Buchempfehlung: T.C. Boyle „Hart auf Hart“

Die amerikanische Seele ist verhärtet

von Carsten Wist

Der 1948 geborene T. C. Boyle ist in vielen Jahrzehnten mit seinen unzähligen Romanen zu einem erzählerischen Schwergewicht in der amerikanischen Literatur geworden. Boyle ist ein süchtiger, ein geschichtensüchtiger Romancier, der nahezu besessen fast jedes Jahr mit einem seitenstarken Werk aufwartet. Soeben ist unter dem Titel „Hart auf hart“ sein neuestes Buch erschienen, mit dem er seine Chronik der amerikanischen Seelen- und Freiheitsgeschichte fortschreibt.
Boyles literarisches Pfund sind wieder einmal seine starken Charaktere, seine außergewöhnlichen Figuren, um die herum er seine Geschichten baut. Im Zentrum von „Hart auf hart“ steht Adam, ein Mitte zwanzigjähriger Außenseiter, der schon seit seiner Schulzeit besetzt ist, überall Feinde sieht und sich von Alien angegriffen fühlt. Seine Bestimmung ist die eines Waldläufers der modernen Zeit. Er will in der Natur frei und unabhängig leben, so wie es vor 200 Jahren sein großes Vorbild, der Trapper Colter tat. Was für Colter die Jagd als Erwerbsquelle war, soll für Adam eine Mohnplantage werden. Doch der zornige junge Mann ist eine tickende Zeitbombe, wenn ihm was nicht passt, hat er schnell seine Waffe zur Hand. Ein unberechenbarer Lonely Hunter spukt durch sein eigenes Leben. Als er die etwas ältere Sara kennenlernt, das geschieht schon im 2. Kapitel, kann er sich nur wenig öffnen, kriecht mehr gelegentlich unter, als dass er sich durch eine Beziehung sozialisieren lassen will. Dabei liegt Sara auf seiner Wellenlänge, lehnt sie doch jegliche Art der Reglementierung durch den amerikanischen Staat ab und lotet immer wieder provokant die Möglichkeiten eines freien Lebens ohne Vorschriften, ohne Gesetzesbürokratie, ohne Autogurt und ohne Papiere aus. Über allem steht die Frage, wie sieht es denn aus mit dem American way of life. Adam, der Amokläufer auf Raten, ist schon lange auf der Flucht in andere Sphären und sein Kampf ums bloße Überleben ist verdammt hart.

T.C. Boyle hat ein psychologisches Kammerspiel auf der großen weiten Naturbühne geschrieben. Er legt eine 400 Seiten Lunte aus, die eine gewaltige politische Sprengkraft auslöst. Boyles Gabe ist das federleichte Erzählen von abgrundtiefen Stoffen. “Hart auf hart“ ist ein Roman von archaischer Wucht. T.C. Boyle hat schon so manchen großartigen Roman geschrieben, dieser ist ein schöpferisches Höhepunktbuch. Um Amerika ist es nicht gerade bestens bestellt. Doch glücklich ein Land, dass solche Autoren hat, da ist die Lage doch nicht ganz aussichtslos.

T.C.Boyle: Hart auf hart , Hanser Vlg., 396 S., 22,90 €

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