Buchempfehlung: Haruki Murakamis frühe Romane

Wildes Murakami-Flippern

von Carsten Wist

Für die unzähligen Leser und Fans des 1949 in Kyoto geborenen Haruki Murakami ist das Erscheinen der beiden ersten, bis dahin noch nicht veröffentlichten Romane des japanischen Autors jetzt schon die Sternstunde des Literaturjahres 2015. Jetzt endlich liegen „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“ vor. Murakami hat die Milde gegenüber seinen Anfängertexten aufgebracht und sie nach fast vier Jahrzehnten freigegeben. In einem erhellenden Vorwort erzählt Murakami, wie er überhaupt zum Schreiben kam: Es war im April 1978, er saß im Tokioter Jingu-Stadion und sah ein Baseball Spiel. Als Dave Hilton einen Two-Base-Hit schlug, gab es diesen satten, schönen Ton, als der Schläger den Ball traf. Und genau in diesem Moment kam Murakami der Gedanke, er könne vielleicht einen Roman schreiben. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete er in einer Jazzbar, konnte also nur tief in der Nacht am Küchentisch schreiben. Das tat er, um seinen eigenen Stil zu finden, erst auf Englisch, hier waren seine Sätze kürzer, einfacher, weniger ausschweifend. Murakami übersetzte seine Texte dann ins Japanische zurück. Innerhalb eines halben Jahres hat er dann seinen Erstling „Wenn der Wind singt“ vollendet. Die Geschichte spielt 1970 im August an genau 18 Tagen. Der Ich-Erzähler hat einen Freund, der sich „Ratte“ nennt. Beide hängen in Bars rum, trinken jede Menge Bier, hören Musik und schwafeln übers Leben und führen recht absurde Dialoge. Wie überhaupt auf diesen gut 100 Seiten viel geredet wird. Als der Ich-Erzähler dann neben einem Mädchen aufwacht, dass nur 4 Finger an einer Hand hat, wird es murakamihaft, also rätselhaft. 

Mit „Pinball 1973“ schreibt Haruki Murakami die Forsetzung. Der Hauptdarsteller arbeitet hier in einem Übersetzerbüro, sein Freund „Ratte“ ist auch wieder am Start. Doch diesmal sind es Zwillingsschwestern, die die Reizpunkte in einem gestressten Alltagsleben setzen. Auseinanderhalten kann er sie nicht und wie soll er sie, die keine richtigen Namen tragen, nennen? Ost und West? Oben und unten? Waagerecht und senkrecht? Doch dann ist ja da auch noch der Pinball, der Flipperautomat, der seine ganz eigene Anziehungskraft hat. Und schon sind wir mittendrin in einem typischen Murakami, tragen doch die erzählerischen Anfänge des Japaners die Besonderheiten, die die späteren fast 30 Bücher auszeichnen und ihn weltberühmt gemacht haben, als da sind die surrealitischen und mysteriösen Erzählelemente, das Magische, das Skurrile in den Geschichten, sein besonderer Umgang mit der Erotik und das Einfließenlassen der Popkultur. 1982 startete Murakami mit seinem Roman „Wilde Schafsjagd“ erfolgreich durch, es war der Anfang seines unaufhaltsamen Aufstiegs. Damals wusste wahrscheinlich keiner, dass das eigentlich der dritte Band einer Trilogie war, die nun als „Trilogie der Ratte“ mit „Wenn der singt“ und „Pinball 1973“ endlich vollständig vorliegt. Welch ein literarisches Glücksgefühl!

Haruki Murakami:Wenn der Wind singt/Pinball1973, 267 S., 19,99€

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