Erzähl, Dramatiker! – Teil 2: Lot Vekemans

Teil 2: Lot Vekemans „Ein Brautkleid aus Warschau“

von Felix Palent

Die Niederländerin Lot Vekemans ist derzeit eine gefragte Frau wenn es um Bühnenstücke in Europa geht. „Gift“, „Judas“ und „Schwester von“ (allesamt am Deutschen Theater Berlin zu sehen), sind gewaltige Stücke, in denen die Autorin prägnant Situationen entwickelt, um darauf deren Abgrund, Illusion und Schmerz behutsam freizulegen.
In ihrem Debütroman, der im Original bereits 2012 erschienen ist, ist ihr jegliche tiefe Eleganz verloren gegangen. Mitunter blitzt ihr Können durch, wenn etwa ein erhabenes szenisches Bild oder eine sprechende Szene entsteht. Doch meist ist der Text bemüht und die Beschreibungen schematisch. Die durchaus guten Einfälle werden von Vekemans nicht konsequent komponiert und verenden kraftlos. Ja, man könnte den Roman als Rohstoff bezeichnen, dessen Effekte erst inszeniert werden wollen. Perfektes Material für die Bühne. Aber ein Roman?

Die Handlung des Buches ist so schlicht wie unaufregend. Das erzkatholische polnische Mädchen Marlena verliebt sich in einen Amerikaner und wird schwanger, doch dieser verlässt sie stehenden Fußes. Um nicht aus katholisch-konventioneller Verlegenheit den Erstdummen nehmen zu müssen, verlässt Marlena das Land und findet in den Niederlanden mit Andries einen Mann, der das Kind als das Seine annimmt.
Dramatisches Potential hat diese Geschichte, die noch weitere schicksalhafte Kapriolen schlägt, also. Eigentlich. Denn Lot Vekemans schenkt ihrer Geschichte und dem Leser kein Vertrauen. Sie lässt die Ereignisse nicht los, lässt sie keinen individuellen Charakter gewinnen. So entsteht hier kein emotionaler Hallraum, der dem Leser das Buch ans Herz legt.

Jedes Geheimnis wird leichtfertig ausgeplaudert. Es ist ein riskantes zuviel an Informationen, das die Autorin ihren Figuren zugesteht. Oder anders gesagt: ein zuviel an konstruierter Selbstreflektion, denn die Figuren berichten allesamt aus der Ich-Perspektive. Also sie selbst von ihren eigenen Kämpfen. Selbst der wortkarge Andries, der kaum zwei Sätze am Stück heraus bekommt, gibt eigenartigerweise klar und eindeutig Bericht. Das Unbewusste der Figuren wird durch die Wahl der Erzählperspektive gar nicht erst zugelassen. Zwar finden sich in den Berichten widersprüchliche Selbstwahrnehmungen, doch werden diese Inkonsistenzen nicht aufgegriffen, sondern schwirren kontextlos durch den Text und bleiben so als nichtlektorierte Logikfehler stehen.

Es gibt eine Szene, in der besonders deutlich wird, wie wenig Vekemans das Potential ihrer Geschichte ausschöpft: In demselben Moment, in dem der Bauer Andries bei sich zu Hause erfährt, dass er nach zehnjährigem Zusammenleben mit „seinem“ Sohn keinerlei rechtlichen Anspruch auf diesen hat, genau in diesem Moment kalbt nebenan im Stall die Lieblingskuh seines Sohnes eine Totgeburt. Was wäre das für eine grandiose Szene, die die Brutalität einer solchen Nachricht für Andries noch verstärkt, indem sie das Tier einen ähnlichen, aber viel körperlicheren Schmerz und Verlust spüren lässt. Doch Vekemans erzählt beide Verluste ganz brav nacheinander. Anstatt die beiden Ereignisse zu verzahnen und miteinander korrespondieren zu lassen, verpufft dieser Doppeleffekt in einer harmlosen Chronologie.

Besinnen wir uns auf das Diktum von Hans Magnus Enzensberger. In Lot Vekemans Roman „Ein Brautkleid aus Warschau“ ist zwar ihre seltene Gabe zu erkennen, doch ist das Buch als Ganzes eine Fleißarbeit. Natürlich ist auch dies ein Roman, nur eben kein guter. Mit Fleiß einen Roman zu schreiben, bedeutet eben auch den Roman zu konstruieren, schematisch auszustaffieren, die Figuren mehr zu erklären als zu erzählen. Folgt man dieser Unterscheidung in gute und weniger gute Romane, in dichtende und fleißige Schriftsteller, so scheint am Horizont auch eine Unterscheidung in lustvolle und fleißige Leser auf. Und was für ein Leser möchten wir sein?

Lot Vekemans: „Ein Brautkleid aus Warschau“, Wallstein Verlag, 19,90€

Zu Teil 1: Roland Schimmelpfennig „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“

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