Also, sprach der Komponist

von Mathias Iven

Als einen „Magier der Töne“ beschreibt der amerikanische Musikwissenschaftler Bryan Gilliam den vor 150 Jahren in München geborenen Komponisten Richard Strauss. In seiner bereits 1999 veröffentlichten, jetzt auch auf Deutsch vorliegenden Biographie versucht er, dessen „Neigung, das Banale mit dem Erhabenen zu vermischen, das Außerordentliche durch das Alltägliche zu durchbrechen“, nachzuspüren. Dass das eine Aufgabe ist, die auf rund 200 Seiten (auf denen sich noch dazu manche Wiederholung findet) nur ansatzweise zu lösen ist, dürfte jedem Leser sehr schnell klar werden.

In seiner Einleitung schreibt Gilliam: „Das ideale Abbild von Strauss wäre kein Gemälde, keine Zeichnung oder Skulptur. Es wäre viel eher ein Mosaik: von weitem kohärent, aber bei näherer Betrachtung aus kontrastierenden Fragmenten zusammengesetzt.“ Vollkommen richtig! Ein in acht Jahrzehnten entstandenes Lebenswerk, das Opern und Tondichtungen, Lieder und Instrumentalstücke umfasst, lässt sich nun einmal nicht in einem „Groß-Essay“ abhandeln, dabei kann nur ein unvollständiges Puzzle herauskommen.

Auch wenn Gilliam zumindest auf die wichtigsten Lebensstationen eingeht und die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der wirkungsmächtigsten Werke in den Blick nimmt, so bleibt er doch immer ein wenig an der Oberfläche – was ein Blick in das relativ schmale und von einer nicht nachvollziehbaren Auswahl bestimmte Literaturverzeichnis bestätigt. –

Verdienstvoll ist es natürlich allemal, sich durch Archive und ungezählte Regalmeter von Sekundärliteratur zu arbeiten. Erst recht bei einer Persönlichkeit, die, wie Strauss, ausschließlich für ihr kompositorisches Schaffen lebte. Denn, so beschreibt es der derzeit in Zürich lehrende Musikwissenschaftler Laurenz Lütteken in seiner ambitionierten „Annäherung“ an den Komponisten, Strauss „blieb als Persönlichkeit unnahbar weil er sein Werk, das doch das Biographische zuweilen geradezu unverfroren zur Schau zu stellen schien, von deutenden Steuerungen fernhielt“. Für Lütteken war das die Herausforderung – und die Leser sollten es ihm danken –, „einen neuen, einen unvoreingenommenen Blick“ auf Strauss zu werfen, mit dem Ziel, ihn als „Verkörperung seiner Zeit zu verstehen“.

Fazit: Es müssen wenigstens zwei Biographien her, um sich nicht allein nur der subjektiven Herangehensweise eines Autors auszuliefern. – Im vorliegenden Fall gäbe es natürlich auch noch die Möglichkeit, zu dem unlängst erschienenen Strauss-Handbuch zu greifen: mehrere Autoren, unterschiedliche Auffassungen.

Doch lassen wir zum Schluss noch einmal Bryan Gilliam zu Wort kommen: „Der Komponist fordert uns also auf, durch seine Musik zu entdecken, was es über ihn zu entdecken gibt: das Billige und das Kostbare, das Alltägliche und das Erhabene.“ Stellen wir uns dieser Forderung. Und vielleicht ist es ja in diesem Fall wirklich der beste Weg: Hören wir wieder einmal Strauss!

 

Bryan Gilliam: Richard Strauss. Magier der Töne. Beck, München 2014, 234 S. 19,95 €
Laurenz Lütteken: Richard Strauss. Musik der Moderne. Reclam, Stuttgart 2014, 319 S., 29,95 €
Walter Werbeck (Hrsg.):
Richard Strauss-Handbuch. Metzler, Stuttgart 2014, XXXIII + 583 S., 79,95 €

Ein Gedanke zu “Also, sprach der Komponist

  1. „Stellen wir uns dieser Forderung. Und vielleicht ist es ja in diesem Fall wirklich der beste Weg: Hören wir wieder einmal Strauss!“

    Das lass ich mir nicht zweimal sagen. Heute abend „Metamorphosen“.

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