Buchempfehlung: Mit einem absoluten Gehör der Erinnerung

Ein Buch ist ein Ereignis, die gesamte Reihe eine Erfahrung. Karl Ove Knausgårds Romanzyklus entfaltet eine subtile Intensität.

von Felix Palent

Inhaltlich ist der Romanzyklus Min Kamp von Karl Ove Knausgård rasch beschrieben – es geht um: Karl Ove Knausgård. Wer das derzeitige literarische Geschehen verfolgt, findet nahezu allgegenwärtig Interviews, Besprechungen, Bekenntnisse zu diesem autobiografischen Großwerk. Sechs Bücher werden es sein, in denen der Autor seinem Leben nachschreibt; auf deutsch sind inzwischen vier erschienen: Sterben, Lieben, Spielen und Leben.
Die Idee war, meinem Leben so nahe zukommen wie möglich, also schrieb ich über Linda und John, die im Nebenzimmer schliefen, Vanja und Heidi, die im Kindergarten waren, die Aussicht aus dem Fenster, die Musik, die ich hörte. (…) Am nächsten Morgen begann ich, über das Frühjahr zu schreiben, in dem Vater sich von mir und Mutter getrennt hatte, und obwohl ich jeden Satz hasste, beschloss ich weiterzumachen, ich musste es hinter mir lassen, die Geschichte erzählen, die ich so lange zu erzählen versucht hatte. Wieder daheim machte ich weiter, in einigen Notizen, die ich mit achtzehn niedergeschrieben und aus irgendeinem Grund nicht weggeworfen hatte, stand »Tüten mit Bier im Straßengraben«, was auf einen Silvesterabend in meiner Jugend anspielte, das konnte ich benutzen, solange ich es einfach laufen ließ und den Gedanken aufgab, das Höchste erreichen zu wollen.“

Sterben von Karl Ove KnausgardMit einem minutiösen Aufzeichnungsdrang dokumentiert Knausgård nichts anderes als seinen Arbeits- und Familienalltag, sein Leben allein. Er vermeidet es, die Ereignisse seines Lebens chronologisch aneinander zu reihen, schreibt stattdessen thematisch assoziativ. Jeder Band konzentriert sich auf ein Leitmotiv – Sterben, Lieben, Spielen, Leben. Doch wird diese in den deutschen Buchtiteln suggerierte Ordnung immer wieder durchbrochen, die Motive überlagern, wiederholen und ergänzen sich.
Bisher Erlebtes gilt Knausgård als Fundus, aus dem er seine Romane montiert. Mit der Aufmerksamkeit auf alltägliche Details und Banalitäten geht jedoch keineswegs eine allgemeine Aufwertung einfach jedes gelebten Augenblicks einher. Hier ist nicht quasi automatisch alles beschreibungswürdig, sondern Knausgård lässt auch Momente der Gleichgültigkeit im Leben wie Roman zu: „…momentan gab es nichts in mir, was mir kostbar genug erschien, um nicht genauso gut zugunsten von etwas anderem aufgegeben werden zu können.“ Hier sucht einer nicht nach Selbstbestätigung durch die Aneinanderreihung erfolgreicher und bestätigender Erlebnisse, sondern hier hat einer Mut, die Wirklichkeit bar jedes Eskapismus zuzulassen. „Was geschieht, darf geschehen“ hat Paul Auster diesen Mut zur Aufrichtigkeit einmal genannt.

Obzwar Knausgård sein Leben detailliert beschreibt – „das Alltägliche und Triviale vergolden“, nennt er es an einer Stelle –, so ist es doch ein Leichtes, darin etwas Allgemeines zu erkennen, dieses Leben auf eigene Erfahrungen rückzubeziehen, ein Schillern vom großen Sterben, Lieben, Spielen, Leben aufzuschnappen.
Diese Selbsterfahrung beim Lesen eines fremden Lebens ist zum einen in Knausgårds radikal ehrlicher Schreibweise begründet. Er gibt vieles preis, was Menschen konventionellerweise vor sich und voreinander zu verbergen suchen. Tomas Espedal, ein Autorenfreund von Karl Ove Knausgård, beschreibt in seinem Buch
Wider die Natur eine exemplarische Szene der Haltung, wie man Knausgård-Bücher liest:

Wir lagen nebeneinander im Bett und lasen. Wir lasen jeder in seinem Exemplar der Bücher von Knausgård, begannen gleichzeitig und lasen parallel, auf einmal legte sie das Buch hin und sah mich an; hast du das schon gelesen?, fragte sie. Dass er sich das traut, das ist ja ganz unglaublich, ist er wahnsinnig, sagte sie.
Dann lasen wir weiter.
Bis ich mein Buch hinlegte und sie ansah; hast du das schon gelesen?, fragte ich. Dass er sich das traut, das ist ja ganz unglaublich, er zerstört sich selbst.“

Die Grundhaltung beim Lesen der Bücher von Karl Ove Knausgård ist Staunen. Staunen über den Mut zur Offenbarung, über die Überwindung der Eitelkeit, über die hartnäckige Ehrlichkeit, über die schonungslose Betrachtung der anderen und seiner selbst. Schamlosigkeiten und Indiskretionen stellt Knausgård jedoch nicht in einem exhibitionistischen Sinne zum Selbstzweck aus. Vielmehr geht es ihm um eine bewusste Öffnung gegenüber der Welt, ein Durchlässigwerden für Kräfte jenseits des Selbst, jenseits der Eitelkeit des Individuellen. Die Offenheit ist nur eine Passage, sie ist ein Schritt zu einem anderen Selbst- und Weltverhältnis.
Das Streben nach Öffnung zieht sich als Leitmotiv durch den Romanzyklus. „Nein, verdammt, so weit fort vom Geschlossenen und Erzwungenen wie nur möglich wollte ich sein.
»Komm! Ins Offene, Freund!«, wie Hölderlin an einer Stelle schrieb. Aber wie, wie?“

Im vierten Band, Leben, einem Buch des jugendlichen Rausches und Alkoholexzesses, werden wir Zeuge des Ursprungs dieses Strebens zur Offenheit. Der jugendliche Knausgård fühlt sich vereinnahmt von den plötzlich in sein Leben tretenden Alltäglichkeiten: die Abzahlung einer Stereoanlage, die Reparatur eines Smokings, der regelmäßige Besuch bei den Großeltern. „Der Alltag stand mit seiner unendlichen Folge von kleinen Forderungen und Pflichten, Plaudereien und kleinen Kompromissen wie eine Hecke um uns herum.“
Knausgård versucht das Kleine zu meistern, Vorstellungen von einem Leben zu entwickeln, irgendeine Zielstrebigkeit zu verfolgen. Doch „warum das Kleine wählen, wenn es das Große gibt?“ Um das Gefühl des Gefangenseins im Alltäglichen zu bewältigen, lässt er sich zu verschiedenen Anlässen in die Vergessenheit des Alkohols treiben. „Wenn ich trank (…) gab es viel Raum und große Gesten, und obwohl hinterher die Angst groß und der Preis hoch waren, bezahlte ich ihn, und nur einen oder zwei Tage später spürte ich wieder die Lust, mich gehen zu lassen, einzutauchen und mich einen Teufel darum zu scheren, was andere sagten.“
Zunächst ist diese Öffnung gegenüber der Welt eine Betäubung, eine Flucht in die Illusion des weiten Raumes und der großen Gesten, die alles Schwere vergessen machen. Die mächtige Erscheinung der Natur Nordnorwegens ist es letztlich, die Knausgård überwältigt, ihn demütig macht, ihm auch fern des Alkohols ein Gefühl für das Selbst-Sein, das In-der-Welt-Sein bietet.
In den Bänden
Sterben und Lieben, die zeitlich nach Leben situiert sind, finden sich hingegen immer wieder Szenen der Offenheit, Szenen der Symbiose von Mensch und Welt. Die Geburt von Knausgårds Tochter Vanja; das Gefühl der Freiheit, nachdem er Wohnort und Ehefrau verließ; die plötzliche Strukturlosigkeit eines Tages, dessen Zeit er unfreiwillig zerlesen hat: „Oh, das erfüllte mich, das war sublim, das war die Welt, die sich mir öffnete.“ Hier spürt ein Autor den Momenten seines Lebens nach, die es überhaupt erst als sein Leben auszeichnen.

Knausgard Reihe Porträt

Knausgårds Zyklus ist jedoch nicht nur Ausdruck des Lebens, sondern markiert darüber hinaus in seiner materiellen Form auch das Schreiben. Die Bücher sind getragen von einem Spiegeleffekt, von der Konstellation eines doppelt erlebten Moments: „Als ich mir die Hände wusch, starrte ich mein Spiegelbild an. Dieses merkwürdige Gefühl, sowohl innerhalb wie außerhalb von etwas zu sein, wenn man seine eigenen Augen sieht, die so rein und zweifelsfrei den inneren Zustand ausdrücken, erfüllte mich einige Sekunden, verflog aber im selben Moment, als ich den Raum wieder verließ.“
Schreiben über das eigene Leben ist wie nachträglich in einen Spiegel schauen, sich selbst noch einmal zusehen und vergegenwärtigen. Leben und Schreiben. Bei Knausgård sind diese beiden Momente fast eins, als gälten beim Leben wie beim Schreiben dieselben Gesetze. Was die Öffnung des Selbst gegenüber der Welt im Leben ist, ist in der Literatur die Überschreitung der Buchstäblichkeit: „Die einzige Verpflichtung, die Literatur hat, ist Ausschau nach etwas anderem zu halten (…), einen Ort außerhalb der Gegenwart etablieren.“
Genauso wenig wie der Sinn eines Lebens darin besteht, nur Verpflichtungen zu erfüllen, genauso wenig ist es Sinn der Literatur, nur Dokument und Zeugnis zu sein. So ist Knausgårds Schreiben stets ein Streben nach Mehr, ohne dieses jedoch definieren oder benennen zu können. Dieses diffuse „Mehr“ bezeichnet „ein Areal (…) bar jeder Intelligenz“, einen unbegrenzten Raum der Erfahrung, dessen Potential zur Entfaltung immer vorhanden ist, im Leben, Schreiben wie auch im Lesen.
Literatur besteht nicht nur aus Worten, die Literatur ist das, was die Worte im Leser erwecken. Es ist diese Überschreitung, die Literatur gültig macht, nicht die formale Überschreitung an sich, wie viele glauben. (…) Es geht darum, etwas zu öffnen, wozu die Sprache sonst keinen Zugang hat, das wir aber dennoch, an einem Ort tief in uns, erkennen oder wiedererkennen oder, wenn nicht das, entdecken.“

Bei aller Detailversessenheit sind Knausgårds Romane weder Banalität noch Geräusch, weil er den Kontakt zur Überschreitung nicht verliert. So sehr er sich mitunter auch einkapselt und seine Welt begrenzt – Knausgård sucht nicht ständig und krampfhaft nach Offenheit, er ist weder Mystiker noch Fanatiker –, der Glaube an die stets mögliche Öffnung der Welt grundiert die Romane von Karl Ove Knausgård. Und wenn so viele Leser derzeit zur Beschreibung ihres Leseverhaltens die Metapher „Sucht“ verwenden, so weil auch beim Lesen diese Symbiose von Mensch und Welt entsteht.

Obwohl Knausgårds Alltags- und Lebenssammlung von Euphorien, Exzessen, Schreien und Wunden zeugt, ist der Romanzyklus in seiner Gesamtheit doch eine Form der Kontemplation, der Einkehr. Jedes Buch für sich ist eine Lektüre der Ruhe. Knausgård hektisch zu lesen bedeutet, ihn zu überlesen. Mit Erregung und superlativen Begeisterungshymnen ist diesen Büchern nichts abzugewinnen. Vielmehr operiert Knausgård als Mann und Schriftsteller in einem Modus der Gelassenheit, der auch für den Leser der Modus ist, in dem er diesen Büchern begegnen sollte. Im lärmenden Umfeld des Stadtgetummels und -gebimmels klingt diese Literatur nur wie weitere penetrante Nebengeräusche. In der Abgeschiedenheit von der Umwelt jedoch entfaltet sich die Vielseitigkeit des Textes. In der Stille werden die Nuancen hörbar, werden die thematischen Bögen wahrgenommen, entfaltet sich der Sinn dieser Texte jenseits ihres informativen Gehalts. Denn natürlich sind es nicht Knausgårds biografische Fakten, die seine Texte leben lassen. Vielmehr sind es die atmosphärischen, zwischenmenschlichen und existentiellen Spannungen, das Begehren nach Leben, das diesen Büchern systematisch eingewoben ist und sie bei aller Detailfreude so universal machen. Knausgårds Romane weisen in Dimensionen, die jenseits des Verstandes liegen, sie können daher nicht verstanden werden, sondern wollen erlebt sein.
Genau deshalb wollte ich schreiben (…). Die Trauer und die Klage, die Wonne und die Freude (…), all das, womit uns die Welt füllte, wollte ich zum Leben erwecken.“

Karl Ove Knausgard:
Sterben
, Luchterhand 22,99€ / btb Taschenbuch 10,99€,
Lieben
, Luchterhand 24,99€ / btb Taschenbuch 12,99€,
Spielen
, Luchterhand 22,99€,
Leben
, Luchterhand 22,99€.

Tomas Espedal: Wider die Natur, Matthes & Seitz 2014, 19,90€

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.