Erzähl, Dramatiker! – Teil 1: Roland Schimmelpfennig

Hans Magnus Enzensberger schrieb kürzlich in einem Nachruf auf den Dramatiker Gaston Salvatore, dass einen Roman jeder schreiben könne, der fleißig genug sei. Eine seltene Gabe hingegen besäßen nur die echten Dramatiker. Was geschieht demnach nun, wenn Dramatiker das Fach wechseln und Romane schreiben? Ist das eine Qualitätsgarantie oder ein Wagnis?

In diesem Bücher-Frühjahr wird der Wahn der Stadttheater nach dramatisierten Romanen absurderweise dadurch zugespitzt, dass gleich drei Dramatiker ihren ersten Roman veröffentlichen. Deutschlands meistgespielter Autor Roland Schimmelpfennig, die Niederländerin Lot Vekemans und der deutsche Newcomerdramatiker Nis-Momme Stockmann. Grund genug für eine Beobachtungsreihe, die Enzensbergers Diktum auf die Probe sellt. Also fragen wir die Bücher von Schimmelpfennig, Vekemans und Stockmann: Fleiß oder Gabe?

Teil 1:
Roland Schimmelpfennig: „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“

von Felix Palent

Roland Schimmelpfennig Foto: Heike Steinweg

Dieser Roman ist ein Blick. Ein Blick aus übergeordneter Perspektive auf die Stadt Berlin. Ein Blick auf ihre Bewohner. Ein Blick in die Zeit. Der Leser steht auf einem Podest und sieht. Aus dieser Perspektive erzählt Roland Schimmelpfennig episodische Geschichten die sich überschneiden und aufeinander beziehen. Er erzählt urbane Parallelgeschichten von durchschnittlichen Großstadtmenschen an alltäglichen Orten: Späti, Bushaltestelle, Abbruchhaus, Rangierbahnhof, Kneipe. Charaktere und Typen gibt es in diesem Buch unzählige lieb zu gewinnen. Sie wachsen einem ans Herz in ihrer Bemühtheit um ein Leben. Aufgrund seines wohlwollenden und nichtwertenden Blicks auf die Träume, Nöte und Süchte der Menschen, könnte man Schimmelpfennig als Hans Fallada des beginnenden 21. Jahrhunderts bezeichnen. Wortkarg und treffend entwirft er Bilder und Szenen, in denen die Geheimnisse nicht leichtfertig ausgeplaudert werden, vielleicht weil er sie ja selbst nicht kennt. Und natürlich zeigt der Dramatiker die hohe Kunst der Dialoge:

„Er fragte die Männer an der Tischtennisplatte nach Icke, und ein Mann mit einem Ausschlag im Gesicht sagte, Icke. Ja, Icke. Ich weiß nicht. Den hat hier niemand mehr gesehen. Ich glaube, der ist tot.
– Wieso soll der tot sein, sagte ein anderer der Trinker. Du kannst den doch nicht einfach für tot erklären.
– Der ist tot, ich sag’s dir.
– Der ist nicht tot, der ist vielleicht nur weg. Wenn du weg könntest, wärst du doch auch weg.
– Wer sagt denn, dass ich da bin.“

Das episodenhafte Erzählen spielt mit der Gefahr, sich in Details zu verlieren. Doch Schimmelpfennig gelingt es die Übersicht zu behalten und den Roman streng durchzukomponieren. Das Buch ist durchzogen von vier Leitmotiven, die allesamt Bewegungen darstellen. Das erste ist das zielgerichtete, aber unvorhersehbare Streunen eines Wolfes vom östlichen Brandenburg bis hinein nach Berlin. Dieselbe Richtung schlagen ein Mädchen und ein Junge aus einem brandenburgischen Dorf ein, indem sie abhauen von zu Hause. Und damit auch die darauf reagierende Suchbewegung der Eltern provozieren. Als viertes gelten die Eruptionen der Lebensläufe all der Randfiguren, die Schimmelpfennig als Komplettierung des urbanen Stadtgewimmels in seinen Geschichtenteppich hineinwebt.

Aus diesen vier Motiven montiert Schimmelpfennig einen rhytmisierten Geschichtenreigen. Obwohl das nächste Kapitel stets die Unterbrechung des vorangegangenen Handlungsstrangs bedeutet, so erzeugt Schimmelpfennig durch Kopplungen und Wiederholungen von Figuren, Schauplätzen und Ereignissen doch einen erzählerischen Charme. Die Anziehungskraft des Romans rührt aus dem souveränem Spiel mit Fülle und Vielfalt. Natürlich wird auch in diesem episodischen Erzählverfahren die Handlung voran getrieben, doch durch die Fragmentierung der Geschichten wird ebenso stark die Schönheit des Augenblicks, die Klarheit von Momenten und sprechenden Szenen betont.

In Korrespondenz mit den Handlungen der Figuren ist in der Wahl des Erzählverfahrens ein impliziter Verweis auf das gesellschaftliche Gefüge zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu erkennen. Die Figuren verhalten sich zwar untereinander solidarisch, sie sind jedoch strukturell entwurzelt. Die Einsamen teilen zwar, finden jedoch im Gegenüber keinen Mitmenschen. Weder die Familie, noch Parteien oder feste Arbeitsstrukturen geben den Figuren Halt. Und so sind sie allesamt suchende Streuner im Dickicht der Großstadt. Einzig die Wolfsgeschichte schafft es die Menschen zu einen. Sie wühlt die Stadt auf, jede Zeitung giert nach Bildern, Informationen und Geschichten rund um Sichtungen des Wolfes. Der Wolf zentriert die Zerstreuten. Denn eine Geschichte ist eine Geschichte, und das hat sich auch im 21. Jahrhundert nicht geändert.

Obwohl in Schimmelpfennigs Roman keine direkten Verweise auf Wim Wenders und Peter Handke zu finden sind, wirkt das Ende des Films „Der Himmel über Berlin“ wie der soufflierte Schlussmonolog des Wolfes:

„Nennt mir die Männer und Frauen und Kinder,
die mich suchen werden,
mich, ihren Erzähler, Vorsänger und Tonangeber,
weil sie mich brauchen, wie sonst nichts auf der Welt“.

Roland Schimmelpfennig: „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“, S. Fischer Verlag, 19,99€

Zu Teil 2: Lot Vekemans „Ein Brautkleid aus Warschau“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.