Buchempfehlung: David Foenkinos „Charlotte“

Gegen Vergessen und Verstehen – Eine Erinnerung an die Malerin Charlotte Salomon

von Felix Palent

„Manche Leute ähneln Fragen, auf die es keine Antwort gibt.“

Der Bürgersteig vor dem Haus Wielandstraße Nr. 15 in Berlin ist gepflastert mit drei Stolpersteinen. Darauf die Namen: Paula, Albert und Charlotte Salomon. Datei:Stolperstein Wielandstr 15 (Charl) Charlotte Salomon.jpgDer französische Schriftsteller David Foenkinos hat diese glänzenden Weg- und Erinnerungsmarken nicht achtlos passiert, sondern ist stehen geblieben, ist über das Leben und die Bilder von Charlotte Salomon gestolpert und seitdem verfolgt von diesem Thema: Charlotte Salomon. 1917 in Berlin geboren, noch 1935 als Jüdin an der Staatsschule für Freie und Angewandte Kunst aufgenommen, 1939 schließlich nach Frankreich emigriert und doch 1943 in Auschwitz-Birkenau getötet.

Foenkinos Interesse wurde durch die Zeichnungen zum Buch Leben? Oder Theater? geweckt. Zwischen 1940 und 1942 malt Charlotte Salomon 1325 expressionistische Gouachen, von denen sie etwa 800 auswählt und mit zahlreichen Texten zu dem Band Leben? Oder Theater? zusammenfasst. Diese Zeit der künstlerischen Inspiration ist das Zentrum des Buches, auf diesen Moment läuft alles hinaus, auch weil es der wertvollste im Leben von Charlotte Salomon ist, ihr Vermächtnis, ihre Spur in der Erinnerung:

Dieser Tag ist die Geburtsstunde ihres Werks Leben? Oder Theater? (…)
Sie muss ihre Geschichte aufmalen, das ist ihre einzige Überlebenschance. (…)
Sie muss die Toten zum Leben erwecken. (…)
Ich muss noch tiefer in die Einsamkeit eindringen.

Muss man die Grenzen des Erträglichen überschreiten?
Um die Kunst als einzig mögliche Lebensform anzusehen? (…)

Charlotte hat mit ihrem Leben abgeschlossen, sie lächelt.
Nichts ist mehr von Bedeutung.
Nichts.
Ein seltener Ausgangspunkt für ein künstlerisches Werk.
Eine solche Losgelöstheit von der Welt.
Alles liegt klar vor ihren Augen.
Sie weiß genau was zu tun ist.
Es gibt kein Zögern mehr. (…)
Ihre Bilder sprudeln vor Energie und Ideen.

Was ist mit mir passiert, als ich das erste Mal vor ihnen stand?
Es war ein überwältigender ästhetischer Eindruck.
Der mich nicht mehr losließ.
Charlotte, mon obsession.“

Beim Lesen spürt man Foenkinos‘ Ringen um Worte; http://www.randomhouse.de/content/edition/covervoila/414_04708_157249_xl.jpgdiese Unsicherheit, die sich in der Tatsache abbildet, dass jeder Satz eine eigene Zeile einnimmt, dass der Satzspiegel ein Bild des Stockens ist, des Schreibens und gleichzeitigen Kapitulierens, quasi ein textlicher Stolperstein.

Foenkinos arbeitet beharrlich daran, dieses traumagesättigte Leben der Charlotte Salomon darzustellen: Da ist nicht nur die Verfolgung durch Nationalsozialisten, da ist auch eine wahnwitzige Kette von Selbstmorden innerhalb der Familie, die schlichtweg Stille hinterlassen sowie die Unfähigkeit über Verletzungen zu sprechen. Das Leben der Charlotte Salomon ist schon früh vom Ringen nach Ausdruck geprägt, nach einer Form ihr Inneres nach Außen zu kehren, ihre Seele zu offenbaren. Und ohne jemals vorzugeben Charlotte Salomon verstehen zu können, beschreibt Foenkinos die Umstände und Möglichkeiten dieses Lebens. Bis hin zu dem Moment, der endgültig unverstehbar ist, dem Moment in dem Charlotte Salomons Malen plötzlich Form findet.

Obwohl im Buch ständig Bilder zitiert werden, braucht es nicht eine Abbildung. Foenkinos malt mit Buchstaben, Wörtern, Sätzen. Er beschreibt die Motive so plastisch und ordnet sie so präzise in ihren seelischen Entstehungszusammenhang ein, dass neben der Lesefreude eine große Neugier auf das Werk von Charlotte Salomon entfacht ist. Eine Neugier, wie diese Frau die Traumata der enttäuschten Liebe, der Verfolgung und schließlich der Selbstmorde überwindet, wie sie lernt mit dem Tod zu tanzen, Schocks zu verarbeiten, wie sie versucht ihre Autonomie zu bewahren.

Nachdem Salomon ihr Leben gezeichnet, ihre Verletzungen und Traumata ausgedrückt hat, packt sie ihr Werk in einen Koffer und bringt es sicherheitshalber zu einem Doktor Moridis:

C’est toute ma vie, sagt sie schließlich.
Moridis haben wir es zu verdanken, dass wir diesen Satz kennen.
C’EST TOUTE MA VIE.
Das ist mein ganzes Leben.
Aber was ist damit genau gemeint?
Ich übergebe Ihnen mein Werk, das mein ganzes Leben erzählt.
Oder: Ich übergebe Ihnen ein Werk, das mir so viel bedeutet wie mein Leben.
Oder vielleicht: Mein Leben geht zu Ende, hier ist es.
Heißt es, dass ihr Leben zu Ende geht?
Mein GANZES Leben.
Man kann diesen Satz auf alle möglichen Arten lesen.
Und alle Möglichkeiten scheinen zuzutreffen.

Moridis lässt den Koffer verschlossen.
Er verwahrt ihn an einem ausgesuchten Platz.
Man könnte auch sagen: er versteckt ihn.
Seine Tochter hat mir die Stelle gezeigt.
Ehrfürchtig erstarre ich vor der Gegenwart gewordenen Vergangenheit.
Ein selten erlebtes, großes Gefühl.
Das ist mein ganzes Leben.“

Charlotte ist Foenkinos‘ bestes Buch, ein Zeugnis nicht nur seiner eigenen Obsession, sondern auch der von Charlotte Salomon; vielleicht auch ein Zeugnis für die Tiefe und Intensität der Obsession überhaupt. Das Buch ist zum Heulen ergreifend, demütigend, intim. Foenkinos schafft eine so intensive emotionale Nähe, eine Art verliebte Sympathie für diese entrückte, fremde Frau, dass man am Ende nur dankbar sein kann für diesen glänzenden Stolperstein. Und wenn Walter Benjamins Satz stimmt, dass „das wahre Maß des Lebens die Erinnerung“ ist, dann hat Auschwitz nicht Recht behalten, dann ist Charlotte Salomon nicht tot, denn lebt sie in diesem Buch.

David Foenkinos: Charlotte, DVA, 240 S., 17,99€

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