Buchempfehlung: Alexander Osang „Comeback“

Die Steine rollen wieder

von Carsten Wist

Als er, verdammt lang ist es her, noch für die Berliner Zeitung schrieb, waren allein seine Artikel ein ausreichender Grund für ein Abo. Dann rief der Spiegel den 1962 Geborenen, er folgte, war viele Jahre der New York-Korrespondent des Blattes und lebt heute wieder in Berlin. Edelfederreporter Osang wechselt aber auch immer wieder mal ins große Erzählfach und hat mit „Die Nachrichten“, „Lennon ist tot“ und „Königstorkinder“ recht erfolgreich Romane verfasst.

Mit „Comeback“ ist soeben sein neuestes Buch erschienen. Darin erzählt Osang die über 30jährige Geschichte einer Ost-Rockband, die sich aus Verehrung gegenüber ihren großen Idolen, den „Rolling Stones“, „Die Steine“ nennt. “Die Steine“, das sind Alex, Paul , Vonnie , Axel und Frontfrau Nora. Alexander Osang erzählt das Auf und Ab der Bandgeschichte nicht chronologisch. Er springt in den Zeiten zwischen den 80ern und den 2010ern hin und her und wechselt jeweils kaleidoskopartig die Perspektiven. Osangs Geschichte setzt sich somit aus der unterschiedlichen Sichtweise seiner Figuren zusammen. Diese erzählen in ihren jeweiligen Kapiteln, die wie ein Extraauftritt, wie ein Solo sind, von ihren wilden Erfahrungen als Rockmusiker oder vom Umgang mit ihnen. Wie das halt so war, wenn man sich angehimmelt von Tausenden unsterblich fühlt. Berauscht auf dem Höhepunkt. Stellvertreter-Heroes für viele. Aber auch darüber wie es ist, wenn man sich mit den politisch Herrschenden arrangieren muss in schwierigen Ost-West-Zeiten, zwischen musikalischer Zulassung, Auftrittsverbot und Plattenvertrag. Gestreichelt und zermalmt zwischen Stasikaffeekränzchen und Westauftritten, zwischen wilder Anarchie und Angepasstheit. Innerhalb der Band ging es natürlich auch hoch her, das war ein musikalisches, emotionales Sex, Drugs und Rock´n Roll-Pulverfass.

Osang hat einen Roman über Liebe und Verrat, über das Altern und den Ruhm geschrieben. Er nennt ihn „Comeback“. Und gemeint ist damit der Versuch der Band, nach dem Fall der Mauer unter ganz anderen politischen und marktmusikalischen Konditionen noch einmal durchzustarten. Damit wird „Comeback“ auch ein Buch über die Vergänglichkeit, denn „Die Steine“ haben zwar noch einige, in die Jahre gekommene Hardcorefans, die die alten Songs noch mitsingen, doch sonst geht nicht wirklich viel. Times are changing. Und da gibt es dieses brillante Kapitel „Almost famous trifft Gunter Gabriel“, in dem die aus dem Osten kommende Journalistin Carola für den Stern die Comeback-Tour begleitet. Entsetzlich schön, denn da sind sie dann, die Sätze, mit denen Osang Porträts und Stimmung einfängt,voller Härte und Melancholie, großartige Sätze, die eben nur Osang schreiben kann. “Die Steine“, auf der letzten Seite bedankt Osang sich für den ihm gewährten Einblick bei den Bands „Silly“ und „Pankow“, die Steine rollen endgültig bergab. Und ein neuer Sisyphos ist nirgends in Sicht. The Time is over.

Alexander Osang: „Comeback“, S. Fischer-Verlag, 287 S., 19,99 €

Ein Gedanke zu “Buchempfehlung: Alexander Osang „Comeback“

  1. Alexander Osang – was für eine Ost-Biografie! Buchlesung war toll, die Moderation sehr angenehm. Ich habe viele Bücher signieren lassen können. Leider war das Interesse der Potsdamer/innen an diesem Tag nicht allzu groß – schade. Beim nächsten Mal – bitte mehr Werbung!

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