Buchempfehlung: Efrat Gal-Ed über Itzik Manger

Wie Schlangen laufen Schienen in die Welt hinaus …“

von Mathias Iven

so heißt es gleich zu Beginn von Itzik Mangers „Ballade meiner Kindheit“. Eine revidierte und erweiterte Neuausgabe seiner Gedichte ist soeben erschienen und lädt dazu ein, einen der größten jiddischen Dichter zu entdecken …

Gal-Ed, NiemandsspracheManger, Dunkelgold

Mehr als ein Jahrzehnt hat die als Malerin und Autorin in Köln lebende und an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf lehrende Efrat Gal-Ed an einem Buch über ihn gearbeitet. Zwar spricht Gal-Ed bescheiden von einem „ersten Versuch einer kritischen Biographie“, doch die vor allem auf zahlreichen bisher unzugänglichen Dokumenten beruhende, mit fast 800 Seiten monumental zu nennende Darstellung wird wohl lange Zeit als Standardwerk zu gelten haben.

Was die Lektüre besonders reizvoll und spannend macht, ist die Herangehensweise der Autorin. So verbindet sie Mangers in „zusammenhängenden Fragmenten“ erzählte, sich aus „zahllosen Scherben“ zusammensetzende Lebensgeschichte mit der Zeit- und Kulturgeschichte Osteuropas zwischen den beiden Weltkriegen. Das klingt vielleicht wenig originell, doch um solcherart Anspruch gerecht zu werden, hat sich die Autorin „optisch“ noch etwas Besonderes ausgedacht – und, wie bereits in ihrer 2009 eingereichten und zur jetzt vorliegenden Biographie erweiterten Dissertation „Der junge Itzik Manger – ein europäischer Dichter“, selbst buchgestalterisch umgesetzt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, orientiert sich die Aufteilung der Seiten doch anders als beim üblichen Blocksatz an der für den Mitteleuropäer ungewohnten, durch zwei parallel verlaufende Textstränge bestimmten Darstellung des Talmud. Somit kann der Leser selbst entscheiden, ob er sich auf den die Person Manger betreffenden erzählerischen Haupttext konzentrieren möchte oder sich zunächst den erläuternden Passagen zuwendet, die das kulturelle, politische, literarische und soziale Umfeld des Dichters näher beleuchten – oder ob er, sozusagen, „parallel“ liest.

Geboren am 30. Mai 1901 MANGERim multi-ethnischen Czernowitz, der damaligen Hauptstadt der k. u. k. Provinz Bukowina, führte Itzik Mangers verschlungener Lebensweg u.a. nach Warschau und Paris, 1940 ging er ins Exil nach England, später nach Kanada und Anfang der fünfziger Jahre in die USA. 1958 besuchte er zum ersten Mal Israel, wo er am 20. Februar 1969 starb.

Als er mit 17 Jahren beschloss, jiddische Gedichte zu schreiben, war er von der Überzeugung geleitet, „daß die jiddische Literatur integraler Bestandteil der europäischen ist“. Sein 1925 gegründeter Selbstverlag trug den Namen „Jidisch is hefker“, was so viel bedeutet wie Jiddisch ist eine herrenlose und damit zugleich gefährdete Sprache, Jiddisch ist eine Niemandssprache.

Als Teil der polyglotten jiddischen Intelligenz, zu der beispielweise die gleichfalls aus Czernowitz stammenden Dichter Rose Ausländer und Paul Celan gehörten, fühlte Manger sich sein ganzes „Leben lang der traditionellen [jiddischen] Lebensweise tief verbunden“. Der durch die geschichtlichen Ereignisse erzwungene Verlust der Sprach- und Lebenswelt seiner Kindheit und Jugend brachte ihn fast zum Verstummen. Gal-Ed fasst es so zusammen: „Der Mensch Itzik Manger überlebte im Exil, der Dichter kaum. Er blieb entwurzelt, ohne Aussicht auf Rückkehr in die Welt, der seine Dichtung entsprang.“

Lassen wir zum Schluss Manger selbst zu Wort kommen. In seinem zuerst 1939 in Warschau erschienenen und 1963 erstmals ins Deutsche übersetzten Buch vom Garten Eden – der Text kann durchaus als ein Spiegelbild des untergegangenen ostjüdischen Europas gesehen werden – erklärt das Engelchen Schmuel Abe, Hauptfigur und alter ego des Autors: „Vielleicht ist das Paradies, wie ihr es euch ausmalt, eine Phantasie, eine bloße Vorstellung. Das Paradies, aus dem ich komme, ist das wahre Paradies, obwohl es voll ist von Mängeln. Deswegen ist es aber doch schön. Der Beweis: Ich sehne mich nach ihm und bin bereit, wenn man mich nur ließe, dorthin zurückzukehren.“

Efrat Gal-Ed: Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 784 Seiten, 44,– €

Itzik Manger: Dunkelgold, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 430 Seiten, 29,25€

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