Buchempfehlung: Durs Grünbein „Die Jahre im Zoo“

Soo ein Zooerzähler!

von Carsten Wist

Als er noch ein Kind war, wollte er irgendetwas werden, was mit Tieren zu tun hat. Zoodirektor vielleicht. Zum Teil geprägt von des Großvaters beharrlichem Verfolgen der merkwürdigen Radioübertragungen aus dem Zoo, doch vor allem von den vielen vielen Besuchen im Dresdener Zoo. Durs Grünbein ist bekanntermaßen kein Zoodirektor geworden, sondern einer der sprachintensivsten Dichter unserer Gegenwart. “Die Jahre im Zoo“ ist sein neuestes Buch betitelt. Es ist ein autobiographisches Werk geworden, wohlgemerkt: nicht Grünbeins Autobiographie. Ein Kaleidoskop nennt der Autor es, also ein zusammengesetztes, bruchstückhaftes Erinnerungsbuch aus wechselnden Perspektiven beschrieben. Eine Kindheit in Dresden, und ein wenig Jugendzeit noch dazu – das ist die Zeit in der sich der 1962 geborene Grünbein hier bewegt, sich erinnernd und mittels Schrift die eigene Kindheit noch einmal ein Stückchen auszudehnen. Durs Grünbein war ein Einzelkind, ein Träumer, ein Imaginierer, recht undurchschaubar, ideologisch ungefestigt, groß geworden in einem gesellschaftlich enthaltsamen Elternhaus. Der Ort seines Aufwachsens war ein ganz besonderer: die Gartensiedlung Hellerau an der Peripherie Dresdens gelegen. Hellerau, entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts – eine Lebensutopieenklave, ein pädagogisches Provinzmodell mit besonderer Architektur, reformpädagogischen Gedanken und Träumen. Hier wollte man anders Wohnen und Leben. Die Grünbeins wohnten in einem schlichten Einfamilienhaus, eher ein hässliches Entlein unter den Hellerauer Musterbauten. Doch der Geist, der einst hier wehte, hat es dem Dichter angetan. Und so ist es kein Wunder, dass immer wieder von Kafka, oft von Benn die Rede ist. Aber auch an die damals verkannten und heute teils vergessenen Künstler wie Paul Adler erinnert Grünbein hymnisch.

Auch kein Wunder, dass dieses Buch nicht nur in einer klang- und stilvollen Erinnerungsprosa geschrieben ist. Neben seinen Geschichten stehen lyrische Einschübe, Verse und Reflexionen, komplettiert durch Fotos und Postkartenabbildungen. Grünbein erzählt nicht nur von sich, er geht weiter zurück zu den Vorfahren, erinnert ein Dresden der Zerstörung und des Wiederaufbaus, erinnert wie er mit seinem Opa, einem Schlachter, ausgedehnte Spaziergänge durchs Heimatrevier machte, schreibt von seinem Lieblingsspielzeug, den ersten Schreibversuchen und den braven Abenteuern der Jugend in einem Zoo namens DDR, erzählt von den Russen und den Reisen, den Albträumen und den Wünschen. Grünbein hat sein Erinnerungskaleidoskop mit ganz feiner Feder gezeichnet. Das ist atmosphärisch dicht und wundervoll poetisch. Und so ist es doch gar nicht schlecht, dass Grünbein heute kein Zoodirektor sondern ein ZOOerzähler ist.

 

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