiftung sind, ist dies für den Leser der Erzähler. Er gibt sich allwissend und gibt doch in den für die Geschichte wichtigsten Momenten seine Unzuverlässigkeit preis, so dass die als Tatsachen geschilderten Vorfälle lediglich zu Möglichkeiten gerinnen. Der Erzähler, der einer der einzigen Überlebenden aus der Kompanie sein wird, pflegt ein gestörtes Verhältnis zur Eindeutigkeit. Er verantwortet jegliche plötzliche Eruption der Erzählwelt, so dass der Leser, genau wie jeder Soldat der Kompanie, in stetiger Wachsamkeit sein und immer in Erwartung weiterer explosiver Detonationen lesen muss.
Ob die Gewalttätigkeit und Absurdität der geschilderten Ereignisse tatsächlich so gewesen oder eher der schludrigen Vergesslichkeit des Erzählers anzulasten sind, bleibt auf diese Weise unbeantwortet. Und letztlich wird eine solche Frage nach der Wahrhaftigkeit der Ereignisse überhaupt zurückgewiesen, denn „man sollte auch den Historikern etwas überlassen.“ Stattdessen legt der Erzähler Spuren aus, lässt alternative Deutungsmöglichkeiten nicht unerwähnt – „all dies deutet auf eine andere Geschichte hin“ – und macht den Romanleser auf diese Weise zum Fährtenleser.
Er wusste, all dies waren vielleicht nur Symbole, Finten, fromme Lügen und Versprechungen, nichts musste konkret, verbindlich, real sein.“

Selbst der Kommandant, der als Kontrollpunkt innerhalb der Einheit gesehen werden kann, hat für den Leser keine ordnungsstiftende Funktion mehr, weil ja einerseits auch seine Schilderung durch die Persiflage des allwissenden Erzählers verzerrt wird; und weil er andererseits auch nur ein vereinzeltes Strukturelement innerhalb der militärischen Wissenshierarchie ist: „Er – also der Oberst – sei nur der Überbringer der Information, ein Bote, eine Schraube in einem komplizierten Mechanismus, mehr nicht. Wenn der nur eine Schraube war, dachte der Kommandant jetzt, was soll erst er – also: der Kommandant – von sich sagen? Er sei nicht einmal eine Schraube, bestenfalls ein Schräubchen oder noch weniger, ein klitzekleines Schräubchen und ein elendes dazu, wenn man bedenke, dass er allein heimkehre, ohne einen einzigen Soldaten, ja sogar ohne den Koch.“

Das Vergessen ist bekanntlich eine herrliche Art der Verteidigung, nur verstehen nicht alle, sie richtig zu nutzen. Vor allem darf der Geist nicht aktiv sein, er muss sich vielmehr in dem Stand-by genannten passiven Zustand befinden, wie etwa ein Drucker, der auf einen Druckbefehl wartet.“

Neben dem Kommandanten und der Kompanie gerät auch der Leser des Kontrollpunkts in ein Chaos. Ähnlich wie den Soldaten fehlen ihm jegliche Bezugs- und Orientierungspunkte. Auch über die Verschrobenheit des Erzählers hinaus reicht dieses Chaos bis in das Satzbild hinein: Der Text bildet einen stetigen Buchstabenstrom, ohne Absätze oder Kapitel. Jede Information ist zunächst gleichwertig und muss vom Leser hierarchisiert und geordnet werden. Ein etwaiger Sinn entspringt dem Text scheinbar erst aus dieser lesenden Ordnungsstiftung.

© Andreas Gursky, Avenue of the Americas

Das Sortieren der Welt des Kontrollpunkts ist für den Leser kein vergeblicher Prozess, wie für den Kommandanten. Albahari geht über postmoderne Dekonstruktionspraktiken hinaus und lässt durchaus Geschichte(n) zu. Nur sind diese eben nicht mehr eindeutig, sondern gespickt mit Querverweisen, Andeutungen und Korrespondenzen, sie sind vervielfachte, mannigfaltige Geschichten. Darin besteht die epochale Aktualität von Albaharis Erzählweise: er lässt Geschichte im selben Maße zu, wie er an ihr zweifelt. Neben dem Erzählen der einen Geschichte des Kontrollpunkts breitet er gleichzeitig einen Fächer an ebenso möglichen Geschichten des Kontrollpunkts aus, die sich gegenseitig jedoch nicht verhindern, sondern vielmehr befruchten.
Damit realisiert Albahari eine Geschichtsschreibung, deren theoretische Verfassung Walter Benjamin formulierte. Im Sinne Benjamins kann, was als Geschichte geschah, nur artikuliert werden, wenn unaufhörlich das aufscheint, was möglich war, was jedoch im vergangenen Augenblick nicht geschehen ist. Eine Geschichtsschreibung, die stets das Potential zu einem anderen Ablauf der Geschichte mit erzählt, die im Modus der Kontingenz der Ereignisse und des „Was wäre wenn…“ operiert.

Im Europa 2014 erlangt dieser Roman darüber hinaus aus einem erinnerungskulturellen Sinn epochale Aktualität, in dem er Kriegsführung aus der Perspektive unterschiedlicher Kriegsmodi zu begreifen sucht. Dabei markiert Albahari eine historische Entwicklungslinie: Der Kommandant dachte „daran, dass er in ein Chaos geraten war, aus dem es kein Zurück mehr gab. Ein Krieg wird gespielt wie eine Partie Schach, bei der es gilt, bestimmte Regeln zu beachten. Sobald diese Regeln nicht mehr eingehalten werden, ist dieser Krieg kein Spiel mehr, in dem die Gegner versuchen einander zu besiegen. Bis zum Ersten Weltkrieg, dachte der Kommandant, ähnelten die Kriege fast immer einem Schachspiel, die Herrscher und die Generäle begriffen sie auch so. Sie hockten auf umliegenden Hügeln und beobachteten ihre Armeen beim Vormarsch oder beim Rückzug. Krieg, der damals ein Ritual, ein Konversationsstück, ein gut einstudiertes Ballett oder eine Operette war, wurde jetzt zu einem Chaos, zu einer beliebigen Unberechenbarkeit, zum Töten um des Tötens willen.“

Albahari erzählt mit dem Roman Kontrollpunkt nicht nur vom Krieg oder einer unübersichtlichen militärischen Situation, sondern überträgt diese Situation des Kommandanten mit seiner Kompanie auf den Leser. Dieser kann die Geschichte nur unvollkommen rekonstruieren, da die Hinweise des Erzählers immer nur Ahnungen von Geschichte(n) geben. Damit ist Kontrollpunkt nicht nur ein Roman, der die Kontingenz einer Wirklichkeit des Krieges erzählt, sondern diese durch seine Konstruktion auch nachvollzieht. Es ist keine historische Perspektive auf einen Krieg, die aus einer Makroperspektive von politischen Bündnissen und militärischen Operationen erzählt. Stattdessen unternimmt Albahari den Versuch, Krieg aus der Mikroperspektive der Soldaten zu erzählen, ihn als gegenwärtigen Moment zu verstehen, als stete instabile Wirklichkeit. Er schließt den Mechanismus des Systems Krieg mitsamt seinen Hierarchien und Strukturen nicht auf und macht dessen Funktionsweise lesbar, sondern betrachtet Krieg stattdessen aus der augenblicklichen, gegenwärtigen Perspektive der Teilnehmenden. Kontrollpunkt ist eine Kriegsgeschichtsschreibung aus Sicht der Ausführenden, nicht der Planenden.

 

Schriebe er auf Englisch, wäre er vielleicht ein Star wie Philip Roth.WDR

© Aleksandar Andic

David Albahari kreiert Sätze, die durch Satzzeichen nicht gebändigt werden; Konstruktionen, die durch Erklärungen ihre Unbehaglichkeit nicht verlieren. Die Vielseitigkeit und Komplexität dieses Romans sowie das Paradox der durch leichte Ironie entstehenden unbequemen Härte, lassen dieses Buch noch lange nach der Lektüre wirken. Die Leere nach der Beendigung dieses vollen Buches füllt sich nur mit weiteren Büchern. Albahari zähmt man nur mit Albahari, also weiteren intensiven Lese-Erlebnissen der Gleichzeitigkeit des Ungleichen. Sei es Mutterland, die Variation und Fortführung von Samuel Becketts Theaterstück Das letzte Band oder Der Bruder, eine abstruse Geschichte der Familienzerstörung im Moment der Familienerfindung – im reichen Werk David Albaharis gibt es weitere kostbare Erlesenheiten zu entdecken.

Die oben zitierte Vermutung eines Journalisten über die mögliche Wertschätzung Albaharis bei anderer nationaler Zugehörigkeit, versucht den Rang seines Schreibens metaphorisch zu verdeutlichen. Doch der Autor David Albahari ist kein Amerikaner. Er ist ein in Kanada lebender Serbe, der bislang in keinen globalisierten Literaturhype hinein geraten ist. Und damit bleibt er eine unbedingt zu wagende Edelentdeckung.

David Albahari: Kontrollpunkt, Schöffling 2013, 18,95€
https://www.schoeffling.de/autoren/david-albahari

Ein Gedanke zu “Zum Tod lachen. Der epochale Erzähler David Albahari macht Geschichten erfahrbar

  1. Also Felix, da ist dir ja mal wieder ein großartiger Text gelungen!! Ich bin begeistert.

    Bis gleich im Laden. Und wahrscheinlich werde ich ihn mit Buch verlassen…

    Liebe Grüße,
    Grit

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