Buchempfehlung: Sigrid Damm „Sommerregen der Liebe. Goethe und Frau von Stein“

Noch einmal der Geheimrat

von Mathias Iven

Goethe lässt sie nicht los. Erst unlängst erschien ihre Studie „Goethes Freunde in Gotha und Weimar“, zuvor beschäftigte sie sich mit den Geschehnissen auf Goethes letzter Reise, und wer kennt nicht ihr Buch „Christiane und Goethe“ … Die Rede ist von Sigrid Damm.

Und nun also ein Buch über die Beziehung Goethes zu Frau von Stein. – Mit 16 Jahren wird die 1742 geborene Charlotte als Hoffräulein in den Kreis der Herzogin Anna Amalia aufgenommen. 1764 heiratet sie deren Stallmeister Freiherr von Stein. Ein Jahrzehnt später lernt sie Goethe kennen, der auf Einladung von Herzog Carl August am 7. November 1775 in Weimar eintrifft. Ein paar Tage darauf die erste Begegnung. Er verliebt sich sofort, fühlt sich, wie er Johanna Fahlmer, der Vertrauten aus Frankfurter Tagen, mitteilt, an sie „geheftet und genistelt“.

Charlotte weist ihn zurück und sucht sich eine Rolle, die ihn auf Distanz hält. Sie wird zur „Bildnerin und Erzieherin des in ihren Augen ungebärdigen und anmaßenden jungen Bürgerlichen“. Eine Herausforderung. Es beginnt für sie, so Sigrid Damm, „ein neues Leben, ein Jahrzehnt in ständigem Widerstreit zwischen Abwehr und Nähe, schwierig und beglückend“. Fast täglich wechseln die beiden von nun an Briefe, zuweilen gehen die „Zettelgen“, wie Goethe die oft nur ein paar Worte umfassenden Botschaften nennt, drei Mal am Tag hin und her. Ihre sind – wann und durch wen auch immer – leider vernichtet, von Goethes Hand haben sich mehr als 1700 Schreiben erhalten.

Für ihr Buch hat Sigrid Damm 231 dieser „Zettelgen“ aus den Jahren 1776 bis 1786 ausgewählt: Liebe, Leid, Alltägliches, Hoffnungen, Hingezogensein und Abkehr – all das findet sich darin. „Die intime Landschaft der Empfindungen des Schreibers liegt vor uns ausgebreitet.“ Wie man es aus ihren Büchern gewohnt ist, so präsentiert Damm auch dieses Mal wieder ein breites Panorama aller überlieferten Zeugnisse. Frei von jeglichen Spekulationen geht es ihr in ihrer Darstellung nur um eins: „Allein den Spuren, die die Briefe legen, diesen Wortspuren gehen wir nach …“ –

Als Goethe im Herbst 1786 nach Italien aufbricht, ist zwischen den beiden bereits alles vorbei. Das Verhältnis hat sich sichtlich abgekühlt, Goethes Treueschwüre sind nur noch Worthülsen. In einem Brief aus Rom, geschrieben am 21. Februar 1787, liest Charlotte den merkwürdig anmutenden Satz: „Ich mag meiner Liebe zu dir Formen geben welche ich will, immer immer –“ Der Gedanke wird nicht weiter ausgeführt, Goethe bricht ab. Entschuldigend fährt er fort: „Verzeih mir daß ich dir wieder einmal sage was so lange stockt und verstummt.“ Für Damm ist es dieser Gedankenstrich, der aufhorchen lässt. Er markiert für sie den Abschluss, „hinter ihm öffnet sich der Abgrund“. Goethe spricht hier von nichts anderem als „vom unausweichlichen Ende dieser Liebe“.

Sigrid Damm, Foto: Ute Karen Seggelke

Erst Anfang der neunziger Jahre kommt es wieder zu einer Annäherung: Es ist Goethes 1789 geborener Sohn August, den Charlotte gern in ihrem Haus sieht und der zum Vermittler zwischen den einstmals sich Liebenden wird. Von der Mutter des Knaben hält sie sich jedoch (noch) fern. Christiane Vulpius, das Mädchen aus der „Weimarischen Armuth“, hatte Goethe 1788 kennengelernt, doch erst achtzehn Jahre später heiratet er sie, und noch einmal zwei Jahre später, am 20. Dezember 1808, sitzen sie und Frau von Stein erstmals gemeinsam im Haus am Frauenplan zusammen an einem Tisch.

Nach dem Tod Christianes (1816) intensiviert sich der Kontakt. Die Jahre vergehen, und „je älter die beiden werden, desto inniger werden die Töne“ ihres wieder aufgenommenen Briefverkehrs. Als die Oberstallmeisterin Freifrau Charlotte Albertine Ernestine von Stein am 6. Januar 1827 stirbt, verliert Goethe kein Wort darüber. Die Zeit mit ihr wird zukünftig von ihm ausgeblendet, wird zur Leerstelle in seinen Erinnerungen. Gegenüber Kanzler Müller soll er einmal geäußert haben: „Die wahre Geschichte der ersten zehn Jahre meines weimarischen Lebens könnte ich nur im Gewande der Fabel oder eines Märchens darstellen; als wirkliche Tatsache würde es die Welt nimmermehr glauben.“

Sigrid Damm: Sommerregen der Liebe. Goethe und Frau von Stein. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015, 407 Seiten, 22,95 €

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