Ein Totengespräch mit Arthur Schopenhauer

Literatur und Gesellschaft

Zehn Fragen an Arthur Schopenhauer

gestellt und aufgezeichnet von Mathias Iven

Nur ein paar Tage liegt der Geburtstag von Arthur Schopenhauer zurück. Sehr präsent ist der 1860 in Frankfurt am Main verstorbene Philosoph allerdings im allgemeinen Bewusstsein nicht mehr, und auch in den Vorlesungsverzeichnissen der Universitäten stößt man nur noch selten auf seinen Namen. Hat uns der Autor von „Die Welt als Wille und Vorstellung“ nichts mehr zu sagen? Wird er langsam zu einer Randfigur der Philosophiegeschichte degradiert?

Nicht wenn es nach Ernst Ziegler und seinen beiden Mitstreitern Anke Brumloop und Manfred Wagner geht. Emsig sind die drei seit Jahren damit beschäftigt, die nachgelassenen Notizbücher Schopenhauers mustergültig aufzubereiten. Nach den „Senilia“ und den „Spicilegia“ ist soeben der dritte von zehn geplanten Bänden erschienen. Der „Pandectae“ betitelte Band (was so viel wie „Allumfassendes“ heißt, ebenso aber auch für „Sammlung“ steht) enthält Schopenhauers philosophisches Tagebuch aus den Jahren 1832 bis 1837.

Grund genug, dem Autor ein paar Fragen zu stellen …

* * *

Global betrachtet: Wie würden Sie mit einem Satz die gegenwärtige Situation der modernen Zivilisation umschreiben?

Was zur Erbärmlichkeit des Laufes der Welt viel beiträgt, ist der stillschweigende Bund aller Mittelmäßigen, deren Name Legio ist, gegen die einzelnen Vortrefflichen jeder Art […]“

Das Mittelmaß ist also der Maßstab unserer Entwicklung?

Ein Haupthinderniß der Fortschritte des Menschengeschlechts ist, daß die Leute nicht auf die hören, welche am gescheutesten, sondern auf die, welche am lautesten reden.“

Betrachten wir konkret die Literaturszene. Wie ist Ihr Eindruck da? Geht es noch um Qualität oder haben wir da nur viel Lärm um nichts?

Es giebt zu allen Zeit zwei Litteraturen, die unbefangen neben einander herlaufen: eine wirkliche und eine bloß scheinbare. Jene geht ihren Gang ernst und still und äußerst langsam, producirt kaum ein halbes Dutzt Werke im Jahrhundert, aber diese bleiben. Die andre geht im Gallop, unter großem Geschrei und Lärm, bringt jährlich viele Tausend Werke zu Markt. Aber nach wenig Jahren frägt man: wo sind sie? und wo ist ihr so früher und so lauter Ruhm?“

Das heißt also, dass die Kluft zwischen literarischem Anspruch und seichter „Massenlektüre“ immer größer wird?

Die zahllosen schlechten Bücher gleichen ganz dem Unkraut, welches dem Weizen die Nahrung entzieht und ihn erstickt. Denn sie reißen Zeit, Aufmerksamkeit und Geld des Publikums an sich, welche von Rechts wegen den guten gehören. Sie sind also nicht bloß unnütz, sondern wirken positiv schädlich.“

Positiv schädlich – das heißt?

Für die Litteratur könnte nichts Günstigeres geschehn als daß das Publikum begriffe, daß gemeine Köpfe nicht als gemeines Zeug schreiben können; wenn und wie sie es auch maskiren.“

Wäre es da nicht die Aufgabe der Literaturkritiker, Hilfestellung zu leisten?

Die Litteraturzeitungen sollten der Damm seyn gegen die Bücherüberschwemmung und ruchlose Tintenklexerei unsrer Zeit, indem sie nicht nur gerecht, sondern streng urtheilten jedes Machwerk eines Unberufenen, also wenigstens neun Zehntel aller Bücher, unerbittlich und hart geißelten und so dem Schreibekitzel und der Prellerei entgegenarbeiteten.“

Ein ganz anderes Thema ist die Anerkennung durch Stipendien oder Preise. Wie stehen Sie dazu?

Die schönsten Künste durch Geldbelohnungen, Preisvertheilungen, Akademien, Gesellschaften der Kunstfreunde, welche Stümpereinen kaufen und verspielen, – u. dgl. m. aufmuntern zu wollen, ist ganz zweckwidrig und gereicht der Kunst zum Nachtheil. Denn dadurch muntert man die auf, welche nicht die Kunst, sondern das Geld lieben, und ruft sonach zahllose Machwerke der Unberufenen ins Dasein, deren unübersehbare Menge dem ächten Talent das Bekanntwerden erschwert, zumal da jene Geld-Künstler sich auf Mittel und Ränke verstehn, zu denen der Mann von Talent nicht geeignet ist.“

Kommen wir noch einmal zurück auf die Frage der literarischen Qualität. Machen Sie sich es da nicht zu einfach mit Ihrem Urteil?

Die Schriftsteller kann man eintheilen in Sternschnuppen, Planeten und Fixsterne.“

Können Sie das noch ein wenig ausführen?

Die ersteren sind die momentanen Knalleffekte: man schaut auf, ruft Siehe da! – und sie sind auf immer verschwunden. Die zweiten, also die Irr- oder Wandelsterne, haben viel mehr Bestand: sie glänzen oft heller als die Fixsterne und werden von Nichtkennern mit diesen verwechselt: aber sie behaupten nicht lange ihren Platz und haben nur geborgtes Licht und nur einen sich auf ihre Bahngenossen (Zeitgenossen) erstreckenden Einfluß: sie wandeln und wechseln: ein Lauf von einigen Jahren Dauer ist ihre Sache. – Die letztern allein sind unwandelbar, stehn fest am Firmament, haben eigenes Licht, wirken zu einer Zeit, wie zur andern, ändern ihr Ansehn nicht durch die Veränderung des Standpunkts des Beschauers: denn sie haben keine Parallaxe. Sie gehören nicht, wie jene Andern, einem Systeme (Nation) allein, sondern der Welt an: aber eben wegen ihrer Höhe braucht ihr Licht oft viele Jahre ehe es dem Planetenbewohner sichtbar wird.“

Wenn Sie sich Ihre Antworten noch einmal anschauen: was wäre Ihr Resümee?

„Die Welt ist ästhetisch betrachtet, ein Karrikaturenkabinet, – intellektuell, ein Narrenhaus, – und moralisch eine Gaunerherberge, en gros et en détail.“

Arthur Schopenhauer: Pandectae. Philosophische Notizen aus dem Nachlass. Verlag C. H. Beck, München 2016, 572 S. mit 11 Abb., 44,– €

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