David Foster Wallace lesen

Die unerschrockenen Carsten Wist und Felix Palent empfehlen uns das. Wie nähert man sich einem Jahrhundertbuch wie „Infinitive Jest“, deutsch „Unendlicher Spaß“ (man hätte auch „Unendlicher Humor“ übersetzen können)? Wir zucken zusammen, befürchten, dass Unendlicher Spaß uns unendliche Schmerzen bereiten wird. Das ist ein Apartment im Inferno. Wie nähert man sich dem? Indem man wie der Übersetzer Ulrich Blumenbach sechs Jahre lang übersetzt, ein kleines Vermögen verbraucht und 3 Euro pro Stunde verdient. Oder als Leser: Ulrich Blumenbach empfiehlt, seinen Jahresurlaub für die Lektüre zu opfern bzw. zu investieren. Die Rendite ist Unendlicher Spaß.

Ulrich Blumenbach auf die Frage „Worum ging es David Foster Wallace?“: „Sein Ziel war ein Hyperrealismus, der aller Facetten des Lebens sprachlich habhaft werden wollte, es ging ihm um Sinnlichkeit und größtmögliche Präzision der Weltbeschreibung.

In das „Unerbittliche Gedächtnis“ hat Jorge Luis Borges den Fall des Ireneo Funes beschrieben:

„Wir nehmen mit einem Blick drei Gläser auf einem Tische wahr; Funes alle Triebe, Trauben und Beeren, die zu einem Rebstock gehören. Er kannte genau die Formen der südlichen Wolken von 30. April 1882 und vermochte sie in der Erinnerung mit der Maserung auf einem Pergamentband vergleichen, den er nur ein einziges Mal angeschaut hatte, und mit den Linien der Gischt, die ein Ruder auf dem Rio Negro am Vorabend des Quebracho-Gefechts aufgewühlt hatte. Diese Erinnerungen waren indessen nicht einfältig; jedes optische Bild war verbunden mit Muskel-, Wärmeempfindungen usw. Er konnte alle Träume, alle Dämmerungsträume rekonstruieren. Zwei- oder dreimal hatte er einen ganzen Tag rekonstruiert; nie war er über etwas im Zweifel gewesen, aber jede solche Rekonstruktion hatte einen ganzen Tag beansprucht. Er sagte zu mir: „Ich allein habe mehr Erinnerungen, als alle Menschen zusammen je gehabt haben, solange die Welt besteht.“ Und weiter: „Meine Träume sind wie euer Wachen.“ Und schließlich, gegen Morgengrauen: „Mein Gedächtnis, Herr, ist wie eine Abfalltonne.“ Ein Kreis auf einer Schiefertafel, ein rechtwinkliges Dreieck, ein Rhombus sind Formen, die wir ganz  und gar wahrnehmen können; ebenso erging es Funes mit der verwehten Mähne eines jungen Pferdes, mit einer Viehherde auf einem Hügel, mit dem wandelbaren Feuer und den unzähligen Aschestäubchen, mit den vielen verschiedenen Gesichtern eines Verstorbenen während einer langen Totenwache. Ich weiß nicht, wieviel Sterne er am Himmel sah.“

Borges hat recht, wenn er dieses Gedächtnis bzw. den Hyperrealismus dieses Gedächtnisses als „unerbittlich“ bezeichnet. Der Hyperrealismus von David Foster Wallace war um Potenzen anders als der eines Ireneo Funes. Ireneo Funes starb, so Borges, mit 21 Jahren an einer Lungenblutung; David Foster Wallace hat dem Infinitive Jest mit 46 Jahren ein Ende gesetzt. Der blinde Bibliothekar Jorge Luis Borges hat das Zeitliche in seinem 87. Lebensjahr gesegnet.

 

Buchempfehlung: Venedig, eine literarische Zeitreise

Die Faszination des Untergangs

von Mathias Iven

Paläste, Kirchen, unzählige Brücken, der Canal Grande – Venedig lockt jedes Jahr Tausende und aber Tausende von Touristen an. Die Stadt war und ist ein Eldorado für architektonisch, historisch und museal Interessierte aus aller Welt. Dass man sich der „Serenissima“ auch ganz anders nähern kann, zeigt Jürgen K. Hultenreich. Der vor allem durch seinen Roman Die Schillergruft bekanntgewordene Autor lädt mit seinem jüngsten Buch zu einer literarischen Zeitreise durch die Lagunenstadt ein.

Fast magisch zog Venedig über Jahrhunderte hinweg immer wieder Literaten in ihren Bann. Sie lebten, liebten, schrieben hier. Manche kamen nur für ein paar Tage, andere blieben Wochen – zurück kehrten sie alle, irgendwann. Aus der unüberschaubaren Anzahl der zur schreibenden Zunft Gehörenden hat Hultenreich eine repräsentative Auswahl getroffen. Als da sind: Pietro Aretino, der „Sekretär der Welt“, der in Venedig geborene Komödienautor Carlo Goldoni oder der den venezianischen Bleikammern entkommene Giacomo Casanova. Man begegnet dem incognito reisenden Goethe und trifft auf Lord Byron, schaut Platen bei der Entstehung seiner Sonette aus Venedig über die Schulter und sehnt sich mit Nietzsche nach Ruhe und Abgeschiedenheit. Proust, Hauptmann, Rilke, Hesse – für sie alle wurde Venedig zu einem Ort der Inspiration. Weiterlesen

Jerôme Ferrari am Fünften Fünften Zweitausendfünfzehn

in einer wunderbaren frühsommerlichen Matinée im Hause Wist. Jerôme Ferrari, gutgelaunt und gewitzt, zusammen mit seinem Verleger und Übersetzer Christian Ruzicska, der das Gespräch fließend hielt, stellen mit „Das Prinzip“ den (heutzutage) unbekannteren „Heisenberg“ (der prominente Heisenberg ist der Schurke aus Breaking Bad) vor, sofern man eine Konstellation aus Ort und Geschwindigkeit nach der Formulierung der Unschärfe-Relation noch vorstellen kann.

Hier ein paar Impressionen dieses schönen Ereignisses, leider kann man das nicht festhalten „Verweile doch, du bist so schön“

Der Roman endet mit dem Satz
„In meinem ganzen Leben habe ich nie Schöneres gesehen“

Eine Literaturladen-Matinée mit Jérôme Ferrari

Pünktlich um 14 Uhr betraten sie den Literaturladen: Jérôme Ferrari, gefolgt von seinen Verlegern Christian Ruzicska und Joachim von Zeppelin. Es folgten dichte zwei Stunden rund um den neuen Roman „Das Prinzip“.

Fotos: Michael Lüder

Herta Müller gratuliert Wist zum 25jährigen Engagement für Literatur

Herta Müller Stammgast zu nennen, das wäre doch etwas übertrieben. Jedoch war sie schon lange vor der Verleihung des Literaturnobelpreises ein gern gesehener Gast. Zum ersten Mal las sie im Literaturladen 1994, als sie noch wie eine Mischung aus Petra Pau und der damaligen Angela Merkel aussah. Aus „Mädels“ (Helmut Kohl) sind grand dames geworden, mit denen sich Staat und noch mehr machen läßt.

Herta Müller persönlich zur Gratulation – wir bedanken uns bei ihr ganz ganz herzlich. Gebauchpinselt sind wir auch.

Brasch Brasch Brasch Brasch

Im Jubel- und Erinnerungsjahr 2015 von Wist – Der Literaturladen ist Thomas Brasch einer der Hausgötter. Thomas Brasch und – Tür geht zu, Tür geht auf – seine jüngere Schwester Marion Brasch waren, so Carsten Wist, gefühlte 10 Mal in den letzten Jahren zu Gast im Literarischen Salon. Am 28. April haben Marion Brasch, Carsten Wist und sein junger Compagnon Felix Palent über Thomas Brasch gelesen und gesprochen.