Buchempfehlung: „Notizen aus der Tiefe“ / „Sonnenflecken, Schattenflecken“

Gelesen – und neu gelesen: Philippe Jaccottet

von Mathias Iven

Philippe Jaccottet, der vor neunzig Jahren in der Schweiz geborene und seit sechs Jahrzehnten in Frankreich lebende Schriftsteller, steht mit seiner poetischen Weltbetrachtung in der Tradition der Romantiker – und geht zugleich über sie hinaus. Er nähert sich seinen Themen immer wieder aufs Neue, hinterfragt jede einzelne Formulierung, zweifelt an der richtigen Wortwahl. Gelebte Erfahrung und Schreiben sind ihm Eins.

In seinen 1993 während einer Israelreise entstandenen Notizen heißt es: „Ich kann mich nicht damit zufriedengeben, Eindrücke, die so wenig vernünftig und so widersprüchlich sind oder jedenfalls so scheinen, einfach nur aufzuschreiben, ohne sie verstehen zu wollen.“ Die Komplexität des vor Ort Erlebten zeigte ihm die Grenzen seines Erkenntnisvermögens und ließ ihn zu dem Schluss kommen, dass seine Aufzeichnungen „auf weiten Strecken des Gegenstands nicht würdig [sind], dem sie sich nähern“. Er versuchte es dennoch – und scheiterte: „Ich gehe im Kreis, ganz offensichtlich, aber kann man etwas anderes tun im Kreis des eigenen Lebens, der eigenen Grenzen?“

Die Grenze als Begriff der Erfahrung – für Jaccottet von jeher zugleich ein Maß, um die Rolle des Einzelnen in der Welt zu bestimmen. Mehr noch: Jaccottet verweist auf die Endlichkeit des menschlichen Lebens, vor allem aber relativiert er die Bedeutung unseres Handelns. Für ihn ist „selbst das Dröhnen des Lebens von Napoleon oder Alexander […] nur Zikadengezirpe in den Bäumen der Zeit“. Er hält uns den Spiegel vor, stellt unseren Technik- und Größenwahn infrage: „Allzu anmaßende Welt, deine Bauwerke wiegen nicht schwerer als ein Schmetterling, der zögert, zwischen welchen Gestirnen er vergehen soll!“ – Und er selbst? Wo ordnet er sich ein? Bereits im August 1958 notierte er: „Ich möchte nichts anderes sein als ein Mensch, der seinen Garten gießt und, auf diese einfachen Arbeiten bedacht, diese Welt in sich eindringen lässt, die er nicht lange bewohnen wird.“ Mit seinem Schreiben, so hielt er acht Jahre später fest, produziere er lediglich „Bruchstücke, aus denen sich [seine] unmerkliche Spur zusammensetzt im Unermesslichen und Unbekannten“.

In der mittlerweile dritten Auswahl aus seinen Tagebüchern geht es um das Leben und den Tod, um Literatur und Musik, um Natur und Kunst. Doch eigentlich geht es in Sonnenflecken, Schattenflecken um die Frage, ob sich all das, ob sich die Realität überhaupt in Worte fassen lässt? In Worte, die, wie es in den 2001 veröffentlichten Notizen aus der Tiefe heißt, „durch ihren unsichtbaren Stengel mit der Erde verbunden“ sind.

Jaccottet kritisiert seine Schriftstellerkollegen, die lediglich die Worte über das Wort und das Schweigen vermehren. Die in ihren Werken mit „großen“ oder vermeintlich „poetischen“ Worten und Formulierungen daherkommen, deren Verwendung man verbieten sollte. Solche Überlegungen führen ihn zwangsläufig zu der Frage: „Wie kann man Wörter auf die Probe stellen, was tun, damit sie das Schlimmste umfassen, selbst wenn sie leuchtend sind“? Und er selbst muss bekennen: „Mir entgleitet jeden Tag von neuem der Faden. Vielleicht vor allem dann, wenn ich ihn zu ergreifen suche?“ Oft genug überfällt ihn „Ekel vor dem Wort“. Oder ein Schwindelgefühl erfasst ihn „angesichts dieser Begegnungen zwischen so verschiedenen Zuständen dieser ,Wirklichkeit‘, die einen umschließt und von der man nicht im geringsten mehr weiß, was sie sein mag“.

In dem 2001 veröffentlichten, bisher nur in der französischen Ausgabe vorliegenden Buch Et, néanmoins schreibt Jaccottet: „Niemals werde ich euch sagen können, was ich flüchtig erblickt habe, ähnlich einem Satz, geschrieben auf eine Glasscheibe und allzu schnell verschwunden.“ Doch gerade die Flüchtigkeit seiner „tastenden“ Texte sollte Anlass genug sein, unseren Blick auf die Welt zu schärfen.

Philippe Jaccottet: Notizen aus der Tiefe (enthält: Israel, blaues Heft; Notizen aus der Tiefe sowie Das Wort „Russland“). Carl Hanser Verlag, München 2009, 176 S., 17,90 € sowie derselbe: Sonnenflecken, Schattenflecken. Gerettete Aufzeichnungen 1952 – 2005. Carl Hanser Verlag, München 2015, 254 S., 22,90 €

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