Buchempfehlung: Sigrid Damm „Goethes Freunde in Gotha und Weimar“

Weimar oder Gotha?

von Mathias Iven

1781 – Gerade einmal sechs Jahre ist Goethe in Weimar, da schreibt er: „Die Gunst die man mir in Gotha gönnt macht viel Aufsehn […]“. Woher rührt diese Bemerkung? Die Ausgangslage ist schnell skizziert. Auf der einen Seite haben wir Ernst II., der Gotha – damals die zweitgrößte und von manchen Zeitgenossen als die schönste Stadt Thüringens bezeichnet – als aufklärerischer Fürst regiert, auf der anderen Seite sehen wir Herzog Carl August, den jugendlichen Herrscher, der Goethe in Weimar ein Leben als „Künstler und Gast“ ermöglichen wird. Wollte Goethe, der in Weimars Nachbarstadt gern gesehene und umworbene Gast, insgeheim die beiden Fürstenhöfe gegeneinander ausspielen?

Wer, wenn nicht Sigrid Damm, könnte diese Frage besser beantworten? „Goethe“, so Damm, „ist ein Taktiker“. Für sie, die in Gotha Geborene und mit des Geheimrats Leben so wohl Vertraute, ist das Thema Goethe noch lange nicht abgeschlossen. Mit ihrem neuen Buch widmet sie sich einem äußerst interessanten, von der Forschung bis dato allerdings nur am Rande behandelten Thema (man schaue sich beispielsweise den entsprechenden Eintrag im Goethe-Handbuch an).

Goethe ist neunzehn Jahre alt, als er sich am 29. August 1768 zum ersten Mal – wenn auch nur für ein paar Stunden – in Gotha aufhält. Immerhin Zeit genug, um sich Schloss Friedenstein zeigen zu lassen, schon damals ein bedeutender geistig-kultureller Ort. Seinen ersten offiziellen Besuch am Gothaer Hofe absolviert der zu diesem Zeitpunkt bereits in Weimar Ansässige am 28. Dezember 1775. Über das Auftreten des mittlerweile bekannten Dichters ist man geteilter Meinung. Zumindest fällt Prinz August, der Bruder von Herzog Ernst II., ein doch eher distanziertes Urteil: „Und Stolz und Mißgeschick macht Goethe wild und dreist.“

Fünf Jahre vergehen, bis Goethe erneut nach Gotha reist. Gemeinsam mit Carl August logiert er im Schloss und trifft Ernst II. In seinen Aufzeichnungen heißt es dazu: „Kam mancherley interessantes vor“. So wird unter anderem der Plan für eine Biographie des im Dreißigjährigen Krieg siegreichen Herzogs Bernhard von Sachsen-Weimar entworfen – doch über Skizzen kommt das Projekt nicht hinaus, „die Ereignisse des Helden [ergeben für Goethe] kein Bild“.

In der darauffolgenden Zeit kommt es zu zahlreichen Begegnungen zwischen Goethe und Herzog Ernst. Man trifft sich in Weimar oder Gotha – wo Goethe zumeist in dem Ende 2007 abgerissenen „Mohren“ absteigt; man tauscht sich zu Kunstfragen aus, diskutiert Probleme des wiederzubelebenden thüringischen Bergbaus und wird wahrscheinlich auch die Themen Ökonomie und Militär nicht außer Acht gelassen haben. Entsteht – so geschehen zwischen 1795 und 1801 – eine größere Pause zwischen den Besuchen, dann hofft Goethe darauf, „daß die Gesinnung meiner verehrten Gönner und Freunde sich nicht verändert haben“.

Zum letzten Mal besucht er Ernst und dessen Bruder im August 1801. Neben der pflichtgemäßen Absolvierung von Einladungen und Essen bei Hofe „ergötzte“ sich Goethe während dieser Tage, wie er uns in einem Brief wissen lässt, vor allem „an zwei bedeutenden Instituten, der Sternwarte auf dem Seeberge und dem Erziehungskreis in Schnepfenthal“. Am Morgen des 30. August, zwei Tage nach seinem 52. Geburtstag, kehrt er nach Weimar zurück.

1804 stirbt der Herzog. Sein zweiter Sohn Emil August übernimmt als vorletzter Landesfürst die Amtsgeschäfte des Herzogtums Sachsen-Gotha-Altenburg. „Es ist“, so fasst es Damm zusammen, „die sich verändernde Atmosphäre am Gothaer Hof“, die Goethe von einem Antrittsbesuch Abstand nehmen lässt. Zwar werden sich Herzog und Dichterfürst in den kommenden Jahren ab und an begegnen – doch einen Besuch Goethes auf Schloss Friedenstein wird es nicht mehr geben.

Im Mai 1815 bricht Goethe zu einer Reise an Rhein, Main und Neckar auf. Obwohl es seiner Frau gesundheitlich schlecht geht, bleibt er vier Monate von Weimar fort. Auf dem Rückweg übernachtet er ein letztes Mal in Gotha. Am 11. Oktober kehrt er heim und findet Christiane in einem bedrohlichen Zustand vor. Ihr Befinden verschlechtert sich zusehends, am 6. Juni 1816 stirbt sie. –

All das hier Gesagte gibt natürlich nur einen Bruchteil dessen wider, was Sigrid Damm über Goethes Beziehung zu Gotha zu berichten weiß. Mit neben dem Text einhergehenden Abschweifungen und Exkursen gelingt es der Autorin darüber hinaus, ein äußerst lebendiges Bild der historischen Umstände während und im Anschluss an die Herrschaft Napoleons zu zeichnen.

Ergreifend das Schlussbild: Wir sehen Goethe und den getreuen Eckermann auf einem herbstlichen Ausflug zum nahe Weimar gelegenen Ettersberg. Das Wetter ist günstig, es herrscht eine klare Sicht, in der Ferne erkennt man das Gothaer Schloss. „Ich übersehe von hier aus“, so hält Eckermann Goethes Bemerkung unter dem Datum des 26. September 1827 fest, „eine Menge Punkte, an die sich die reichsten Erinnerungen eines langen Lebens knüpfen.“ Sigrid Damm hat diese Erinnerungen in die Jetztzeit zurückgeholt und damit einmal mehr ihre biographisch-schriftstellerische Meisterschaft unter Beweis gestellt.

 

Sigrid Damm: Goethes Freunde in Gotha und Weimar, Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 240 Seiten, 19,95 Euro.

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