Lutz Seiler gebührt die Krone

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2014 sowie unserem ladeneigenen Literaturpreis Der Kleine Hei! Der beste Roman des Jahres – Lutz Seiler „Kruso“

von Carsten Wist

Endlich ist er wieder da: der große deutsche Roman, auf den wir lange gewartet haben. Ein Roman voll geistiger Schärfe und ideellem Tiefgang, von gesellschaftlicher Brisanz und Relevanz, mit einer spannenden Dramaturgie und in einer berauschenden, poetisch bildhaften Sprache. Dieser Roman heißt „Kruso“ und geschrieben hat ihn der 1963 in Gera geborene und heute in Wilhelmshorst und Stockholm lebende Lutz Seiler.

Seiler ist einer der hoch-dekoriertesten Lyriker der Gegenwart, der auch kleinere Prosaarbeiten und einen Band mit Erzählungen veröffentlichte. “Kruso“ ist sein Romandebüt. Der Erzähler dieser fast 500 Seiten lange Geschichte ist Ed, eigentlich Edgar Bendler, 24 Jahre alt, ein halber Student, der seine Freundin verloren hat, sich jedoch weigert, dies auch nur irgendwie anzuerkennen. Ed bricht auf in die nahe Ferne, ihn verschlägt es auf die Trauminsel Hiddensee, auf diese Mytheninsel der Künstler und Aussteiger, der Aufbrechenden und Gestrandeten. Im Gasthof „Zum Klausner“ kommt er unter, hier jobbt er als SK, was nichts anderes meint als Saisonkraft. Anfangs im Abwasch. Das ist eine verrückte Mannschaft. Wie bei einer Tafelrunde hocken sie um den Personaltisch, haben eigene Regeln – Rittern gleich -, eigene Namen, heißen Cavallo und Rimbaud, spielen Schach und reden viel. Da ist dann noch das Radio, Typ „Viola“, es dudelt nur noch auf einem Sender, nicht mehr verstellbar, durch das Radio meldet sich die Außenwelt, es ist der Sommer 1989, man hört von den über Ungarn Flüchtenden, das Radio dudelt bis es mit einem Glaswurf endgültig zum Schweigen gebracht wird. Und hier, im „Klausner“, stößt Ed auf Kruso, der eigentlich Alexander Krusowitsch heißt und russische Familienwurzeln hat. Kruso ist nicht nur der charismatische Anführer im Gasthof, Kruso ist der Inselpate mit einer Mission, für die Hiddensee-Gestrandeten ist er der Guru. Für Ed wird Kruso zum Robinson. Doch es dauert bis zwischen den beiden eine große Männerfreundschaft entsteht, beide verbindet eine Parallelität im Unglück und eine große Hingabe zur Dichtung. Die Schiffbrüchigen der Klausner-Mannschaft haben ihre eigenen Rituale, sie sind zwar noch im Land DDR, doch stehen nicht mehr zur Verfügung. Sie sehen bei gutem Wetter am Horizont Dänemark, sind bestens bewacht von Grenzern und deren Instrumenten. Hiddensee- ein utopisch gefährlich-schöner Traum.

Lutz Seiler hat keinen Roman über das Ende der DDR geschrieben, kein Wende-Buch. Das wäre viel, viel zu kurz gegriffen. Seiler geht es um Lebensentwürfe und Sinnsuche und um größere Welten als die durch die Politik abgesteckten.

„Kruso“ ist ein packender Roman, ein spannender und Seiler sowohl der Herrscher Bilderwelten, als auch ein origineller Romankonstrukteur. Das Unausgesprochene, das zwischen den Zeilen klingende, hallt lange nach. Dieser Roman brodelt und brodelt im Leser weiter und läßt ihn einfach nicht los. „Kruso“ ist ein ganz großer Wurf. Und Lutz Seiler gebührt die Krone!

Lutz Seiler erhält unseren ladeneigenen Literaturpreis „Der kleine Hei“.
Lesung und Preisverleihung am 30. Oktober, 20 Uhr im Waschhaus.

Lutz Seiler: Kruso, 484 Seiten, Suhrkamp 2014, 22,95€.

2 Gedanken zu “Lutz Seiler gebührt die Krone

  1. Ich bin ganz glücklich, dass es wieder einen großen Deutschen Dichter gibt. Ich sah ihn im Fernsehen. Nun will ich unbedingt seinen Roman Kruso lesen. Wird er am 30.10.14 im Waschhaus sein? Ich bin keine Potsdamerin, sondern Berlinerin und weiß nicht, wo das Waschhaus ist. Könnt Ihr mir da helfen?

    Ganz liebe Grüße
    Giselle

  2. Pingback: Frankfurter Buchmesse 2014 | Wist – Der Literaturladen

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