Gelesen, Gesehen und Genossen: Jérôme Ferrari „Das Prinzip“

Eine eigensinnige Begegnung mit der mysteriösen Schönheit der Welt

von Jette Schwarz

Freitag, 20. Februar 2015, Pariser Platz, Französische Botschaft, Berlin: Im Rahmen eines Symposiums wurde der neue Roman von Jérôme Ferrari „Le Principe“ / „Das Prinzip“ vorgestellt. Dass das Buch zeitgleich bei Actes Sud auf französisch und im Secession Verlag auf deutsch erscheint, zeugt von einer wachsenden Aufmerksamkeit für diesen Autor auch außerhalb französischer Grenzen.

Matthias Bothor / Secession Verlag

Nachdem Ferrari bereits mit seiner großartigen Korsika-Trilogie unsere Literaturherzen eroberte, besticht er wiederholt durch das, was so selten geworden ist: fulminante, beeindruckende Poesie. Auf lediglich 130 Seiten leistet er eine sensationelle Zusammenführung von Literatur, Physik, Philosophie, Gesellschaftstheorie und Geschichte, getragen von außergewöhnlichen Sätzen, die Konzentration verlangen – zu Recht. Denn einen Autoren wie Jérôme Ferrari liest man nicht „schnell mal eben so nebenbei“ und vor allem auch nicht nur einmal.

Jérôme Ferrari inszeniert mit Werner Heisenberg als Dreh- und Angelpunkt den Sturz des Ikarus, eine eigensinnige Begegnung zwischen Seele und Mensch und der mysteriösen Schönheit der Welt, in der der Praxis die Theorie entgleitet, der Nationalsozialismus die Sprache vergiftet und Prozesse entstehen, so unkontrollier- wie unaufhaltbar, sodass schließlich aus einer die Physik und die Welt erschütternden Entdeckung unermessliches Leid entsteht. Das Schöne und das Häßliche liegen dabei so dicht beieinander wie Chaos und Ordnung. Heisenberg oszilliert zwischen Zweifel und Großmut, die Unschärferelation ist im Französischen „le principe d’incertitude“ – das Prinzip der Unsicherheit. Das ist es, was Jérôme Ferrari beschäftigt: Fragen, Unsicherheiten, Unsagbares, Menschliches. Was vermag der menschliche Geist? Wie sind die Dinge beschaffen? Kann man Gott wirklich über die Schulter schauen? Ist die Welt verstehbar? Was ist Sprache? Was kann Sprache beschreiben und wie? Denn „derjenige, der sich weigert, sich zum Schweigen zu entschließen, kann sich nur mittels Metaphern ausdrücken.“ Metaphern sind immer auch Lücken. Sprachliche Ohnmacht dem Unbeschreibbaren gegenüber. Ferrari findet diese Metaphern und schweigt über das, was nicht beschrieben werden kann. Und er schürt die Hoffnung, dass das Schöne auch das Gute sein kann.

 

Diese Aspekte beschäftigten auch Dr. Antonia Birnbaum (Université de Paris VIII), Prof. Dr. Cornelia Ruhe (Universität Mannheim), Prof. Étienne Klein (CEA) und Joseph Hanimann (Moderator; Süddeutsche Zeitung), die Gäste des Symposiums in der französischen Botschaft. Als Grundgedanke des Buches wurde das Prinzip des Schönen diskutiert, das Ferrari entlang der Figur Werner Heisenbergs und dessen Theorie der Unschärferelation entwickelt und das als „fil d’espoir“ die Erzählung durchziehe. Die Podiums-Gäste stellten verschiedene Beobachtungen und Überlegungen zur Diskussion. Die Philosophin Antonia Birnbaum warf die Frage nach einem hybriden Genre zwischen Briefroman, philosophischem Essay und Roman auf. Darüber hinaus betonte sie das Motiv der Begegnung, das im Roman eine große Rolle einnehme und stellte die Bedeutung Platons für Ferraris Verständnis von der Materie als Überlegung in den Raum.

Der Physiker Étienne Klein bettete den Romanstoff in eine Anekdote darüber, in welchem Kontext Heisenberg seine Arbeit über die Unschärferelation erstmals vorstellte und lobte die historisch genaue Darstellung Ferraris. Er erklärte dem Publikum außerdem, dass für Mathematiker Schönheit ausschließlich in mathematischen Formeln zu finden sei; ja, dass sie das Schöne eigentlich erst sichtbar mache („wenn Sie einen Mathematiker fragen, was das Schöne sei, wird er antworten: Wenn sie etwas von Mathematik verstehen, kann ich versuchen, es Ihnen zu erklären. Wenn nicht, fange ich gar nicht erst an.“).

Cornelia Ruhe äußerte sich vor allem zu zentralen Themen Ferraris, die für sie auch in der Thematik der Quantenphysik ersichtlich wurden: Bruch, Verlust und Fall. Die Auflösung der Ordnung bezog sie auf die Theorie der Fiktion im Allgemeinen. Sie ging außerdem auf den Erzähler des Romans ein, der i.E. die Balance zwischen Ordnung und Chaos erfolgreich erhält. Auf der poetologischen Ebene war sie die produktivste Stimme in der Runde.

Insgesamt wurde dem Roman eine unheimlich große Dichte zugesprochen, die ihm nicht streitbar gemacht werden kann. Jérôme Ferrari war das alles sichtlich unangenehm. Zu den Interpretationen und Bemerkungen zu seinem Roman nahm er nicht Stellung. Das wäre wohl auch zu viel verlangt gewesen, schließlich spricht das Werk ja auch für sich. So berichtete er am Ende auf Nachfrage, dass es ihm zunächst schwer gefallen sei, die nötige Distanz zu der Figur Werner Heisenberg zu erlangen, um ein Plädoyer oder eine Kampfschrift zu vermeiden – es sei ihm jedoch gelungen. Und: „Wenn ich es irgendwie vermeiden kann, über meine Bücher zu reden, dann stürze ich mich auf diese Möglichkeit.“

Neben der Frage wie Jérôme Ferrari es eigentlich schafft, so wunderbare Bücher zu schreiben, wurde im Anschluss übrigens auch die Frage „Wo ist eigentlich der Monsieur mit dem Weintablett?“ heiß diskutiert.

 

Jérôme Ferrari: Das Prinzip, 133 Seiten, 19,95€

Jérôme Ferrari stellt seinen Roman persönlich vor: am 5. Mai bei einer literarischen Matinee im Literaturladen ab ca. 14 Uhr.

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