Buchempfehlung: Juli Zeh „Unterleuten“

Intrigieren, Koalieren, Antichambrieren, Reanimieren, Kokettieren, Stimulieren, Anschmieren

von Carsten Wist

Da zog es sie einst mit Lust aufs Land, auf der Suche nach der idyllischen Alternative zum hektisch-urbanen Großstadtleben. Gerhard, der habilitierte Soziologe, nun der engagierte Vogelbeschützer und seine 20 Jahre jüngere Sophie. Doch nun ist der Sommer nicht nur verdammt heiß, sie werden auch noch von schwarzen, stinkenden Rauchschwaden, die vom Grundstück des dicken Autoschraubers Schaller rüberwehen, eingeräuchert. So beginnt der neue Roman von Juli Zeh.“Unterleuten“ heißt er. Unterleuten ist das fiktive Dorf irgendwo in Brandenburg, in dem die Autorin ihren Roman angesiedelt hat, der so eine Art Versuchsanordnung zum Thema „Leben auf dem Land“ ist.

Zu dieser „Versuchsanordnung“ gehören neben den Neuen, den Zugereisten, als weitere Hauptfiguren die Alteingesessenen, die ihre geheimnisvolle Vergangenheit mit sich herumschleppen. So etwa Gombrowski, das Großgrundbesitzerkind, der die LPG einst aus turbulenten Wendezeiten in eine / seine neue Landwirschaftsfirma führte und damit für die meisten Arbeitsplätze im Dorf sorgt. Sein großer Gegenspieler ist der aus ärmeren Verhältnissen kommende Kron, der alte, krückstockschwingende Knochen, ein grantelnder Alt-Kommunist. Was ist da nur vor 20 Jahren in der stürmischen Gewitternacht zwischen den beiden vorgefallen? Eine Frage, die den Roman durchzieht. Nicht zu bremsen in ihrem Versuch, eine Pferdezuchtfarm aufzubauen, ist die Pferdeflüsterin Linda, eine zugereiste Macherin mit machiavellistischen Prinzipien. Dazu noch ein millionenschwerer Bodenspekulant und die Absicht der Landesregierung, Windkrafträder aufstellen zu lassen. Und schon ist die Ruh hin, sind die Herzen schwer und das vermeintliche Idyll wird zur Schlangengrube. Juli Zeh entwickelt in ihrem über 600 Seiten umfassenden Gesellschaftsroman aus ihrer Personage heraus das Dorf als Welt. Ihren Hauptfiguren sind die jeweiligen Kapitel widmet. Viele Figuren, viele Sichtweisen. Das erzählt sie chronologisch und der Roman wird damit zu einem Stimmenkaleidoskop.
Zeh schreibt schnell, hohes Tempo, viel Aktion, viele Details, viele Geschichten. Sie knallt mächtig mit der Beschreibungspeitsche, treibt die Handlungsstränge rasant voran. Das reicht von schnellen Autos über Schlägereien bis zur vermeintlichen Kindesentführung, hier wird intrigiert, koaliert, antichambriert, reanimiert, kokettiert, stimuliert und angeschmiert bis die Schädeldecke platzt. Das ist psychologisch und politisch interessant und entwirft ein generelles Zeitbild. Das ist auch moralisch, denn worum geht es den Figuren über den Eigennutz hinaus und was, wenn man stets glaubt Gutes zu wollen, und doch immer wieder Schlechtes dabei herauskommt. Das sind existentielle Fragen. Das Dorfleben als Schlachtfeld. „Unterleuten“ ist ein Unterhaltungsroman, dem, bei aller Hochgeschwindigkeitsprosa, erzählerische Tempowechsel, eingebaute Widerhaken und mehr Tiefe und Versunkenheit gut getan hätten. Dennoch folgender Tipp für den nächsten persönlichen Dorf-Alternativ-Plan: Erst Zeh lesen – dann kaufen und ansiedeln!

Juli Zeh : Unterleuten , Luchterhand Verlag, 639 S., 24,99€

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