Buchempfehlung: Hannah Arendt „Schreib doch mal ‚hard facts‘ über dich“

Zwei Philosophen in Nowawes

Der Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Günther Anders

von Mathias Iven

Am 26. September 1929 gaben sie sich im Standesamt von Nowawes, dem heutigen Kulturhaus Babelsberg, das Jawort. Die Rede ist von Hannah Arendt und Günther Stern, der seit Anfang der dreißiger Jahre seine Artikel unter dem heute bekannteren Namen „Günther Anders“ veröffentlichte. Nur wenige Wochen zuvor hatten die beiden eine kleine Wohnung in der damals zu Nowawes gehörenden Merkurstraße bezogen. Bereits im Frühjahr 1930 übersiedelte das Paar nach Frankfurt am Main, später zogen sie nach Berlin. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierten sie nach Paris.

Acht Jahre lang waren sie verheiratet. Im September 1937 – Anders lebte inzwischen in den USA – wurde die Ehe aufgehoben. In den Unterlagen dazu findet sich die lapidare Bemerkung: „Durch das am 8. September 1937 rechtskräftig gewordene Urteil des Landgerichts in Berlin ist die Ehe zwischen Günt[h]er Siegmund Stern und der Johanna Stern, geborene Arendt geschieden worden.“

In Paris lernte Hannah Arendt 1936 Heinrich Blücher kennen, der vier Jahre später ihr Mann wurde. Gemeinsam mit Arendts Mutter verließen sie 1941 Europa in Richtung Amerika. Am 23. Mai, einen Tag nach ihrer Ankunft, gab sie in New York ein Telegramm auf: „SIND GERETTET WOHNEN 317 WEST 95 = HANNAH.“ Der Empfänger war Günther Anders. Eine Woche später konnte er in einem Brief von ihr lesen: „NY ist wie ein sehr großes Berlin – soll mir auch recht sein, wenngleich ich in den letzten Jahren ein eingefleischter Pariser geworden war.“ Und ein paar Tage darauf teilte sie ihm mit: „Die schlimmste Sorge ist die Sprache: Wann ich die lernen werde […], weiß nur der liebe Gott.“

Sie blieben in brieflichem Kontakt. Zu persönlichen Begegnungen sollte es nur noch zwei Mal kommen: 1961 in München und 1975 in Freiburg. In seinem letzten Brief, geschrieben am 26. November 1975, beklagte Anders seinen Gesundheitszustand: „Ich selber arbeite garnicht mehr, bin – das ist keine Koketterie – Opfer einer sehr frühen Verkalkung; und lebe eigentlich nur noch, um dafür zu sorgen, dass meine unveröffentlichten Schriften gerettet werden.“ Ob Hannah Arendt diese Zeilen noch gelesen hat? Sie starb am 4. Dezember 1975 – Anders sollte sie um 17 Jahre überleben.

Der jetzt erstmals veröffentlichte Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Günther Anders umspannt die Jahre 1939 bis 1975. Rund 50 Briefe und Dokumente werden präsentiert, so u.a. der gemeinsam verfasste Aufsatz „Rilkes Duineser Elegien“ sowie die unabhängig voneinander geschriebenen Besprechungen zu Karl Mannheims Buch „Ideologie und Utopie“. Ein Großteil der Korrespondenz muss leider als verloren gelten. Inhaltlich geht es in den überlieferten Schreiben um Alltagsfragen, Buchprojekte und Reisepläne. Oftmals ist es nur eine Aneinanderreihung von Stichworten – das Gegenüber wusste, worum es sich handelte. Dass das auch der heutige Leser versteht, ist der Herausgeberin Kerstin Putz zu verdanken, deren hervorragende Kommentierung keine Frage offenlässt und diesen Briefwechsel zu einer spannenden Lektüre macht.

Kerstin Putz (Hrsg.in): Hannah Arendt – Günther Anders. Schreib doch mal ‘hard factsʼ über Dich. Briefe 1939 bis 1975. C. H. Beck Verlag, München 2016, 286 Seiten mit 6 Abb., 29,95 €

 

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