Buchempfehlung: Orhan Pamuk „Diese Fremdheit in mir“

Die schwierige Geschichte von einfachen Menschen

von Carsten Wist

Der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk hat nach einigen Jahren wieder ein neues Buch vorgelegt. “Die Fremdheit in mir“ ist der Titel. Es ist erneut ein umfangreicher, intensiver und nachhaltiger Gesellschaftsroman geworden. Im Untertitel wird das Geschehen ziemlich genau benannt, es handelt sich hier also auf den knapp 600 Seiten um die „Abenteuer und Träume des Boza-Verkäufers Mevlut Karatas und seiner Freunde“ und es ist „ein aus zahlreichen Perspektiven erzähltes Panorama des Istanbuler Lebens zwischen 1969 und 2012.“ In sieben Teilen erschafft Pamuk seine Romanwelt. Er erzählt nicht chronologisch.
Das Buch beginnt mit einem Paukenschlag.
Der 1957 in einem anatolischen Dorf geborene Mevlut, später mit seinem Vater nach Istanbul gehend, entführt ein Mädchen. Die hatte er vor einigen Jahren bei einer Hochzeit kurz gesehen, ihr viele schmachtende Briefe geschrieben. Doch diese Rayiha, mit er jetzt durchbrennt, ist eigentlich die falsche, ihrer Schwester galt doch Mevluts Hingabe. Doch Mevlut ist ein herzensguter Mensch, er lebt jetzt mit der irrtümlich entführten Rayiha glücklich zusammen, sie bekommen zwei Töchter. Mevlut ist ein einfacher Mensch. Er schlägt sich als mobiler Händler irgendwie durch. Doch seine große Leidenschaft ist es am Abend, wenn alle zu Hause sind, mit seinem BOOOZaaa-Ruf noch einmal durch die Straßen zu ziehen.

Boza ist ein aus Asien stammendes zähflüssiges Getränk aus vergorener Hirse, dunkelgelb, wohlriechend, leicht alkoholisch. Er transportiert es mit einem Tragjoch, rechts und links hängen die Schalen herunter. So spaziert er durch Istanbul und redet mit den Leuten. Das bereitet ihm Vergnügen, doch die Familie davon zu ernähren wird immer schwieriger, denn die Zeiten ändern sich gewaltig in diesen 40 Jahren, die Pamuk beschreibt. Große politische Auseinandersetzungen finden statt, Nationalisten gegen Kommunisten, die Unruhen um die Kurden und Aleviten, der zunehmende Einfluss des Islam wird immer spürbarer und doch gibt es eine große prowestliche Bewegung, die auch das Selbstbewusstsein der Frauen erstarken lässt. Und mittendrin der kleine Mevlut Karatas, der doch eigentlich nur sein kleines Stückchen Leben behaupten will. Pamuk erzählt die Geschichte vom ganz einfachen Mann detailliert und unaufdringlich. Das ist eine Sozialgeschichte aber auch eine Städtegeschichte Istanbuls, wie in dieser wachsenden Metropole aus Hütten Hochhäuser werden und wie Spekulanten und Bauunternehmer davon profitieren. Doch “Die Fremdheit in mir“ ist vor allem eine Liebes- und Familiengeschichte. Pamuk gibt dafür vielen Figuren Raum, ihre Sicht auf Mevlut und die Ereignisse zu schildern. Das ist vielschichtig und bunt, erzählerisch superverpixelt und doch mit dem Blick aufs Ganze. Es gibt ihn also doch noch: den großen Gesellschaftsroman. Orhan Pamuk sei Dank! 

Orhan Pamuk: Diese Fremdheit in mir, Hanser Verlag, 587 S., 26€.

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