Buchempfehlung: Rudolf Borchardt – Der Herr der Worte

Von Ort zu Ort: Der Schriftsteller Rudolf Borchardt und die Havelmetropole
von Mathias Iven

Unabhängig von den zahlreichen Bemerkungen in seinen Briefen hat er nur einen einzigen, Fragment gebliebenen Versuch unternommen, sein Leben in Worte zu fassen: 1927/28 wurde in den Münchner Neuesten Nachrichten der Text Rudolf Borchardts Leben von ihm selbst erzählt abgedruckt. Die Darstellung beschränkte sich auf die frühen Berliner Kinderjahre von 1882 bis 1887 und war für die Veröffentlichung von der Redaktion gekürzt worden. Erst 1966, zwei Jahrzehnte nach Borchardts Tod, sollte eine vollständige Fassung ediert werden …

Und nun also die große Biographie über einen „der berühmtesten Unbekannten der deutschen Literatur“. Vorgelegt hat sie Peter Sprengel, der vor wenigen Jahren bereits eine fulminant geschriebene und von der Kritik hochgelobte Hauptmann-Biographie veröffentlicht hat. Weiterlesen

Hommage an Fritz J.

Wist – Der Literaturladen hat Fritz J. Raddatz, den „elegantesten Bonvivant des Literaturlebens der vergangenen 60 Jahren“ in seine Hall of Fame aufgenommen. Champagner war dabei obligatorisch und ein Vergnügen.

Udo Stähler blickt auf den Abend zurück:

„Diesen Montag haben Sie Fritz J. Raddatz in Ihre Hall of Fame aufgenommen. Ein gelungener Festakt. Wenn Sie in der Ankündigung schreiben, „ den elegantesten Bonvivant des Literaturlebens der vergangenen 60 Jahre in unsere Hall of Fame auf(zunehmen)“ , grinsen bereits die doppelzüngigen Dandyjäger; doch rechtzeitig die Kurve gekriegt: „stets bereicherte er wortgewandt wie intellektuell den Diskurs.“ Sein Mantra war Authentizität; dazu gehörte Stil, Unerbittlichkeit und Übertreibung. Von der Gästebewirtung „Champagner im Wohnzimmer, dann das Abendessen im Esszimmer, dann Käse und Rotwein wieder im Wintergarten“(Alexander Fest) über gnadenlose Brandmarkung vermeintlich bigotter Scheinheiligkeiten in seiner Kritik an „Das Boot“ bis zur Eiweißvergiftung in Cölln’s Austernkeller beim Einstellungsgespräch mit Theo Sommer. Das hat keiner ausgehalten. Und die so Leidenden haben es ihm wegen des läppischen „Goethe ohne Bahnhof“ heimgezahlt: durch Schweigen oder brüllende Häme.

Immer wieder ertappte ich mich dabei, mir vorzustellen, wie dieser Festakt in sein „Nachtbuch“ gekommen worden wäre. Es hätte ihn vermutlich gerührt, dass alles ehrlich war und das Getränkeangebot auf seine Vorlieben Rücksicht nahm; auch wenn Sie Ihren Lesern keinen Kaviar angeboten haben ;-). Veröffentlicht hätte er es nicht: Die Anerkennung als Schriftsteller durch Wist – Der Literaturladen hätte niemanden aufgeregt.“

Nacht- und Taggedanken von Fritz J. finden Sie in unserer Kategorie „Der tägliche Fritz“.

Marie NDiaye war im Literaturladen zu Gast

Die stille Königin der französischen Literatur hat uns besucht: die bewundernswert charmante, erhaben elegante Marie NDiaye beschenkte uns mit einer ihrer seltenen Lesungen. Wir waren und sind entzückt von dieser wahrhaftigen Frau, dieser großen Schriftstellerin!

Vive la littérature française contemporaine !

Das Literarische Quartett von Wist – Der Literaturladen, Carsten Wist, Felix Palent, Jette Schwarz und ein belesener Freund des Hauses, Herr Merkel, präsentieren und loben neue Werke der französischen Literatur, David Foenkinos´ Charlotte, Pierre Michons Körper des Königs, Patrick Modianos Damit du dich im Viertel nicht verirrst, Kamel Daouds Meursault, contre-enquête, das im nächsten Frühjahr in Deutschland herauskommen wird. Es gibt noch viel mehr lesenwertes als Michel Houellebecq und Jérôme Ferrari , der am 5.5.2015 im Literaturladen zu Gast war. Die Franzosen sind eine bärenstarke Équipe. Allez les Bleus. Und am Montag, den 19. Oktober kommt MARIE NDIAYE und liest aus „Ladivine“.

Außerdem erzählt Carsten Wist noch sehr beschwingt (es gab Champagner und Austern bis zum Abwinken) von seiner Visite in Bordeaux. Dort wurde der Film des früheren Compagnon Siegfried Ressel „Buch unter Druck – eine Kontroverse“ vorgestellt. Carsten Wist trifft auf Denis Mollat, eine Begegnung der außergewöhnlichen Art.

„Aber: es gibt sie ja wirk­lich noch, die ana­lo­gen Buchhändler. Im Film ist es zum einen Carsten Wist vom Literaturladen Potsdam, gerade erst gekürt mit dem ers­ten Deutschen Buchhandlungspreis. Und zum ande­ren die Buchhandlung Mollat in Bordeaux. Ist die eine Buchhandlung klein aber fein, ist Mollat groß und fein.“

Ist der Buchpreis 2015 an Frank Witzel eine Konzessionserscheinung?

Der Buchpreis 2015 ging an Frank Witzel für das voluminöse Werk mit dem voluminösen Titel „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. Diesmal lag Carsten Wist mit seiner Wette daneben; Carsten tippte auf ein Rennen zwischen Jenny Erpenbeck und Ulrich Peltzer. Ist die Entscheidung eine Konzessionsentscheidung? Nichtsdestotrotz wünscht Wist – Der Literaturladen Frank Witzel viele begeisterte Leser, die sich vom Umfang des Werkes nicht abschrecken lassen.

 

Buchempfehlung: Jenny Erpenbeck „Gehen, ging, gegangen“

Zeit haben, zuhören, helfen

von Carsten Wist

Der neue Roman von Jenny Erpenbeck „Gehen, ging, gegangen“ ist das Buch der Stunde. Sie thematisiert die dramatischen Geschehnisse um die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. Das ist hochaktuell und brisant. Erpenbeck hat einen Roman geschrieben, keinen Essay, keine Reportage. Die Gefahr, dass derartig engagierte Literatur jedoch mitunter zu absichtsvoll wird und zu moralinen Leseverstimmungen führt, umschifft Erpenbeck. Dafür ist sie zu gut, viel zu gut, dafür kann sie zu viel, nämlich gut erzählen. Weiterlesen

TV-Empfehlung „Buch unter Druck“

„Buch unter Druck. Eine Kontroverse“
Regie: Siegfried Ressel
am 14. Oktober 2015, um 21.30 Uhr auf arte

Die ersten Bilder, der erste Eindruck – zum Filmtrailer

Schon in den Anfängen der digi­ta­len Zeiten wurde der Beginn einer papier­lo­sen Welt ver­kün­det und damit der Untergang des Buches pro­gnos­ti­ziert. Seit dem sind nun schon einige Jahre ver­gan­gen, die Umsatzanteile digi­ta­ler Bücher sind mitt­ler­weile eine Tatsache, große Buchhandelsketten und “der Buchhändler an der Ecke” ver­schwin­den, und Onlinehändler wie ‘ama­zon’ stel­len den Buchmarkt auf den Kopf. Das Buch in sei­ner klas­si­schen Form wird hef­tig  in Frage gestellt. Genauso wie die dazu gehö­ri­gen Verlage und Buchhändler. Wozu Bücher? Wozu noch Buchhandlungen? Wozu Verlage, wenn es Selfpublishing gibt? Alles nur noch ana­chro­nis­ti­sche Über­bleib­sel einer längst ver­gan­ge­nen ana­lo­gen Zeit? Eine unlös­bare Kontroverse, die unser Kultur– und Leseverständnis in Frage stellt.

Mehr Informationen zum Film und zu Siegfried Ressel