Buchempfehlung: Eckart Kröplins Wagner-Chronik

Richard Wagner in Potsdam

von Mathias Iven

Ja, er war tatsächlich in unserer Stadt. Auch wenn man fairerweise sagen muss, dass sein Besuch nicht den von ihm erhofften Erfolg hatte. Doch der Reihe nach.

Die Villa Tieck in der Schopenhauerstraße

Ludwig Tieck, ein extrem produktiver Autor, der in seinem 50. Lebensjahr bereits auf eine 28-bändige Ausgabe seiner Werke verweisen konnte, kam 1842 auf Einladung von Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin. Nach mehr als zwei Jahrzehnten in Dresden bezog der „König der Romantik“, wie er respektvoll genannt wurde, in seiner Geburtsstadt repräsentative Räume in der Friedrichstraße und wurde vom preußischen König mit einem großzügigen Gehalt ausgestattet. Für die Sommermonate stellte man ihm die nach Entwürfen von Ludwig Persius 1845/46 umgestaltete Villa in der heutigen Schopenhauerstraße 24 in Potsdam zur Verfügung. Einzige Bedingung: Tieck hatte zur Unterhaltung des Königs im Theater des Neuen Palais den einen oder anderen Schauspielklassiker zu inszenieren.

Auch Richard Wagner konnte sich der Anziehungskraft der preußischen Hauptstadt nicht verschließen. Im Herbst 1847 blickte er auf eine fünfjährige, von Spannungen begleitete Tätigkeit als Königlich-Sächsischer Kapellmeister am Dresdener Hof zurück. Er suchte nach einer neuen Herausforderung und hoffte, sein zukünftiges Tätigkeitsfeld in Berlin zu finden. Die dort geplante Aufführung seines „Rienzi“ sollte die Eintrittskarte sein, schließlich hatte ihm diese Oper 1842 zum musikalischen Durchbruch verholfen. Doch der ansonsten so kunstsinnige Friedrich Wilhelm IV. schien an Wagner und dessen Musik keinerlei Interesse zu haben.

Da der König ihn nicht empfing, suchte Wagner auf andere Art und Weise mit einflussreichen Größen der Berliner Gesellschaft in Kontakt zu kommen. Nicht einmal zehn Tage nach seiner Ankunft teilte er seiner Frau Minna am 26. September 1847 mit: „Heute habe ich den ersten Tag ganz frei u. den will ich benutzen, um Tiek [sic!] in Potsdam zu besuchen! Die [zur engeren Umgebung von Prinzessin Augusta, der späteren Frau von Wilhelm I., gehörende Malerin Allwine] Frommann behauptet, Tiek könne mir beim Könige am aller meisten nützen!“ Gesagt, getan. Im Gepäck hatte Wagner die Skizzen für seinen „Lohengrin“. Zwar schien Tieck, der ihn „wie ein[en] nicht eigentlich fernstehende[n] ältere[n] Bekannte[n]“ aufnahm, durchaus interessiert an dem Projekt, allerdings sah er keine Möglichkeit für eine Förderung durch Friedrich Wilhelm.

Einen Monat später, am 26. Oktober 1847, stand der „Rienzi“ zum ersten Mal auf dem Spielplan der Berliner Hofoper, am Pult Richard Wagner. Sieben Aufführungen folgten. Die Kritiker reagierten unterschiedlich. Man warf Wagner vor, es mit seiner Musik nur auf „heftige und blendende Eindrücke“ abgesehen zu haben, statt „durch Einfachheit und wahre Schönheit zu fesseln“. Und noch drastischer hieß es an anderer Stelle: „Meyerbeer ist ein sanft blökendes Lamm gegen diesen brüllenden Stier.“

In seiner zunächst nur als Privatdruck veröffentlichten Autobiographie „Mein Leben“ stellte Wagner das Ganze Jahre später wie folgt dar: „Da ich andrerseits veranlaßt wurde, [am 2. November] noch eine dritte Aufführung des ,Rienzi‘ zu dirigieren, und während doch immer noch die Möglichkeit verblieb, eine plötzliche Bescheidung nach Sanssouci zu empfangen, setzte ich nun einen bestimmten Tag fest, bis zu welchem ich dem Schicksal in betreff meiner wichtigsten Pläne die Türe offenlassen wollte. Auch dieser Termin verstrich, und es blieb nun dabei, daß ich meine Berliner Hoffnungen für durchaus gescheitert anzuerkennen hatte.“ Am 6. November 1847 kehrte Wagner enttäuscht nach Dresden zurück. Potsdam sollte er nie wiedersehen. – – –

Das soeben Beschriebene umspannt einen Zeitraum von gerade einmal sieben Wochen. Was sich wann und wo in den sieben Jahrzehnten von Wagners Leben sonst noch abgespielt hat, das verrät die soeben erschienene Wagner-Chronik des Musik- und Theaterwissenschaftlers Eckart Kröplin. Minutiös verfolgt er darin Wagners Leben von Tag zu Tag, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr. Durch die zahlreichen, als Beleg angeführten Auszüge aus den Schriften Wagners und seiner Zeitgenossen verspricht diese Chronik zugleich ein kurzweiliges Lektüreerlebnis der etwas anderen Art.

Eckart Kröplin: Richard Wagner-Chronik. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2016, 572 Seiten, 99,95 €

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