Buchempfehlung: Marion Brasch „Wunderlich fährt nach Norden“

 Dem Wunderlichen geschieht Wundersames

 von Carsten Wist

Das ging aber ganz schön schnell. Das Echo des Lobes für ihr erstes Buch „Ab jetzt ist Ruhe“ ist immer noch hörbar, da liegt nun ein neuer Roman der Radiomoderatorin Marion Brasch vor. Nannte Marion Brasch ihr Debüt im Untertitel „Roman meiner Familie“,hat sich die Berlinerin mit „Wunderlich fährt nach Norden“ einen rein fiktiven Stoff gewählt, der ganz und gar ohne Brasch’sche familienbiographische Bezüge auskommt.

© Michael Lüder

Das ist natürlich für die Radiofrau ein erzählerisches Experiment, noch dazu haben es die zweiten Bücher immer etwas schwerer – doch Brasch macht das gut. Wunderlich ist ihre Hauptfigur, von dem schon im ersten Satz gesagt wird, dass er der unglücklichste Mensch der Welt ist, den er je kannte. Sein Unglück heißt Marie. Und die hat sich gerade von ihm über den Dächern von Berlin getrennt. Das macht Wunderlich, der immer nur Wunderlich ohne Vornamen genannt wird, untröstlich. Der Anfang Vierzigjährige, geschieden, ein Sohn, die Bildhauerkarriere abgebrochen, ist erst einmal handlungsunfähig. Doch dann klingelt sein Handy, Nummer Unbekannt, und die Nachrichten, die er nun liest, sind äußerst mysteriös. Da scheint einer ihn und seine Lage bestens zu kennen, und gibt ihm von nun an direkte Ratschläge, bestärkt ihn darin, Marie zu vergessen und selbst etwas zu tun. Mal sind es nur einzelne Worte, mal ganze Sätze und kleine Lageanalysen, das Handy wird sein Kommunikationspartner. Was anfangs noch ein Spuk zu sein scheint, wird im Laufe des Geschehens für Wunderlich immer normaler. Dem Wunderlichen passiert also Wundersames. So macht er sich auf den Weg raus aus der Stadt, ab nach Norden, irgendwie ans Meer.

Die Autorin Brasch erschafft die neue Wunderlich-Welt in 8 Tagen, so lange dauert die Selbsterfahrungs- und Selbstfindungsreise Wunderlichs. Und siehe da: kaum verläßt Wunderlich die Stadt, schon passiert was in diesem Zugmovie. Er lernt Finke kennen, den eigentlich lieben Trinker, der in einem Schloss haust, das demnächst verkauft werden soll, und in dessen Leben immer alles knapp daneben geht. Dann kommt die junge Toni ins Spiel, auch nicht gerade auf der Gewinnerstraße des Lebens. Die mag Wunderlich, mit der kann er schwimmen und Joints rauchen, und die pflegt Wunderlichs Wunden mit Wundermitteln. Mal ist Wunderlichs Kopf lädiert, mal die Hand, mal der Fuß. Wunderlich muss einstecken auf seiner Reise ans Meer. Doch so ist es nun einmal in dieser Geschichte von einem der auszog, das Leben zu Leben. Und dann ist da ja immer wieder sein Ratgeber: das Handy.

Zurück kommt er bestimmt nicht mehr als der unglücklichste Mensch, aber vielleicht als der verwirrteste, denn was ihm und in gewisser Hinsicht auch dem Leser widerfährt, ist schon sehr wunder-voll. Was ist nun also wirklich geschehen? Was hat sich nur in seinem Kopf abgespielt? Vielleicht war doch alles nur ein wundersamer Traum? Marion Brasch hat dieses wunderlich-komische Verwirrspiel mit leichter Hand und offensichtlich viel Spaß arrangiert. Also Augen auf, Wunder können wirklich geschehen, und nicht nur denen, die das Wort bereits in ihrem Namen tragen.

 

Marion Brasch: Wunderlich fährt nach Norden, S.Fischer 2014, 286 S., 19,99€.

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