Buchempfehlung: Venedig, eine literarische Zeitreise

Die Faszination des Untergangs

von Mathias Iven

Paläste, Kirchen, unzählige Brücken, der Canal Grande – Venedig lockt jedes Jahr Tausende und aber Tausende von Touristen an. Die Stadt war und ist ein Eldorado für architektonisch, historisch und museal Interessierte aus aller Welt. Dass man sich der „Serenissima“ auch ganz anders nähern kann, zeigt Jürgen K. Hultenreich. Der vor allem durch seinen Roman Die Schillergruft bekanntgewordene Autor lädt mit seinem jüngsten Buch zu einer literarischen Zeitreise durch die Lagunenstadt ein.

Fast magisch zog Venedig über Jahrhunderte hinweg immer wieder Literaten in ihren Bann. Sie lebten, liebten, schrieben hier. Manche kamen nur für ein paar Tage, andere blieben Wochen – zurück kehrten sie alle, irgendwann. Aus der unüberschaubaren Anzahl der zur schreibenden Zunft Gehörenden hat Hultenreich eine repräsentative Auswahl getroffen. Als da sind: Pietro Aretino, der „Sekretär der Welt“, der in Venedig geborene Komödienautor Carlo Goldoni oder der den venezianischen Bleikammern entkommene Giacomo Casanova. Man begegnet dem incognito reisenden Goethe und trifft auf Lord Byron, schaut Platen bei der Entstehung seiner Sonette aus Venedig über die Schulter und sehnt sich mit Nietzsche nach Ruhe und Abgeschiedenheit. Proust, Hauptmann, Rilke, Hesse – für sie alle wurde Venedig zu einem Ort der Inspiration. Vielen hatte es das Morbide und Schwindende der Stadt angetan, wie es Thomas Mann in seinem Tod in Venedig beschrieb. Manche brauchten zum Schreiben die Einsamkeit, andere suchten die Gesellschaft Gleichgesinnter. Harry’s Bar, in der Nähe des Markusplatzes gelegen, war lange Zeit Treffpunkt der englischsprachigen Literaten. So konnte man hier nach dem Zweiten Weltkrieg durchaus auch auf Ernest Hemingway treffen, dessen Roman Über den Fluss und in die Wälder eine einzige Huldigung an Venedig ist. Nicht unerwähnt sollen schließlich zwei Schriftsteller bleiben, die auf Venedigs Friedhofsinsel San Michele ihre letzte Ruhe fanden: was wären die Cantos von Ezra Pound oder Joseph Brodskys Gedichtzyklus Lagune ohne Venedig …

Keine Angst. Hultenreichs Buch ist keine Aneinanderreihung von trockenen Texten, hier schreibt kein Literaturwissenschaftler, sondern jemand, dem die Stadt sichtlich ans Herz gewachsen ist. Dass sich Wort und Bild noch dazu als ein stimmungsvolles bibliophiles Ganzes präsentieren, ist einmal mehr der einfühlsamen Sichtweise der Photographin Angelika Fischer zu danken.

 

Jürgen K. Hultenreich / Angelika Fischer: Venedig. Eine literarische Zeitreise. Edition A B Fischer, Berlin 2015, 208 S. mit zahlr. Abbildungen und zwei Lageplänen, 24,80 €

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