Buchempfehlung: André Kubiczek „Skizze eines Sommers“

Ran an die Platten von Damals!

von Carsten Wist

André Kubiczek macht erneut seinen Geburtsort Potsdam zu einem literarischen Ort. Diesmal ist es jedoch nicht „Das fabelhafte Jahr der Anarchie“ 1990, sondern der Autor geht zurück in das Jahr 1985. Es ist Sommer. “Skizze eines Sommers“, so heißt Kubiczeks Roman, ist jedoch weit mehr als eine hingeworfene Skizze, es ist ein großformatiges Sittenbild von fast 400 Seiten geworden.
Kubiczek hat mit dem Ich-Erzähler Rene eine so sympathisch-anarchische Figur entwickelt, dass diese Zeit vor 30 Jahren wieder enorm lebendig wird. Rene wohnt im Neubaugebiet am Stern, zur Mittwochsdisco geht man ins „Orion“, durch die Stadt fährt man mit Tatra-Straßenbahnen, man raucht „Club“, zum Trinken geht man in die „Seerose“. Aber meistens hängen Rene und seine Freunde Michael, Mario und Dirk im verschrieenen magisch-mythischen „Cafe Heider“ ab, dieser asozial subversiven Spelunke. Die Schule kriegen sie irgendwie hin, in den Sülz- und Schwafelfächern fliegen sie mit viel Ironie unter dem Lehrerradar durch und ihre Eltern wissen nicht so genau, wie die Kids so drauf sind, sie verdrehen die Augen ob der auffälligen Klamotten und der lauten Musik. Apropos Musik, die einzelnen Romanteile beginnen mit Zitaten von Bands wie „Prefab Sprout“ oder „Simple Minds“. Rene hat einen Doppelkassettenrekorder im Dauereinsatz. Doch dann sind da ja noch die Bücher, viel mehr die Helden, die verschrobenen, die angebeteten, die dekadenten Autoren von Baudelaire, über Rimbaud bis Verlaine. Es lebe die Melancholie, es lebe die Dekadenz! So denken, so schreiben können, so aussehen, so leben – das wollten sie. In der DDR?!

Ja!, und sie legten los mit einer enorm großen Ego-Portion. Rene, dessen Mutter tot ist, kommt in diesem Sommer entgegen, dass sein Vater für 7 Wochen bei einer Konferenz in Genf weilt, er also nicht nur eine sturmfreie Wohnung hat, sondern auch von Vati ziemlich viel Geld für die Zeit bekommt. Rumhängen, lesen, sich mit abgewetzten Bleistiften wichtigtuerisch Notizen machen, Musik hören, zu Partys an den Heiligen See gehen und Mädchen kennenlernen – so wird man Erwachsen auf die eigene Art oder verschiebt dieses spätpubertäre Endzeitding einfach noch. Mit den Mädchen Bianca, Rebecca und mit der großen Schwester von Fritzi ist das nicht so eine einfache Sache. Mit der einen kann man gut quatschen, mit der anderen gut rummachen, die eine zieht sich zurück, von der anderen wird man verlassen. Es ist eben ´was los in diesem Sommer ´85.
Der Spaß der Erinnerung ist diesem Coming-of-age Roman anzumerken, Kubiczek erzählt so was von locker und unbeschwert, berauscht vom ja-so-wahr- es-wohl- Damals. Also, ran und rausgeholt, die Platten von einst und „The Cure“ wieder gehört und Baudelaires Werke und Briefe, damals in der Wohngebietsbuchhandlung für 60 Ostmark erstanden, wieder gelesen. Nur das „Cafe Heider“ von einst erkennen wir heute so gar nicht wieder. Macht nichts, das lebt schließlich in der literarischen Erinnerung weiter, dank André Kubiczeks wunderbarer Beschreibung.
André Kubiczek: Skizze eines Sommers, Rowohlt Verlag, 375 Seiten, 19,95€

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