Buchempfehlung: Jenny Erpenbeck „Gehen, ging, gegangen“

Zeit haben, zuhören, helfen

von Carsten Wist

Der neue Roman von Jenny Erpenbeck „Gehen, ging, gegangen“ ist das Buch der Stunde. Sie thematisiert die dramatischen Geschehnisse um die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. Das ist hochaktuell und brisant. Erpenbeck hat einen Roman geschrieben, keinen Essay, keine Reportage. Die Gefahr, dass derartig engagierte Literatur jedoch mitunter zu absichtsvoll wird und zu moralinen Leseverstimmungen führt, umschifft Erpenbeck. Dafür ist sie zu gut, viel zu gut, dafür kann sie zu viel, nämlich gut erzählen.

Richard, ein emeritierter Altphilologe, sitzt in seinem Zimmer und schaut auf den See. Er hat Zeit, unheimlich viel Zeit. Da trifft er in Berlin auf die Flüchtlinge aus den verschiedenen afrikanischen Ländern, die am Alex protestieren, weil sie sichtbar werden wollen, die am Oranienplatz kampieren, und später in Übergangsquartiere gesteckt werden. Richard recherchiert auf seinem neuen Zeitforschungsfeld und will wissen, wie denn diejenigen, die eigentlich aus der Zeit gefallen sind, mit dieser Fülle an leerer Zeit umgehen. Und so stößt er auf die Geschichten der Flüchtlinge, hört ihnen zu und erfährt vor allem, was sie früher für ein Allttagsleben geführt haben, bevor sich alles plötzlich von einem Augenblick auf den anderen geändert hat. Wie es ist, wenn man auf einmal in einem neuen Land um eine neue Existenz kämpft. Und irgendwie ist ja der Ostrentner Richard damals nach dem Mauerfall auch von einer Gesellschaft in eine ganz andere, neue, unbekannte getaumelt. Richard will helfen, ganz konkret, ganz unmittelbar. Am wichtigsten ist wohl das Zuhören, damit bekommen Rachid, Rufu, Khalil und die anderen wieder ihre Geschichte, ihr Gesicht, ihre Identität. Aber dann stehen den Flüchtlingen jede Menge, schier unüberwindbare bürokratische Hürden im Weg. Dieser Dschungelkampf in den Amtsstuben, diese Gesetzes- und Paragraphen-Absurdität. Wenn es nicht so verdammt traurig wäre, könnte man sich wegschmeißen vor Lachen. Und Richard, der nicht nur der Gutmensch ist, der auch seine biografischen Lebensbeulen mit sich herumschleppt, Richard hilft seinen neuen Freunden im ganz alltäglichen Leben, geht mit ihnen einkaufen, lehrt sie Deutsch weit über die komplizierten unregelmäßigen Verben gehen, ging, gegangen hinaus, macht mit ihnen Musik und feiert Weihnachten und begleitet sie bei ihrer Odyssee durch die Unterkünfte. Das stößt in Richards Freundeskreis nicht nur auf Verständnis. Doch sein Blick auf die Welt wird sich ändern.

Mit ihrem neuen Roman hat Jenny Erpenbeck keine sentimentalen Flüchtlingsgespräche geschrieben. Sie reflektiert erzählerisch, findet starke Worte und traurig schöne Sätze. Klar geht das auch unter die Haut. Doch wie hat schon der Biermann Wolf einst gedichtet: „Tief bewegt sein ist was Schönes, besser ist, sich selbst bewegen.“ Auch das kann die Literatur einer Jenny Erpenbeck auslösen…

Jenny Erpenbeck:Gehen, ging, gegangen;Knaus-Vlg, 352 S., 19,90€

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