Buchempfehlung: Sybille Berg „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“

Nur die einfache Matratze

von Carsten Wist

Sibylle Berg ist wohl die zur Zeit derbste deutschsprachige Erregungsschreiberin von Romanen mit dem heftigsten Aufregungspotential. Die Berg nimmt kein Blatt vor den Mund, Tabus kennt sie nicht. Und so beginnt dann auch gleich ihr neues Buch „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ mit einer, naja wenigstens kleinen sexuellen Selbsterregung: Rasmus fummelt gerade beim Schauen von Pornoseiten an sich herum, als er durch einen Telefonanruf von Chloe, seiner langjährigen Freundin, gestört wird. Sie möchtemit ihm chinesisch essen, doch ihm brennt immer der Magen davon. So wird schon auf den ersten beiden Seiten dieses Romans schnell klar, dass sich diese beiden ziemlich heftig im Beziehungsgestrüpp verheddert haben. Und das nun schon seit über 20 Jahren. Frau und Mann, ohne Kind – welch ein Grauen! Von dieser Beziehungshölle erzählen die beiden nun in steter Abwechslung in mehr kurzen als langen Kapiteln. Mal er, dann sie, dann wieder er, das geht schnell, ist mal fortlaufende Handlung, mal Rede- und Gegenrede. Er war einst erfolgreicher Theaterregisseur, inszenierte an großen Häusern, doch das ist lange her, nun versucht er sich an Projekten jenseits des großen Subventionierungsbetriebs. Sie jobbt in einem Antiquariat. Beide haben sich eingerichtet, das mit dem Sex hat noch nie so richtig hingehauen, doch vielleicht wird das erregte Rein und Raus ja auch auch maßlos überschätzt. Als Rasmus versucht, in der Dritten Welt eine ambitionierte Theateraufführung zu stemmen, lernt Chloe, die ihn begleitet, vor Ort Benny kennen. Benny ist Masseur, hat rote Locken und einen Prachtkörper. Der Sex mit ihm wird Chloes Erweckungserlebnis. Doch wie lange kann das gut gehen? Muss es überhaupt dauern? Oh ja, ganz sicher! Benny kommt nach Deutschland, beglückt Chloe weiterhin und Rasmus erträgt die Situation – eine bizarre Situation.

Sibylle Berg scheucht ihre Figuren, die anfänglich ziemliche Jammerlappen sind, durch ihren Roman. Überhaupt gibt es doch sowieso kaum Lebenswertes. Eigentlich ist das Glas nicht nur halb, sondern total leer. Erst recht, wenn man älter wird, dieser ekelerregende körperliche Verfall, diese unbändige, lächerliche sexuelle Gier, diese Welt mit ihrer Dauermigräne. Sibylle Berg schleudert ihren Lesern ihre Lebensvernichtungskotzbrockenprosa entgegen. Das ist derb und provokant, auch mitunter eklig, hat aber viele Kurzimpulsreize, ist jedoch auf Romanlänge mitunter redundant. Sie erzählt alles aus, alles ist 1:1 nah und direkt, hier gibt es keine Geheimnisse zwischen den Zeilen, wenig literarische Schwingungen und erzählerisch bildhafte Atmosphäre, kein doppelter Boden, nur die einfache Matratze. Direkter Frauenzeitschriftenanalysestil im durchaus nicht uninteressanten Fortsetzungsaboformat. Sibylle Berg bohrt mit ihrem Schreibstift ganz tief und ohne Betäubung. Wenn das nicht weh tut….

Sibylle Berg: Der Tag, als meine Frau einen Mann fand, Hanser Verlag, 254 S., 19,90€

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