Clemens Setz war im Literaturladen zu Gast

Was für ein heiter verstörender Abend. Konzentriert und trotzdem gelöst bot Clemens Setz Einblick in seine originellen Bücher und seine originäre Welt. Lesen, um die Welt mit anderen Augen zu sehen, wird da plötzlich wahrhaftig.
Danke sehr, Clemens Setz!

Fotos: Michael Lüder

Erzähl, Dramatiker! – Teil 1: Roland Schimmelpfennig

Hans Magnus Enzensberger schrieb kürzlich in einem Nachruf auf den Dramatiker Gaston Salvatore, dass einen Roman jeder schreiben könne, der fleißig genug sei. Eine seltene Gabe hingegen besäßen nur die echten Dramatiker. Was geschieht demnach nun, wenn Dramatiker das Fach wechseln und Romane schreiben? Ist das eine Qualitätsgarantie oder ein Wagnis?

In diesem Bücher-Frühjahr wird der Wahn der Stadttheater nach dramatisierten Romanen absurderweise dadurch zugespitzt, dass gleich drei Dramatiker ihren ersten Roman veröffentlichen. Deutschlands meistgespielter Autor Roland Schimmelpfennig, die Niederländerin Lot Vekemans und der deutsche Newcomerdramatiker Nis-Momme Stockmann. Grund genug für eine Beobachtungsreihe, die Enzensbergers Diktum auf die Probe sellt. Also fragen wir die Bücher von Schimmelpfennig, Vekemans und Stockmann: Fleiß oder Gabe?

Teil 1:
Roland Schimmelpfennig: „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“

von Felix Palent

Roland Schimmelpfennig Foto: Heike Steinweg

Dieser Roman ist ein Blick. Ein Blick aus übergeordneter Perspektive auf die Stadt Berlin. Ein Blick auf ihre Bewohner. Ein Blick in die Zeit. Der Leser steht auf einem Podest und sieht. Aus dieser Perspektive erzählt Roland Schimmelpfennig episodische Geschichten die sich überschneiden und aufeinander beziehen. Er erzählt urbane Parallelgeschichten von durchschnittlichen Großstadtmenschen an alltäglichen Orten: Späti, Bushaltestelle, Abbruchhaus, Rangierbahnhof, Kneipe. Charaktere und Typen gibt es in diesem Buch unzählige lieb zu gewinnen. Sie wachsen einem ans Herz in ihrer Bemühtheit um ein Leben. Aufgrund seines wohlwollenden und nichtwertenden Blicks auf die Träume, Nöte und Süchte der Menschen, könnte man Schimmelpfennig als Hans Fallada des beginnenden 21. Jahrhunderts bezeichnen. Wortkarg und treffend entwirft er Bilder und Szenen, in denen die Geheimnisse nicht leichtfertig ausgeplaudert werden, vielleicht weil er sie ja selbst nicht kennt. Und natürlich zeigt der Dramatiker die hohe Kunst der Dialoge: Weiterlesen

Buchempfehlung: Orhan Pamuk „Diese Fremdheit in mir“

Die schwierige Geschichte von einfachen Menschen

von Carsten Wist

Der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk hat nach einigen Jahren wieder ein neues Buch vorgelegt. “Die Fremdheit in mir“ ist der Titel. Es ist erneut ein umfangreicher, intensiver und nachhaltiger Gesellschaftsroman geworden. Im Untertitel wird das Geschehen ziemlich genau benannt, es handelt sich hier also auf den knapp 600 Seiten um die „Abenteuer und Träume des Boza-Verkäufers Mevlut Karatas und seiner Freunde“ und es ist „ein aus zahlreichen Perspektiven erzähltes Panorama des Istanbuler Lebens zwischen 1969 und 2012.“ In sieben Teilen erschafft Pamuk seine Romanwelt. Er erzählt nicht chronologisch.
Das Buch beginnt mit einem Paukenschlag.
Der 1957 in einem anatolischen Dorf geborene Mevlut, später mit seinem Vater nach Istanbul gehend, entführt ein Mädchen. Die hatte er vor einigen Jahren bei einer Hochzeit kurz gesehen, ihr viele schmachtende Briefe geschrieben. Doch diese Rayiha, mit er jetzt durchbrennt, ist eigentlich die falsche, ihrer Schwester galt doch Mevluts Hingabe. Doch Mevlut ist ein herzensguter Mensch, er lebt jetzt mit der irrtümlich entführten Rayiha glücklich zusammen, sie bekommen zwei Töchter. Mevlut ist ein einfacher Mensch. Er schlägt sich als mobiler Händler irgendwie durch. Doch seine große Leidenschaft ist es am Abend, wenn alle zu Hause sind, mit seinem BOOOZaaa-Ruf noch einmal durch die Straßen zu ziehen. Weiterlesen

Lesung eXtra: Clemens J. Setz „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“

Lesung eXtra
CLEMENS J. SETZ
„Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“

Montag, 22. Februar, 19 Uhr
Ort: Wist – Der Literaturladen
Eintritt: 5€

Er ist der unkonventionellste deutschsprachige Schriftsteller,
sein Schreiben erkundet ungekannte technische und psychologische Welten,
seine Bücher sind aufregend verstörend, liebevoll brutal, abgründig erhellend,
kurz gesagt: Clemens J. Setz ist ein Juwel.

Aus dem Setz-Kaleidoskop strahlt Inspiration – so hell, so schön, so betäubend.

Kommen Sie mit in diese Welt des Clemens Setz, genießen Sie mit uns eine außergewöhnliche Stunde zwischen Frau und Gitarre.

Foto: Paul Schirnhofer

DER BLAUE SALON am Montag u.a. mit Anja Manz

BLAUER SALON

Zu Gast: Anja Manz mit ihrem Roman „Wahrheit oder Wagnis“
Montag, 15. Februar, 19 Uhr
Ort: Wist – Der Literaturladen

Anja Manz beschreibt, wie die Folgen des Zweiten Weltkrieges auch eine Kindheit in den 1970er Jahren noch behindert und die ersten Liebesbeziehungen beeinflusst.

Doch bevor die Potsdamerin ihren neuen Roman vorstellt, nehmen wir uns den Titel zu Herzen und spielen „Wahrheit oder Wagnis“ mit dem aktuellen literarischen Geschehen.

DER BLAUE SALON am Montag u.a. mit Wolfram Adolphi

BLAUER SALON
Zu Gast: Wolfram Adolphi mit seinem Roman „Hartenstein“
Montag, 08. Februar, 19 Uhr

Ort: Wist – Der Literaturladen

Wir machen weiter! Ab kommenden Montag öffnet der Literaturladen regelmäßig seine Pforten für den neu gegründeten Blauen Salon. Jeden Montag stellen wir aktuelle Bücher vor und lesen aus Entdeckungen. Sprechen über Gesehenes und Gehörtes. Tauschen uns aus über das literarische Geschehen im Land.
Für jeden Montag haben uns einen Gast eingeladen. Diesmal wird Wolfram Adolphi seinen neuen Roman „Hartenstein“ vorstellen.

Darüber hinaus begrüßen wir in den kommenden Wochen hochkarätige Autoren: Clemens Setz, Norbert Gstrein, Joanna Bator, Karen Duve, Roland Schimmelpfennig und Julia Schoch.

Seien Sie mit dabei im Jahr 26 des Literaturladens. Auf in die interessanten Abende!

Buchempfehlung: David Grossman „Kommt ein Pferd in die Bar“

„Nichts ist komischer als das Unglück, zugegeben.“
Samuel Beckett, Endspiel

Nicht umsonst zitiert der Titel des neuen Buches von David Grossman nur den Beginn eines Witzes. Wer von der Handlung zu viel verrät, der nimmt dem zukünftigen Leser das Vergnügen. Daher zeigen wir zur unbedingten Empfehlung dieses neuen Romans von David Grossman an dieser Stelle das gelungene Cover dieses vielschichtigen Buches. Es zeigt einen schlicht geschminkten Schauspieler, in sich gekehrt, konzentriert, mit geschlossenen Augen. Seine Kleidung ist einfach, der Zylinder weist Gebrauchsspuren auf. Grossman bezeichnet diesen Schauspieler im Text als „Stand-up-Comedian“. Doch er ist keiner dieser schamlosen Fernsehgestalten, die vorgeschriebene Witze von Telepromptern ablesen. Vielmehr ist er ein Theaterschauspieler der Improvisation, der auf eine Bühne gehört; er ist ein Komödiant und Possenreißer, ein Gaukler und Provokateur. Mit seiner Kunst vereint er das Unvereinbare: Tod und Leben, Ernst und Heiterkeit, Gewalt und Zierlichkeit. Das Gestrenge und das Lachhafte bilden auf dieser Bühne keinen Widerspruch, sondern ergänzen einander. Sein Publikum dürstet zwar nach Witzen, doch der Schauspieler hält die offene Vielfalt seiner zahlreichen Rollen aufrecht.

Für das Publikum erzeugt er damit – und der Autor Grossman wiederum durch die Schilderung des Auftritts für den Leser – ein Wechselbad der Gefühle, eine wilde Verwirrung von Konventionen, Werten und Normen. Hier werden die Festschreibungen von Welt und Menschen ins Fließen gebracht. Lassen Sie sich auf dieses Abenteuer ein, lesen Sie dieses Buch!