Buchempfehlung: Michel Houellebecq „Unterwerfung“

Literatur, kein Manifest!

von Carsten Wist

Ist es überhaupt möglich, den Roman von Michel Houellebecq „Unterwerfung“ nach den schrecklichen Ereignissen um „Charlie Hebdo“ in Paris unvoreingenommen zu lesen? Hat man nicht vielmehr auch das Gefühl, diesen Roman ohne Kenntnis einer Zeile durch die ungemein ausführliche und sich überschlagende Berichterstattung über Buch und Autor, bereits gelesen zu haben?

Deshalb gleich vorweg : „Unterwerfung“ ist für jeden Literaturinteressierten ein Muß. Michel Houellebecq hat einen großartigen Roman geschrieben, vielleicht sogar seinen besten, der ist von hoher literarischer Qualität, sprudelt vor geistvollen Einfällen, ist voller Phantasie und hat Ironie und Witz. Im Mittelpunkt steht Francois, ein Mittvierziger, ein Literaturwissenschaftler an der Pariser Sorbonne, der sich vorrangig mit dem französischen Autor der Dekadenz Karl-Joris Huysmans beschäftigt. Und so startet Houellebecq in seinem Roman gleich mit einer Breitseite gegen den entsetzlichen und immer geistloser werdenden Unibetrieb auf der einen Seite und einer übergroßen, hingebungsvollen Liebeserklärung an die Literatur und deren Möglichkeiten auf der anderen Seite. Francois lebt allein, hat für seine sexuellen Ansprüche und Vorlieben wechselnde Partnerinnen. Wir können entschlüsseln, dass Houellebecq die Spielzeit seines Romans in die Zukunft verlegt hat. Es ist 2022, Wahlen stehen wieder an, Frankreich ist in vielerlei Hinsicht in einer Dauerkrise, die Rechte um Marie Le Pen droht die stärkste parlamentarische Kraft zu werden. Um dieses politische Übel abzuwenden und einen eventuellen Bürgerkrieg zu vermeiden, aber auch vor lauter Angst und Schwäche, gehen die schon lange keine eigenen Ideen und Visionen mehr habenden alten politischen Eliteparteien einen Pakt mit der Partei der gemäßigten Muslimbrüder ein. Und deren Führer Mohammed Ben Abbes wird der neue politische Chef Frankreichs. Abbes ist aufgewachsen in Frankreich, gebildet, überhaupt kein Radikaler. Houellebecq beschreibt nun in seiner Romankonstruktion, wie sich die Gesellschaft verändert. Allmählich, es wird sogut wie nichts verboten, werden jedoch neue islamische Grundgepflogenheiten immer sichtbarer: eigene Schulen entstehen, die Frauen tragen weder Röcke noch gehen sie arbeiten, zum französischen Essen und Trinken gibt es islamische Alternativen und die Zahl der zum Islam Konvertierten nimmt rasant zu. Und hier überlegt sich auch der ansonsten ganz unpolitische Francois, ob ein Vielfaches an Gehalt und die Aussicht auf 3 Frauen nicht auch etwas sein könnte.

“Unterwerfung“ hat nicht einen antiislamistischen Satz. Houellebecqs Zorn richtet sich vielmehr gegen die müden, saturierten und visionslosen materialistischen Aufklärer der westlichen Welt. Und wir dürfen gerade bei diesem Buch nie vergessen: „Unterwerfung“ ist ein Roman, kein Manifest, eine Erfindung und kein Statement. Michel Houellebecq ist der modernste Autor unserer Zeit.

Michel Houellebecq: Unterwerfung , Dumont-Vlg, 270 S., 22,99€

 

2 Gedanken zu “Buchempfehlung: Michel Houellebecq „Unterwerfung“

  1. Da stimme ich Dir gänzlich zu: Houellebecq ist der modernste Autor unserer Zeit – und ihr sensibelster Seismograph. Und nicht übersehen darf man, dass H. die Versehrungen des „modernen“ Menschen vor allem an seinem Roman-Alter-Ego darstellt. Er beschreibt genau, ohne bösen Blick und ohne Hass.

  2. Meine Ausgangsfrage –Ihre etwas abgewandelt–, ob „man“ nach Houellebecq’s Fernsehauftritt am Vorabend des Terroranschlags auf die Redaktion des Charlie Hebdo die „Unterwerfung“ lesen muss, haben Sie beantwortet:
    Ja; die „‘Unterwerfung‘ ist für jeden Literaturinteressierten ein Muss“.
    Na ja; ob er „vielleicht sogar seinen besten“ geschrieben hat, weiß ich nicht. Dies ist mein erster und vermutlich auch mein Letzter. Auch wenn nihilistischer Weltschmerz mit „hoher literarischer Qualität, sprudel[nd] vor geistvollen Einfällen, … voller Phantasie und [mit] Ironie und Witz“ geschriebener ist, wird er beim zweiten Mal (Selbst)-Geißelung des Lesers.
    Ja; Francois, hier alias Houellebecq virtuell-himself, „hat für seine sexuellen Ansprüche und Vorlieben wechselnde Partnerinnen“. Schade, dass wir auf die diesbezüglichen Pointen von Marcel Reich-Ranicki nun verzichten müssen. Die Unterfütterung des kritischen fällt hinter den voyeuristischen Aspekt zurück.
    Ja; “‘Unterwerfung‘ hat nicht einen antiislamistischen Satz. Houellebecqs Zorn richtet sich vielmehr gegen die müden, saturierten und visionslosen materialistischen Aufklärer der westlichen Welt.“
    – Mein erster Eindruck nach seinem Fernsehauftritt „am Vorabend“: was ist denn das für eine verschrobene Gestalt.
    – Mein zweiter Eindruck nach der „Unterwerfung“ : Chapeau; siehe -zugegeben im Wesentlichen- Ihre Buchempfehlung.
    – Mein Eindruck nach dem Interview in der ZEIT: verschroben, schafft geniale Sittengemälde.

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