Erzähl, Dramatiker! – Teil 3: Nis-Momme Stockmann

Teil 3: Nis-Momme Stockmann „Der Fuchs“
Die unendlich unwahrscheinliche Geschichte vom Fuchs, der sich verlaufen hat

von Felix Palent

Stockmann hat Mut. Hier tritt ein Autor mit geballter Faust und lauter Stimme auf, ein selbstbewusster Mann, der sich alles zutraut. Schon der Prolog hebt mit großer Geste und viel Eigensinn an. Im nordfriesischen Dorf Thule ist eine Sturmflut ausgebrochen, die Bewohner sitzen auf den Dächern und hoffen auf Rettung aus dem unendlich angewachsenen Meer. So auch Finn Schliemann mit ein paar Freunden. Und weil es so langweilig ist auf etwas so unwahrscheinliches wie Hilfe zu warten, erinnert sich Finn müde wegdämmernd an seine Jugendzeit. Besonders an die im Dorf gefürchteten halbstarken „Baschis“, mit denen es immer wieder handfeste Probleme gibt, und an das mysteriöse Mädchen Katja.

Sowohl Stockmann wie auch dieses Mädchen Stockmann, Fuchs Coversind jugendlich verspielt und von Ideen berauscht. Katja fixiert sich auf ein immer wieder auftauchendes Symbol – zwei konzentrische Kreise mit einem senkrechten Strich durch die untere Hälfte -, und dessen mögliche Verbindung mit zahlreichen nie gefundenen Leichenteilen von Toten des Dorfes. Irgendwann finden Finn und seine Gang einen alten Arm und schon beginnt die verzehrende innere Mechanik von Verschwörungstheorien die Oberhand zu gewinnen. Warum liegt ein abgetrennter Arm einfach so am Dorfteich? Was vorher noch als harmlose Jugendgeschichte erzählt wurde, wird plötzlich sehr mysteriös. Nicht nur die Handlung beginnt sich vielsagend aufzufächern, auch der Roman wird mit Schreibweisen und Formspielen bis zum Bersten aufgeladen. Schließlich verliert sich nicht nur Katja im Gewusel der Zeichen und bedeutungsschwangeren Symbole, sondern leider auch der Text. Stockmann vermischt Pop mit Agentenkrimi, Coming-of-age mit Science-Fiction, eine traumartige Verwunschenheit mit philosophischen Reflektionen. Je intensiver diese verschiedenen Arten des Schreibens ausgestellt werden, desto mehr drängt sich der Eindruck auf, dass sich hier ein Autor am eigenen Talent ergötzt.

Das Erzählen der Geschichte fragmentiert sich zunehmends, und kommt schließlich ganz zum erliegen. Der Roman implodiert förmlich in bedeutungsvoll geschilderten Details, die vom Leser in keine Rahmenhandlung mehr verordnet werden können. „Ich konnte nicht anders, als mich nach dem Sinn zu fragen von dem Ganzen. Beziehungsweise: nach dem Kontext, in dem es Sinn ergab.“

Dieses Buch zu lesen ist wie auf ein Knäuel aus mehreren Seilen zu blicken. Mitunter meint man Verbindungen und Verläufe zu erkennen, um dann doch wieder durch Überschneidungen und Verdrehungen buchstäblich den Faden zu verlieren. Und auch wenn Stockmann dieses Verfahren in poetologischen Absencen reflektiert, so tappt er doch in das Dilemma der Postmoderne hinein: Das Wissen um die Konstruiertheit einer Geschichte ergibt nämlich noch lange keine gute Geschichte. „Ich sehe immer nur das stumpfe Jetzt – und denke es mir wie ein logisches Ende. Aber die Ereignisse sind in Wahrheit nicht aufgezogen wie auf einer Perlenkette. Nein, denke ich: Sie fliegen blind füreinander durch die Wirklichkeit. Sind voneinander total unabhängig. Und dass sie sich treffen (…) und zusammen eine Geschichte (…) bilden, das ist so unendlich unwahrscheinlich.“

Auch der Titel des Buches müsste eigentlich „Die Füchse“ heißen. Die Anspielungen auf das Fuchs-Motiv sind so vielseitig und divergent, dass es nahezu unmöglich scheint, den Fuchs zu bestimmen.

„Ich möchte zusammenstückeln, wie das alles Sinn macht. Lieber, guter, alter Sinn, du Universalkleber. Wo bist du? Da draußen? Nein. Ich suche im Buch nach ihm. Blättere. Und blättere. Da muss es doch zu finden sein.“

In diesem Modus verharrt der Text. Stockmann möchte zwar ganz hoch hinaus – „Universum“, „Gottesgesicht“, „13,75 Milliarden Jahre“ -, er fährt unendlich viel Kulisse und Effekt auf, und kann diese Haschereien dann doch nicht in einen Bogen spannen. Bei aller Formulierungsfreude, die Stockmann hier beweist, ist der implizite Gehalt dieses Romans doch nur resignativ. Stockmann stellt die vielen großen Fragen der Menschheit, um sie aber nicht utopisch zu beantworten, sondern lediglich mit einem „wie auch immer“.

Schlussendlich endet das Buch an einem Nullpunkt. Die Implosion ist perfekt, spätestens hier existiert auch für den Leser kein Bezugssystem mehr. „Das Denken wird (…) völlig frei.“ Von Allem ist Stockmann zu Nichts gelangt. „Der Nullpunkt – die ideale Prosa der Wirklichkeit.“

Mit diesem Ende hat Stockmann eine riesige Parabel begründet, die Parabel von Alles und Nichts. Diesen Mut muss man bei einem Debütanten anerkennen. Sich die Messlatte so hoch zu hängen, bedarf einiges an Chuzpe. Wenn es dann so krachend schief geht und vom Mut nur Übermut bleibt, bleibt einzig die Hoffnung, dass damit das große Schreiben abgeschlossen ist, und sich der Autor auf das kleine besinnt. Denn das kann Stockmann, wenn er doch die ganze Theorie und das Überbordende und Ausgedachte streicht und sich auf das verlässt was er sieht:

„Als wir aus der Hütte heraustreten, zeigt sich der Abend kühl und astral. Ein dunkelblaues Tuch, auf dem sich langsam schwarze Tinte verteilt. In der ozeanischen Weite, fein und silbrig eingewebt: die Plejaden. Ein Duft von blühendem Löwenzahn, trockenem Schilf, Salzwasser und so dezent wie angenehm: Algen, Muscheln, Meer. So zeigt sie sich während eines iher seltenen Auftritte: die Nordseenacht. Sie hat immer noch ihren Zauber. Sie kann immer noch zwinkern und schäkern, selbstbewusst über das Parkett gleiten. Wenn sie in der Laune ist. Und heute ist sie. Keine Wolke. Eine Auflösung der Grenzen zwischen ruhig daliegendem Himmel und darüberschwebendem Wasser. Es ist zuviel. Man kann es nur fassen, indem man es ganz und gar abtut. Oder sich verschlingen lässt. Mitfliegt. Mitleidet. Pollen wird. Tanzender Staub über dem Wasser. Offen für das Wort Zauberkraft.“

Nis-Momme Stockmann: Der Fuchs, Rowohlt Verlag 2016, 717 Seiten, 24,95€.

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