Wiedergelesen: Rudolf Borchardts Leben von ihm selbst erzählt

Die Gewalt der Sprache: Rudolf Borchardt

von Mathias Iven

Da fasst ein Mann mittleren Alters eines Tages den Plan, seine Autobiographie zu schreiben. Doch schon am Anfang muss er sich eingestehen: »Meine Erinnerung enthält für meine ersten Jugendjahre keinerlei Bilder.« Und nicht nur das. »Was mir erzählt worden ist, hat auf meine Entwickelung schlechterdings keinen Einfluß geübt.«

Der dies bekennt ist Rudolf Borchardt, geboren in Königsberg, »in der Stadt von der aus Kant die reine Vernunft, die praktische Vernunft und die Urteilskraft determiniert – Hamann das Geheimnis des Dichterischen erahnt und Herder es befreit und verkündet hatte«. In seiner Erinnerung kommt der ostpreußischen Heimat, die ihm in seiner Kindheit nur aus den Erzählungen der Großmutter her bekannt ist, eine zentrale Rolle im geistigen Leben Deutschlands zu, wurde doch dort – für ihn eine »heilige und unbezweifelbare Wahrheit« – »am deutschesten gedacht, gefühlt, geforscht, geschrieben, gelehrt, gelebt«.

Im Jahre 1882 kommt Borchardt mit seinen Eltern nach Berlin. Der Blick aus dem Fenster zeigt ihm diese Stadt als ein »formloses Provisorium«, so »als stiege die Stadt erst auf und wäre in ein ewiges ›Einstweilen‹ gestellt«. In der ersten Zeit gibt es außer den täglichen Spaziergängen im Tiergarten für das Kind nur wenig Abwechslung. Das im kafkaschen Sinne komplizierte Verhältnis zum Vater bestimmt seine Kindheit. Die unumschränkte Autorität des Vaters – »vielbeschäftigter Kaufmann, der abends heimkehrte wenn in der Kinderstube zu Nacht gegessen wurde« –, hat zur Folge, dass der Sohn späterhin resümiert, »daß ich nichts im Leben getan habe und geworden bin außer darum weil er wollte daß ich das Gegenteil täte und würde«.

Ungeachtet dessen: Noch ist er als Kind dem väterlichen Denken und Handeln ausgeliefert, und so bezieht er auf dessen Wunsch hin, »vor wenig Monaten acht Jahr alt geworden und in nichts für die Verantwortung dieses Überganges vorbereitet«, das hauptstädtische Französische Gymnasium, ein schönes »Denkmal altpreußischer Duldung und Weitherzigkeit«. Was nun, geformt durch die schulische Erziehung, heranwächst, ist »ein gesundes und zähes aber kein starkes und blühendes Kind, ein Großstadtgewächs ohne Farbe und Frische, ein kleiner Bücherhocker in grauen Hofzimmern, reine Luft und freies Spiel völlig ungewohnt«, das, nach seinem Berufswunsch befragt, unschuldig »Feldprediger« zur Antwort gibt, was hinwiederum, »nach einer Pause allgemeiner Lähmung, eine Heiterkeit« hervorrief, die er damals nicht begriff. Mit dem Abstand des Alters bringt Borchardt Sinn und Zweck damaliger Erziehung auf den Punkt: »Erzogenwerden hieß für einen Knaben nicht mehr die Ausbildung der Welt des Innern, sondern ihre Ertötung in der Anpassung an die Welt des Äußeren«. –

In Borchardts Gedankenwelt kam dem Begriff des Biographischen ein zentraler Platz zu, ging es ihm doch »um die Wiedergewinnung und Erweckung des Vergangenen, um die Formung und Bildung des eigenen Geistes und um die Vergegenwärtigung der Geschichte in Forschung und Dichtung« (E. Zinn). Dennoch: Der Versuch, sein Leben in Worte zu fassen, bleibt unvollständig. Rudolf Borchardts Leben von ihm selbst erzählt umfasst nur die Zeit bis zum Jahr 1887. Sein in den zwanziger Jahren konzipiertes, Fragment gebliebenes Unterfangen fasziniert den heutigen Leser aber durchaus. Das Streben nach dem Individuellen, die »Logifizierung meiner Bockigkeit, mich gerade so und nicht anders, nicht aus meinem Milieu, sondern gegen mein Milieu zu entwickeln«, taucht immer wieder in Borchardts Werk auf. So lesen wir bspw. in der kurz vor seinem Tod verfassten Schrift Anabasis: »Ich war als Student aus dem reichen väterlichen Hause Nachts geflohen um auf einem entscheidenden Punkte beim eigenen Willen zu bleiben und hatte harte Jahre gleichmütig auf mich genommen um mich nicht Befehlen haben beugen zu müssen. Nie hatte ich eine Autorität über mich zugelassen, nie gehorcht, nie compromitiert.«

Borchardt, der mit seinen frühen Publikationen die Aufmerksamkeit auf sich zog, war ein »Sprachmensch«. Und so gehorchen alle seine Sprachgebärden und Sprachtaten »der Notwendigkeit, einen Mangel, eine Entgängnis auszugleichen« (M. Walser). Der Sprache, »ihrer unvergleichlichen Gewalt, ihrem Rollen und Strömen und dialektischen Deklamieren« verdankt sich, so Gustav Seibt, die fortdauernde Wirkung Borchardt’scher Gedanken.

Bis zu seinem Tod war er mit immer neuen Planungen für die Edition seiner Werke beschäftigt. Verlegern machte er dabei das Leben nicht sonderlich leicht, sah sie doch eher als natürlichen Feind des Autors, »den er sich ziehen will wie ein essbares Haustier, um von ihm zu leben«.

Rudolf Borchardts Leben von ihm selbst erzählt, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2002, 168 Seiten, 11,99 Euro.

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